https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/f-a-z-leser-helfen-marcel-reich-ranicki-liest-seine-lieblingsgedichte-1277632.html

„F.A.Z.-Leser helfen“ : Marcel Reich-Ranicki liest seine Lieblingsgedichte

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          "Das kleine Haus unter Bäumen am See. / Vom Dach steigt Rauch. / Fehlte er / Wie trostlos dann wären / Haus, Bäume und See." Jetzt ist es also raus. Marcel Reich-Ranicki verehrt Brecht. Was nicht wirklich neu und schon lange kein Geheimnis ist, aber daß es ihm jene, zugegeben zauberhaften Zeilen besonders angetan haben, scheint angesichts des Themas zunächst doch ein wenig überraschend. Hatte doch Reich-Ranicki für seine Lesung im Redaktionsgebäude dieser Zeitung zugunsten der Aktion "F.A.Z.-Leser helfen" seine Lieblingsgedichte angekündigt; von Goethe, Heine und, ja, gegen Ende selbstverständlich Brecht, den er unumwunden und noch vor Rilke als "den größten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts" zu preisen nicht müde wird.

          Ein "genialer Dichter, der freilich von einer Sucht besessen war wie andere von der Börse oder dem Kasino": vom Theater. Und zwischendurch, zum Zeitvertreib gewissermaßen, ganz wunderbare Gedichte schrieb da draußen am Scharmützelsee, von denen nicht wenige Eingang gefunden haben in Reich-Ranickis unlängst in prallen sieben Bänden bei Insel erschienenem Lyrik-Kanon. Aber so ein zartes, leicht melancholisch umnebeltes Idyll aus den "Buckower Elegien"? Und gibt es nicht von Brecht - von Heine, Goethe ohnehin zu schweigen - ganz wunderbare Liebeslyrik, wie sie auch der mit 85 Jahren wohl immer noch bedeutendste, unzweifelhaft aber unterhaltsamste Kritiker des deutschen Feuilletons besonders schätzt? Allein bei Brecht, dem alten Schwerenöter, hätte man auch wirklich selbst drauf kommen können.

          Daß es das nämlich nicht gewesen sein kann mit dem Häuschen und dem Rauch aus dem Kamin. "Gedichte", so Reich-Ranicki, "sind halt nicht so leicht zu verstehen." Wenn etwa eine Blume gebrochen werde in der deutschen Dichtung des Mittelalters, sei immer von einer Entjungferung die Rede: "Das ist geradezu ein Klischee." Mancher mochte da, ganz still für sich, für einen Augenblick erröten, angesichts all der poetischen Sträuße, die man der Liebsten einst zum Jahrestag gebunden. Und sich mit Goethe trösten. Der nämlich, bekanntermaßen auch kein Freund von Traurigkeit, hat zwar gleichfalls manchen Strauß gepflückt. Vermutlich aber, so Reich-Ranicki, wären weit weniger seiner wunderbaren Liebesgedichte entstanden, hätte ihm nicht manche der begehrten Frauen seiner Zeit "die Tür aufgeriegelt. Und manche nicht."

          Doch wir schweifen ab. Brecht also, dessen "Der Rauch" vor Jahren Gabriele Wohmann für die "Frankfurter Anthologie" kommentierte, hatte durchaus anderes im Sinn als die Beschreibung des Idylls, des Lebenshauchs in trostloser, gar trauriger Natur. Bis freilich jene Dame aus dem Schwäbischen sich meldete, ahnte das vermutlich nicht mal Reich-Ranicki. Sie habe, schrieb sie in ihrem Brief an die Redaktion, jenes Häuschen einst bewohnt. Und immer, wenn sie den liebestollen Bertolt heimlich, für gewisse Stunden zu empfangen wünschte, für ordentlich Feuer im Kamin gesorgt. Da schau an. Will sagen: Es kann nicht schaden, wenn man "die Umstände kennt, unter denen ein Gedicht geschrieben wurde".

          Das sind die Pointen, Anekdoten und Exkurse, die noch jede Veranstaltung mit dem langjährigen F.A.Z.-Literaturchef zu etwas "ganz Besonderem, Unvergleichlichem" werden lassen, wie Werner D'Inka, Herausgeber dieser Zeitung, zu Beginn der Lesung angekündigt hatte. Denn wer einmal das Vergnügen hatte, Marcel Reich-Ranicki zu erleben, der weiß, daß er vermutlich genausogut zwei Stunden das Frankfurter Telefonbuch auf seine verborgenen poetischen Reize abklopfen könnte, und das Publikum fühlte sich nicht nur vorzüglich unterhalten, sondern ginge mit dem schönen Gefühl nach Hause, auch noch etwas gelernt zu haben.

          Freilich, die Lyrik ist auf Dauer doch ergiebiger, und daß sie ganz und gar im Zentrum dieser Lesung stand, war das eigentlich bewegende Erlebnis. Denn wenn Reich-Ranicki "das vielleicht schönste Gedicht in deutscher Sprache" vorliest (von Goethe naturgemäß), mit dem "Türmerlied" gleich darauf noch einmal das schönste (und noch einmal von Goethe), weil es derer gleich mehrere gibt, ganz schlicht und ohne jeden Kommentar, weil es dessen ausnahmsweise nicht bedarf, dann ist das allein das Kommen wert. Und wenn man dann zu Hause, beseelt von soviel Poesie, noch einmal mit Brecht auf "Das kleine Haus unter Bäumen am See" blickt, mag man leise lächeln, war man vor ein paar Jahren auch mal dort. Und klammheimlich, ganz im stillen wünschte man, es zeigte sich ein wenig Rauch. CHRISTOPH SCHÜTTE

          Weitere Themen

          Frankfurter Uni-Leitung lässt besetzten Hörsaal räumen

          Klima-Protest : Frankfurter Uni-Leitung lässt besetzten Hörsaal räumen

          Seit Dienstagvormittag hatten Aktivisten der Gruppe „End Fossil“ einen Hörsaal an der Frankfurter Goethe-Universität besetzt gehalten. Das Angebot der Uni-Leitung, andere Räume für Diskussionen und Vorträge nutzen zu können, haben sie abgelehnt.

          Topmeldungen

          Der Zweite Senat beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

          Coronafonds der EU : Karlsruhe muss die Demokratie schützen

          Der Europäische Gerichtshof feiert Jubiläum, aber das Bundesverfassungsgericht wird weiterhin dringend gebraucht. Denn Europa soll kein Staat werden.
          Karl Lauterbach (zweiter von links) präsentiert die Arbeitsergebnisse der Regierungskommission für Krankenhäuser.

          Pläne für Krankenhausreform : Karl Lauterbachs Klinikrevolte

          Eine Regierungskommission schlägt vor, Fallpauschalen zurückzufahren und lieber Vorhaltekosten zu übernehmen. Die Länder und die Selbstverwaltung wurden dazu nicht gefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.