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Fahrgeschäfte : Die Furcht vor immer mehr Seh-Leuten

Teurer Nervenkitzel: Immer mehr Seh-Leute Bild: Wonge Bergemann

Auf den Festplätzen herrscht bei gutem Wetter Gedränge, doch an den Kassen der Fahrgeschäfte muß man meist nicht lange warten, denn die Besucher halten das Geld fest.

          4 Min.

          Aus dicken grauen Wolken fällt ein Regenschauer. Es ist windig und ungemütlich an diesem Mittag auf dem Festplatz am Frankfurter Ratsweg, doch es riecht nach Kirmes und schönen Kindheitserinnerungen.

          Patricia Andreae
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine halbe Stunde bevor der Dippemess'-Betrieb losgeht, liegt schon der Geruch von Backfisch und gebrannten Mandeln in der Luft. Die Losverkäuferin kehrt noch die Nieten des Vortags zusammen. Die Rolläden der Buden werden hochgezogen. Und einige Familien schlendern durch die Gassen, um sich in Ruhe einen Überblick zu verschaffen.

          Mathematiklektion

          Mit leuchtenden Augen stehen zwei Buben vor der Wildwasserbahn, zeichnen mit dem Arm die Windungen der Schienen nach. Furcht und Begeisterung spiegeln sich in den Gesichtern. "Damit will ich auch fahren!" Ein Wunsch aus tiefem Kinderherzen - er wird zur Mathematiklektion.

          Kommen Sie näher, kommen...: Zehn Lose für 1,50 Euro
          Kommen Sie näher, kommen...: Zehn Lose für 1,50 Euro : Bild: Wonge Bergmann

          "Ihr könnt entweder einzeln einmal Riesenrad und Wildwasser oder zweimal zusammen Autoscooter und Geisterbahn fahren", rechnet der Vater vor. Bei Preisen zwischen zwei und fünf Euro für die Fahrgeschäfte wird der Familienausflug auf den Jahrmarkt schnell ein teures Vergnügen, schließlich wollen Hunger und Durst auch noch gestillt werden.

          Trend zum Flanieren

          Kein Wunder also, daß in den Kassenhäuschen gern auf den nächsten Geldautomaten hingewiesen wird, doch wenn auf dem Konto Ebbe herrscht, nutzt das wenig. Und beim Publikum der Jahrmärkte scheint das immer häufiger der Fall zu sein. Wurden vor zehn Jahren noch etwa 20 Mark pro Person auf dem Rummel ausgegeben, kalkuliert man in der Branche derzeit mit einem Budget von nur noch fünf bis sieben Euro. "Heute geht nur noch ein Elternteil mit aufs Karussell", heißt es. Statt der Zehner- werde die Zweier- oder Dreierkarte gekauft - oder nicht einmal mehr die.

          Es gibt offenbar immer mehr Seh-Leute, die nur über den Jahrmarkt bummeln, aber auf keinem der Geräte fahren. Beim jüngsten Münchner Oktoberfest seien schon zehn Prozent der Besucher nur gebummelt oder ins Festzelt gegangen, hätten aber kein Fahrgeschäft bestiegen, heißt es beim Bundesverband der Jahrmarktbeschicker in Berlin. Der Trend zum Flanieren bereitet den Schaustellern große Sorgen - schließlich wollen sie ihre Anlagen ja keineswegs nur zur Schau stellen.

          Sinkende Einnahmen

          Konstante Zahlen von insgesamt 2,5 Millionen Besuchern bei den beiden Dippemessen im Frühjahr und Herbst sind für die Unternehmer auf dem Festplatz in Frankfurt daher kein Trost, denn sie sehen, daß ihre Einnahmen sinken, während die Belastungen steigen.

          Investitionen für den Unterhalt der Geräte oder Neuanschaffungen für zweistellige Millionenbeträge sowie hohe Kosten für Transport, Auf- und Abbau müssen schließlich eingefahren werden. Dabei nutzt es offenbar auch nichts, daß die Frankfurter Tourismus und Congress GmbH, die die Volksfeste in der Stadt organisiert, die Standpreise seit 14 Jahren nicht erhöht hat, wie Geschäftsführer Günter Hampel hervorhebt.

          Konsumflaute, Arbeitslosigkeit und der Trend zum Sparen

          Immerhin 4000 bis 8000 Euro müssen die Betreiber von Hochgeschäften wie Achterbahn und Riesenrad für die dreiwöchige Oster-Dippemess' zahlen, 3900 Euro für ein großes Festzelt erscheinen da fast günstig. Ohnehin gibt es reichlich Neid zwischen den Betreibern der Attraktionen und jenen der Imbißstände. Für Bratfisch, Limo und Zuckerwatte wird offenbar eher Geld ausgegeben, als für ein paar Minuten Nervenkitzel.

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