https://www.faz.net/-gzg-143p3

F.A.Z.-Spendenaktion : Für Neha und Apsana

  • -Aktualisiert am

Die Kinderstation der „Ärzte für die Dritte Welt” in Kalkutta soll erweitert werden Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Wie stets im Herbst bitten F.A.Z. und FAZ.NET ihre Leser um Spenden - diesmal für Umbauarbeiten in der Aids-Ambulanz der Frankfurter Uniklinik und für die Arbeit des Vereins „Ärzte für die Dritte Welt“ in Indien. Doch was machen die ehrenamtlichen Mediziner aus Deutschland in Kalkutta? Ein Reisebericht.

          4 Min.

          Wir hatten das Bild nie vergessen. September 1999 in Mathare Valley, Nairobi, Kenia - vor der langgestreckten Hütte mit den einfachen Behandlungsräumen der Ärzte warteten 103 Frauen und Männer, seit dem frühen Morgen allemal, vielleicht schon die Nacht durch. Inzwischen stand die Sonne im Zenit, die Menschen warfen nahezu keine Schatten mehr, aber sie harrten aus. Kritische Literatur über Entwicklungshilfe gab es auch damals schon, aber angesichts der geduldigen Patienten war es nicht schwer, den Einsatz der „Ärzte für die Dritte Welt“ in diesem Slum, einem der größten Nairobis, richtig zu finden. Die „German Doctors“, wie sie hier genannt wurden, waren die einzigen Mediziner für die nach Zehntausenden zählenden Bewohner. Diese Zeitung hatte damals ihre Leser um Spenden für diese Arbeit gebeten. An die 800.000 Mark flossen in die Krankenstationen des Vereins in Nairobi und Manila.

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Nach einem Jahrzehnt nun wieder die „Ärzte für die Dritte Welt“. Der 1983 vom Jesuitenpater Bernhard Ehlen gegründete Verein ist gewachsen, aus dem Ein-Mann-Büro an der Elsheimer Straße hinter der Alten Oper ist eine kleine Büroflucht in der katholischen Hochschule St. Georgen an der Offenbacher Landstraße geworden. Diesmal hat die Organisation um Unterstützung ihrer Arbeit in Kalkutta gebeten. Wieder eine Reise in ein Armenviertel, um zu berichten, wofür das Geld der Leser ausgegeben werden soll, wieder aufwühlende Tage wie einst in Nairobi.

          Die Hütte steht halb in einem Teich

          Wir wollen nicht behaupten, dass wir alles verstanden haben. Wir haben fünf Tage lang Slums gesehen, aus Holz, aus Blech, aus Plastik und aus Stein, eng, verwinkelt und dicht bevölkert. Eine Hütte, durch die der Wind pfiff, stand halb in einem Teich, eine Erinnerung an den Monsun. Andere, sonst genauso ärmlich, hatten Strom für eine Glühbirne oder einen Ventilator. Gekocht wird mit Kerosin. Voller Schlamm und Schmutz war es überall, keine Kanalisation. Wenn es regnet, steht alles unter Wasser, knietief, auch die ärmlichen Hütten. Die Kinder haben sich gefreut, wenn sie uns gesehen haben. Ein Mädchen lächelte durch die Tür einer düsteren Hütte, in der es hockte und Reißverschlüsse zusammenknipste, einen Berg davon neben sich. Für 4500 Stück bekommt sie einen Euro, wie es hieß. Von den Erwachsenen haben manche freundlich, andere finster dreingeschaut. Wir haben in diesen Tagen viele junge Menschen gesehen, kaum alte und in all den Tagen nur einen dicken. Wir haben aber allenfalls eine Ahnung davon bekommen, wie es sich unter solchen Umständen lebt. Was ist im Slum wichtig, was ist Glück, was erwarten die Bewohner vom Leben? Es blieb eine ferne Welt, auch wenn man mittendrin steht.

          Grenzenlose Armut: Slum in Howrah gegenüber von Kalkutta
          Grenzenlose Armut: Slum in Howrah gegenüber von Kalkutta : Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

          Die „Ärzte für die Dritte Welt“ können dieses harte Leben ebenso wenig ändern wie andere Hilfsorganisationen in diesen Vierteln. Sie können aber Schmerzen nehmen, heilen, womöglich das Leben retten, das in den Armenvierteln voller Hunger, Krankheiten und Kerosin schnell in Gefahr ist. Sechs deutsche Ärzte sind regelmäßig dort tätig. Sie leben unter den Armen in einer kleinen Wohnung in einem der verwinkelten Häuser. Draußen ist es laut, auch nachts, und dreckig, und die Mehrzahl der Nachbarn blickt streng drein. Keine Gegend für einen Abendspaziergang. Die Ärzte bleiben sechs Wochen, sie verbringen dort ihren Jahresurlaub oder eine Zeit ihres Ruhestands. Nahezu 4000 Einsätze dieser Art hat der Verein seit 1983 an verschiedenen Orten organisiert, 2100 deutsche Ärzte haben mitgemacht. Es ist für sie auch ein wenig Abenteuer. Aber ein Vergnügen ist es nicht, sondern harte Arbeit.

          Zurzeit stammen zwei vom Bodensee, eine vom Starnberger See, eine aus Lübeck und einer aus der Nähe von Bonn. Der sechste Arzt ist Tobias Vogt aus dem Rheinland. Der Vierzigjährige hat sich die Arbeit dort zur Lebensaufgabe gemacht, er ist schon acht Jahre dort.

          An jedem Morgen fahren die Ärzte in Zweierteams mit dem Jeep in eine von einem Dutzend primitiver Ambulanzen in verschiedenen Armenvierteln. Die meisten liegen wie die Ärztewohnung in Howrah, der Stadt neben Kalkutta auf der anderen Seite des Hoogli, eines breiten Nebenarms des Ganges. Wie in Kenia kommen die ersten Patienten schon in der Nacht, wie in Kenia haben sie sonst keine medizinische Versorgung, es sei denn durch Quacksalber, die sich ein wenig medizinisches Wissen selbst beigebracht haben. Vor einer der Ambulanzen standen 165 Leute, in Hitze und Dreck, viele Mütter mit Kindern, die Fieber hatten oder Tuberkulose, die unterernährt sind. Tuberkulose ist die größte Seuche.

          Überschwemmtes Erdgeschoss in TBC-Klinik

          Geld brauchen die „Ärzte für die Dritte Welt“ für ihre Kinderstation, einen großen Raum nahe der Ärztewohnung mit zwölf Betten. Dort werden unterernährte Kinder mit ihren Müttern aufgenommen, auch solche, bei denen es für die Diagnose notwendig ist, die Mädchen und Jungen länger zu beobachten. Die Station liegt in einem höheren Stockwerk, was in dem regengeplagten Viertel ein enormer Vorteil ist. In einem Tuberkulose-Krankenhaus, das der Verein mit einem lokalen Partner anderswo betreibt, wird das Erdgeschoss schon einmal überschwemmt. Am dritten Tag schwimmen dann die Fische zwischen den Betten, wie es heißt. Am vierten kommen die Schlangen.

          Die Kinderstation ist zwar nicht überschwemmungsgefährdet, aber regelmäßig überfüllt. Dann müssen Mütter mit Kindern auf Matratzen schlafen. Die Einrichtung soll auf 30 Plätze erweitert und an den Stadtrand verlegt werden, wofür der Verein zusammen mit einem lokalen Partner ein Krankenhaus aufstocken will. Dafür soll das Geld dieser Spendenaktion ausgegeben werden. Wir haben vor Apsana gestanden, die zwei Wochen nach der Geburt gerade ein Kilo wiegt, und vor Neha, die mit einem Jahr nur sechs Kilo auf die Waage bringt. Wir haben den Ärzten zugesehen, wie sie sich mühen, diese Kinder durchzubringen, wie sie an jedem Werktag von morgens bis abends in den Ambulanzen Dienst tun, mit einer Übersetzerin an der Seite, unter einfachsten Umständen. Wir wissen, dass die „Ärzte für die Dritte Welt“ Howrah nicht in ein Paradies verwandeln werden. Aber sie helfen vielen, den 165 Wartenden an dem einen Tag und am nächsten und immerfort. Wir sind aufgewühlt zurückgekehrt, vieles in dieser schroffen Stadt ist uns rätselhaft geblieben. Aber wir vertrauen diesen Ärzten, dass sie das Geld der Leser sinnvoll verwenden werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Podcast starten 29:25

          Podcast-Serie zur Wahl : Wo noch jeder Zweite SPD wählt

          Im Bund abgeschlagen, im hohen Norden ungeschlagen: Zwischen Krabbenfischern und Gewerkschaftern ist die SPD in Emden noch Volkspartei. Auf der Suche nach dem Erfolgsgeheimnis.
          Gegenstand verschiedener neuer Bücher: der frühere amerikanische Präsident Donald Trump

          Neue Bücher über Trump : Hitler-Vergleiche und Wutausbrüche

          Mehrere Journalisten veröffentlichen neue Bücher über Donald Trump. Der gab dafür Interviews und nutzte sie vor allem, um wieder Lügen über eine „gestohlene Wahl“ 2020 zu verbreiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.