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Fall Jakob von Metzler : Magnus Gäfgen - ein ganz lieber, geldfixierter, skrupelloser Egoist

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Das vorgespiegelte Leben, das Magnus Gäfgen geführt hat, diese Imitation einer von Geldsorgen unbeschwerten Existenz eines erfolgreichen jungen Juristen auf dem Weg in die ganz große Karriere, hat seinen Ursprung nirgendwo als im Charakter dieses Mannes.

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          Das vorgespiegelte Leben, das Magnus Gäfgen geführt hat, diese Imitation einer von Geldsorgen unbeschwerten Existenz eines erfolgreichen jungen Juristen auf dem Weg in die ganz große Karriere, hat seinen Ursprung nirgendwo als im Charakter dieses Mannes. Es gibt, so läßt sich nach sieben Prozeßtagen wohl sagen, keinen überzeugenden äußeren Einfluß, der Gäfgen zum Entführer des kleinen Jakob von Metzler hat werden lassen, zum nach eigenem Geständnis Schuldigen am Tod des Kindes, zum Erpresser der Eltern. Der Kreis junger Leute - alle jünger als er selbst -, in dem er sich aufgenommen fühlte und dem weiter anzugehören er buchstäblich alles aufs Spiel zu setzen bereit war, gibt mit Gewißheit nicht das Puzzle ab, in das sich Gäfgens Taten gleichermaßen als Schlußsteine einfügen ließen. Es gibt keine übermäßige Geldprotzerei im Ibiza-Kreis, es sind normale junge Leute, die Spaß am Leben haben. Sie mögen sich vielleicht die eine oder andere überteuerte Hose, ein Goldkettchen da, einen verzierten Ring hier leichter als die meisten leisten können, aber jener überwältigende Zwang, den eine verwehte Kulturkritik einmal "Konsumterror" genannt hat, ging nicht von ihnen aus.

          Gleichwohl, dies muß man an Gäfgens Darstellung ernst nehmen, waren diese Freunde, von denen er Lässigkeit und Selbstbewußtsein durch Nachahmung bezog, schon fast alles, was er hatte. Sein eigenes Selbstwertgefühl, so hat er geschildert, stützt ihn nicht sonderlich. Seine vermutlich tief empfundene und mit Wörtern aus dem Groschenroman beschriebene Beziehung zu einer sechzehnjährigen Schülerin ("wie ein Wunder," " ein Traum", "die Liebe meines Lebens", "ich habe sie vergöttert") zeigt nichts anderes: ein nicht selbstbewußter Mann, der sich mit Freuden in die Hand eines erotisch anziehenden Kindes begibt und geradezu jubelnd dessen Launen erträgt: Das Mädchen sei egoistisch, zuweilen hart und skrupellos, geldfixiert, sagte Gäfgen und fügte, wie sich selbst zum Trost und zur Erklärung einmal hinzu, ganz im Inneren sei seine Geliebte aber "ein ganz lieber Mensch".

          Dies darf man auch als Selbstbeschreibung verstehen. Gäfgen sieht auch sich selbst in seinem tiefsten Wesen nicht als bösen Menschen. In seiner Vorstellungswelt hat er den Tod des Kindes nicht gewollt. Den von ihm realisierten ungeheuerlichen Akt von Egoismus, des Durchsetzungsvermögens der schlimmsten Art und skrupellosester Gesinnung schilderte er in allen entsetzlichen Einzelheiten, aber in einem distanzierenden Bild: Was in seiner Wohnung geschehen sei - es war der aus nächster Nähe beobachtete qualvolle Erstickungstod eines hilflosen Kindes -, habe er wahrgenommen wie durch eine in der Decke angebrachte Filmkamera. Diese Metapher ist nicht bloße Zumutung eines sich herausreden wollenden Angeklagten, sondern der Selbstrettungsversuch eines Mannes, der beobachtet hat, wie unter dem Kleinbürger, der er war, und dem Hochstapler, der er wurde, ein dritter tätig war: ein bösartiger Verbrecher, den die Anklageschrift einen heimtückischen Mörder aus Habgier und niedrigen Beweggründen nennt.

          Gäfgen ist vermutlich intelligent genug, zu spüren, daß ihm niemand im Gerichtssaal dieses "Ich habe es getan, aber dies war nicht ich" glaubt. Mit Ausnahme seines Verteidigers Hans Ulrich Endres, eines im Respekt vor der Würde selbst des Verbrechers geübten Rechtsanwalts, haben fast alle Prozeßbeteiligten ihre Skepsis erkennen lassen. In dem Bemühen, dem Angeklagten neben der bereits geleisteten lückenlosen Darlegung des äußeren Tatablaufs auch eine überzeugende Schilderung der inneren Verfassung abzunötigen, übersehen die Skeptiker vermutlich, daß es für Menschen oft unmöglich ist, die mächtigen Kräfte zu beschreiben, die in Wahrheit das eigene Ich beherrschen mögen, während das darüber gelegte schönere Bild sich leichter darstellen läßt.

          Gäfgen wäre nicht der erste Angeklagte, der sich vor dem eigenen Abgrund durch Rückzug zu retten versucht. THOMAS KIRN

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