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Fall Tristan : Dem Mörder ein Gesicht geben

Konkrete Hinweise lieferte schließlich die Wissenschaft. Kriminaltechniker fanden eine erste entscheidende, heute noch immer wichtige Spur: einen Fingerabdruck, der höchstwahrscheinlich vom Täter stammt. Die Polizei leitete einen Massenabgleich ein, der in dieser Größenordnung bis dahin in Deutschland einmalig war. Alle männlichen Einwohner aus Höchst und Unterliederbach im Alter von 15 bis 45 Jahren wurden um die freiwillige Abgabe ihrer Fingerabdrücke gebeten. In die Aktion mit einbezogen wurden ehemalige Einwohner aus Zeilsheim, Sindlingen, Nied, Sossenheim, Höchst und Unterliederbach sowie Berufspendler, die in einem dieser Stadtteile arbeiteten. 99 Prozent hätten sich den Abdruck abnehmen lassen, sagt Fey. Einige fehlen noch immer.

Gesuchter Mann ist groß, hager mit blonden, langen Haaren

Ein zweiter Ermittlungsansatz war der Rucksack von Tristan. Er wurde ein Jahr nach der Tat in einem Waldstück in der Nähe von Niedernhausen gefunden. Darin fanden die Ermittler unter anderem eine Deutschland-Straßenkarte in tschechischer Sprache. Also verfolgte die Polizei die Spur bis nach Tschechien, doch wieder blieb der Erfolg aus.

In all den Jahren war es nicht gelungen, dem Täter ein Gesicht zu geben. „Natürlich fragt man sich, wie sieht so jemand aus?“, sagt Fey. Aus Erfahrung weiß er aber, dass man einem Mörder in den seltensten Fällen die Tat ansieht. „Oft sind das ganz normale Menschen, denen niemand etwas Böses zugetraut hat. Und dann sitzt man ihnen gegenüber und ist einfach nur überrascht.“

Dass auch der Mörder von Tristan ein unscheinbarer Familienvater oder hilfsbereiter Nachbar sein könnte, mag sich niemand vorstellen. Und so blieb seine Person abstrakt, eben ein monströses, bestialisches, kaltblütiges Wesen. Die Frage nach dem Aussehen des Täters hat Fey jedoch die ganze Zeit beschäftigt, bis zuletzt. Schließlich begann er, sich wieder die Ermittlungsakten vorzunehmen. Er las sich zum x-ten Male sämtliche Zeugenaussagen durch, verglich die Informationen, die er und seine Kollegen über die Jahre gesammelt hatten. Immer wieder tauchte die Beschreibung eines Mannes auf: groß, hager, blonde, lange Haare, die er zu einem Zopf gebunden hat, damals etwa 20 bis 30 Jahre alt. Dass dieser Mann mit der Tat etwas zu tun hat, halten die Ermittler inzwischen für wahrscheinlich.

Abermals wurden glaubwürdige Zeugen geladen. Mit ihrer Hilfe hat eine Spezialistin des Landeskriminalamts ein Phantombild des Verdächtigen angefertigt, der damals von mehreren Personen in der Nähe des Tatorts gesehen worden war. Es ist ein Mann mit blassblauen Augen. Über der Oberlippe hat er eine Verletzung, vielleicht auch eine Hasenscharte. Die Wangen sind eingefallen, das charakteristischste Merkmal ist aber der lange blonde Zopf.

Möglicherweise ist dieses Phantombild eine der wenigen Möglichkeiten, die den Ermittlern noch bleiben, um den Fall eines Tages aufzuklären. Vielleicht ist es sogar die letzte Chance.

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