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Fahrradkuriere : „Am Abend bin ich ein Held“

  • -Aktualisiert am

Auf zwei Rädern: Andy Mochner ist Fahrradkurier aus Leidenschaft. Er fährt bis zu 120 Kilometer täglich. Bild: Röth, Frank

Die Deutsche Post will in Frankfurt jetzt Fahrradkuriere einsetzen. Dabei herrscht schon reger Wettbewerb auf der Straße. Ein Einblick in eine strampelnde Branche.

          Manchmal schicken ihn Eltern los, um Geburtstagsgeschenke für ihre Kinder zu kaufen. An anderen Tagen rufen ihn Handwerker an, wenn sie ihr Werkzeug daheim vergessen haben und es dringend auf der Baustelle brauchen. Kürzlich musste er auch mal Pferdesperma ausfahren. Ein ungewöhnlicher Auftrag, selbst für einen, der an ungewöhnliche Aufträge gewöhnt ist.

          Egal ob Pferdeejakulat, ein Geburtstagsgeschenk oder der Werkzeugkasten: Immer schwingt sich Andy Mochner in den Sattel seines schwarz-goldenen Rennrads und saust los, um seinen Kunden zu bringen, was sie brauchen. Mit Fracht von bis zu 25 Kilogramm im Rucksack jagt er dann durch die Stadt, 10 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche. Mochner ist einer von ungefähr 50 Fahrradkurieren in Frankfurt.

          Fahrradkurier - das klingt ein bisschen nach Postkutsche oder Brieftaube, irgendwie romantisch, aber eben auch hoffnungslos veraltet neben E-Mail und Smartphone. Stimmt nicht, sagt Matthias Simon, der seit rund 25 Jahren Turbokurier betreibt. „Vor allem in der City ist das Fahrrad die schnellste Art voranzukommen.“ Zudem gebe es viele Dinge, die seine Kunden nicht per Mail oder Brief verschicken könnten oder wollten: Gepäck, Akten, Medikamente, Reisepässe, Steuererklärungen, Tierfutter, Handtaschen, Blumen, Fotos - ihm fällt vieles ein.

          „Der Markt ist hart“

          Doch natürlich hat der technische Fortschritt viel Geschäft weggenommen. Anfang der neunziger Jahre arbeiteten noch fast doppelt so viele Fahrer für Turbokurier wie heute. Dann kamen der Computer, das Internet, die E-Mail, das Smartphone und machten viele Fahrradkuriere überflüssig. Nur ungefähr die Hälfte von Simons Fahrern sitzt heute bei ihrer Arbeit auch auf dem Fahrrad, die anderen im Büro oder hinter einem Autolenker. Die Autokuriere machen weitere Fahrten, bringen schwerere Pakete und liefern auch über Nacht aus.

          Funkkontakt: Kurier Andy Mochner kommuniziert mit dem Gerät mit der Zentrale, von der er die Aufträge erhält.

          „Autos gibt es genug“, sagt Klaus Rehn, Chef von Velomobil, einem anderen Anbieter. Er ist Purist, 15 Fahrer arbeiten bei ihm, allesamt Fahrradkuriere. Auch für Rehn lief das Geschäft schon einmal besser. 40 Fahrer strampelten zur Jahrtausendwende für Velomobil, seither hat sich viel getan, „der Markt ist hart“, sagt Rehn. Viele Einzelfahrer drängten sich um Aufträge, andere Kurierdienste zahlten Dumpinglöhne.

          Kuriere bringen Proben ins Krankenhaus

          Zwischen zehn und zwölf Euro verdienen Rehns Radler nach seinen Angaben je Stunde, einige von ihnen sind Studenten, viele aber auch hauptberufliche Fahrradkuriere. Zu den Stammkunden zählen hauptsächlich Banken, Rechtsanwälte und andere Dienstleister, aber auch Biomärkte und „Ökoklamotten-Läden“, die Wert auf eine umweltfreundliche Alternative zum Auto legten.

          Um sich am umkämpften Markt behaupten zu können, sucht Rehn stets neue Ideen, Nischen, die andere noch nicht entdeckt haben. Seit einiger Zeit transportieren seine Kuriere zum Beispiel Gewebeproben und Schnellschnitte von einem Krankenhaus zum anderen, die Fahrer mussten dafür eigens ein Seminar besuchen. Welche Krankenhäuser beliefert werden, verrät Rehn nicht. Er wolle schließlich nicht, dass die Konkurrenz abkupfere.

          Sechs Euro in der Stadt, 25 bis zum Flughafen

          Nachdem Computer, Internet und E-Mail den Fahrradkurieren in den vergangenen Jahren zugesetzt haben, läuft es zumindest für Rehn seit einigen Monaten wieder etwas besser. Vielleicht habe ja auch der NSA-Skandal dazu beigetragen, dass dem Menschen wieder mehr vertraut werde als einer Maschine, sagt Rehn. Auch Melanie Moog von den FBX Fahrradkurieren spürt, dass die Nachfrage ein klein wenig anzieht. Die NSA bringt sie mit dem Aufschwung nicht in Verbindung, eher die gute Wirtschaftslage allgemein. Wenn viele Verträge unterschrieben, Geschäftsbriefe verfasst und Baupläne gezeichnet würden, dann merke das eben auch der Fahrradkurier, der die Schriftstücke von A nach B bringe.

          FBX ist ein reiner Vermittler von Kurieraufträgen, alle Fahrer sind selbständig. Sechs Euro kostet eine Kurzstrecke in der Innenstadt, 25 Euro eine Fahrt von der City zum Flughafen. Einen kleineren Teil bekommt FBX für die Auftragsvermittlung und anfallende Bürokosten, den größeren die Kuriere. In welchem Verhältnis genau aufgeteilt wird, möchte Moog nicht sagen.

          Andy Mochner verdient zwischen sieben und maximal 30 Euro in der Stunde, je nach Auftragslage. Ungefähr 20 Touren fährt er am Tag, insgesamt 80 bis 120 Kilometer. Als er vor zweieinhalb Jahren als Fahrradkurier anfing, war es zuerst hart. Die körperliche Belastung setzte ihm zu, außerdem kannte er Frankfurt bisher nur als Autofahrer, von den meisten Straßennamen hatte er noch nie etwas gehört. Heute muss er kaum mehr auf die Karte schauen, und das viele Strampeln macht für ihn den großen Reiz seines Berufs aus.

          Geld ist für Mochner und viele andere Fahrer nicht der Hauptgrund, weshalb sie auf das Rad steigen. „Selbst wenn sie im Lotto gewännen, würden viele weitermachen“, sagt Moog. Es gebe zum Beispiel auch Kuriere, die als Ausgleich zu einem langen Arbeitstag abends noch mit ihrem Rennrad durch die Stadt pesen würden.

          „Es hat Suchtpotential“, findet Moog. Draußen sein, über den Asphalt brettern, in die Bürotürme rein, in die man sonst nie hineinkäme, Banker, Architekten, Menschen, die man eigentlich nie träfe, all die Erlebnisse. „Wenn man am Abend heimkommt, fühlt man sich wie ein Held.“

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