https://www.faz.net/-gzg-a6zj9

F.A.Z.-Leser helfen : „Mama geht es nicht gut, weil ich böse war“

  • -Aktualisiert am

Alleingelassen: Viele Kinder, deren Eltern psychisch krank sind, leiden darunter und wissen nicht, wohin sie sich wenden können. Ihr Risiko, selbst zu erkranken, steigt damit immens. Bild: Julia Zimmermann

Kinder leiden oft unter den psychischen Erkrankungen der Eltern. Das kann gefährlich werden. Um Suizide zu verhindern, erforscht ein Team am Universitätsklinikum Frankfurt, wie man helfen kann.

          5 Min.

          Wenn die Seele eines Elternteils krank ist, leiden die Kinder immer mit. Da ist der Junge, nennen wir ihn Max, der mit seinen fünf Jahren längst trocken war, aber plötzlich immer wieder ins Bett macht. Oder Lena, die mit ihren zehn Jahren immer häufiger ganz heftige und ungezügelte Wutausbrüche hat. Manche Kinder werden ganz still, unzugänglich und in sich gekehrt, andere zum Zappelphilipp. Manchmal erhalten sie dann auch eine Diagnose, haben eine Depression oder ADHS.

          „Drei Millionen Kinder in Deutschland sind nach aktuellen Schätzungen von der psychischen Erkrankung eines Elternteils betroffen“, erläutern Nathalie Brunkhorst- Kanaan und Larissa Urban. Im Auftrag der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Frankfurt führen sie gerade die sogenannte „Chimps“-Studie durch. Die Abkürzung steht für „Children of mentally ill parents“. An 21 Kliniken in Deutschland erforschen Psychologen und Psychiater, wie sich die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen verbessern lässt, deren Eltern psychisch krank sind.

          Die Krankheit der Eltern soll mit Hilfe eines standardisierten, wissenschaftlich begleiteten Programms bewältigt und die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander gestärkt werden. Die Studie erprobt, welche Methoden dafür am besten geeignet sind: Nach einer ausführlichen Diagnose werden die Familien entweder zu Gesprächen eingeladen, in denen die Therapeutin oder der Therapeut den Kindern ihrem Alter entsprechend erklärt, was eine psychische Erkrankung bedeutet; oder zu Therapiesitzungen, an denen abwechselnd nur die Eltern, nur die Kinder oder alle Familienmitglieder teilnehmen. Es gibt auch Gesprächsrunden für mehrere Familien, die sich untereinander austauschen können. Ermittelt werden soll so nach Auskunft der Studienleiterinnen, welche Beratungskonzepte den betroffenen Familien am besten helfen. Noch suchen Brunkhorst-Kanaan und Urban auch Teilnehmer für das Programm, bei dem 60 betroffene Familien in Frankfurt mitmachen können.

          Höheres Risiko für Kinder erkrankter Eltern

          Kinder, die ein psychisch krankes Elternteil haben, tragen auch selbst ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken. Das sagt Christine Freitag, Professorin und Leiterin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Das Risiko liege bei ihnen zwischen 30 und 80 Prozent höher als bei Kindern gesunder Eltern, je nach Erkrankung der Eltern schwanke der Wert. Wenn ein Elternteil unter Depressionen leidet, sei es geringer, am höchsten bei Autismus, ADHS, Schizophrenie und Anorexie, besser bekannt als Magersucht. Dabei spielen, so die Fachfrau, sowohl genetische als auch psychosoziale Faktoren eine Rolle. „Eltern mit Angststörungen etwa trauen auch ihren Kindern nur wenig zu und können sie nur wenig unterstützen, wenn dann etwa in der Schule noch Mobbing dazukommt.“

          Auf den ersten Blick scheint diese Studie mit der Verhinderung von Suiziden wenig zu tun zu haben. Wenn aber psychisch kranke Eltern immer ungeduldig sind, die Kinder herabsetzen und abwerten, sogar schlagen, steige auch das Risiko für einen späteren Suizidversuch bei den Jugendlichen. „Zudem gibt es vereinzelt auch Familien, in denen tatsächlich ungewöhnlich viele Suizide gehäuft vorkommen.“

          Kinder und Jugendliche unternähmen oft dann einen Suizidversuch, wenn sie nicht sozial eingebunden seien. „Betroffen sind oft impulsive Jungen, manche haben bereits Strafverfahren hinter sich, manche leiden unter ADHS oder dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus.“ In Frankfurt versuchen nach Auskunft von Freitag jedes Jahr etwa 20 bis 30 Jugendliche, sich das Leben zu nehmen, drei sind dabei in den vergangenen zwölf Jahren gestorben.

          Jugendliche könnten sich noch viel weniger abgrenzen von Gleichaltrigen als Erwachsene, erläutert Freitag. Wenn im Freundeskreis dann jemand einen Suizidversuch begehe, finde das häufiger Nachahmer als unter Erwachsenen. Der sogenannte „Werther-Effekt“, also die Nachahmung eines Suizids, wie es nach der Veröffentlichung von Goethes Roman Ende des 18. Jahrhunderts geschah, sei bei Jugendlichen noch größer. „Deshalb wird darüber in der Klinik auf der Station bei uns auch nicht geredet, Suizid ist nur in der Einzeltherapie ein Thema, wenn nötig“, sagt Freitag.

          Hilfe holen statt Verbote aussprechen

          In manchen Internetforen hingegen finden gefährdete Jugendliche allzu leicht detaillierte Schilderungen von Suizid. Deshalb, so rät Freitag, sollten Eltern immer einen sehr genauen Blick darauf haben, was ihre Kinder im Internet ansehen. Den psychisch kranken Jugendlichen erscheine Suizid manchmal als Problemlösung, was er aber nie ist. Eltern und Lehrer müssten deshalb lieber doppelt so oft nachfragen und es immer ernst nehmen, wenn ein Kind sagt, es wolle nicht mehr leben. Sie sollten sich dafür auch professionelle Hilfe suchen.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Zusätzlich sollten Eltern Kindern zeigen, wie sie sich etwas Gutes tun können. „Melde dich bei mir, wenn es dir schlechtgeht“, dieser Satz sollte immer wieder fallen. Hilfe zu signalisieren und sich Hilfe zu holen sei immer besser, als etwa den Umgang mit bestimmten Freunden oder den PC zu verbieten. Vor dem zwölften Lebensjahr gebe es zwar keine ernsthaften Suizid-Versuche bei Kindern, trotzdem sollten auch Eltern jüngerer Kinder solche Hilferufe immer erst nehmen. Bei den Älteren spielten Alkohol und Drogen oft eine entscheidende Rolle, um die gefährliche Grenze zu überschreiten.

          Helferinnen: Nathalie Brunkhorst-Kanaan und Larissa Urban erforschen, wie man Kinder schützen kann.
          Helferinnen: Nathalie Brunkhorst-Kanaan und Larissa Urban erforschen, wie man Kinder schützen kann. : Bild: Hannah Aders

          Durchschnittlich 60 Prozent der Kinder psychisch kranker Eltern entwickeln in ihrem Leben selbst irgendeine psychische Auffälligkeit, im Vergleich zu zwölf Prozent der Kinder psychisch gesunder Eltern. An Schizophrenie erkrankt im Durchschnitt einer von hundert Menschen in der Gesamtbevölkerung, bei Kindern und Jugendlichen mit einem erkrankten Elternteil sind das schon 13. Leiden beide Elternteile unter dieser psychischen Erkrankung steigt das Risiko bereits auf 40 Prozent.

          Was in der Familie passiert, beeinflusst die Kinder. „Der Suizid eines Familienmitgliedes oder Freundes kann für einen Trauernden die eigene Suizidschwelle ebenfalls deutlich herabsetzen“, sagt die Psychologin Urban. Sei ein Familienmitglied depressiv oder schizophren, könne das Suizidrisiko der Kinder sogar bis auf 50 Prozent steigen. „Deshalb braucht es deutlich mehr Unterstützung der Kinder“, fordert Brunkhorst-Kanaan, Ärztin in der Erwachsenen-Psychiatrie. Sie hat lange auf einer Station mit erwachsenen Patienten gearbeitet, die sich das Leben nehmen wollten. „Wenn ein Elternteil suizidal ist, gibt es immer viel zu wenig Raum für die Kinder und zu wenig professionelle Intervention.“ Es sei dringend notwendig, die Kinder stärker zu unterstützen, um eine mitunter tödliche Spirale zu unterbrechen. „Unsere Studie weist auf solche Defizite hin und will Hilfe bieten, bevor die Familien da reinrutschen.“

          Eltern versuchten psychische Probleme oft auf der Paarebene auszutragen, ließen aber ihre Kinder oft außen vor. „Die Kinder denken sich dann oft: Der Mama geht es nicht gut, weil ich böse war.“ Psychische Erkrankungen würden auch heute noch zu oft tabuisiert und dürften nicht nach außen getragen werden. Hat ein Elternteil einen Herzinfarkt ist das ein schweres und bemitleidenswertes Schicksal, leidet die Mutter unter Schizophrenie, ist das ein heftiges Stigma für das Kind.

          Unterstützung für Kinder und Eltern bieten

          In der Psychiatrie ist die Abteilung für Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben oder gefährdet sind, eine geschlossene Station, Kinder können da nicht mitkommen. Aber wo werden sie aufgefangen? Etwa die alleinerziehende Mutter, Migrantin ohne Angehörige in der Nähe. Sie ist arbeitslos und kommt in die Frankfurter Uni-Klinik, weil sie akut suizidgefährdet ist. Sie hat aber große Angst, sich in professionelle Behandlung zu begeben, weil sich niemand um die neunjährige Tochter kümmert, wenn sie in der Klinik bleibt. „Als Ärztin stehe ich da oft im Zwiespalt, wenn ich eigentlich eine stationäre Aufnahme für wichtig und einzig richtig halte“, sagt Brunkhorst-Kanaan. Nur die Klinik Hohemark in Oberursel und die Psychiatrie in Höchst haben dafür Mutter-Kind-Zimmer, oft aber sind die alle belegt. Die Patientin also instabil entlassen und befürchten, dass sie dann Suizid begeht? „Viele Patienten brechen dann ohnehin selbst die stationäre Behandlung vorzeitig ab, vor allem Alleinerziehende“, ist ihre Erfahrung.

          Wer unterstützt also die Kinder? „Die Schule ist nicht der Ort, wo sie das äußern können, was sie zu Hause erleben, denn sie erzählen ihren Lehrern sicherlich nicht, wenn ihre Mutter gerade in der Psychiatrie ist, weil sie einen Suizidversuch hinter sich hat.“ Lehrer und Erzieher müssten deshalb besser geschult und für das Thema psychischer Erkrankungen von Eltern sensibilisiert werden. Der Bedarf sei groß, trete aber erst jetzt in ein breiteres Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Ergebnisse der Chimps-Studie werden zeigen, wie den Familien weiter geholfen werden kann.

          Wer an der Studie teilnehmen will, kann sich unter der Frankfurter Telefonnummer 630183783 oder per E-Mail bei LarissaKristin.Urban@kgu.de anmelden.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKI) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Entscheidung von Bundesgericht : Novak Djokovic muss Australien verlassen

          Nach tagelangem Chaos entscheiden drei Bundesrichter endgültig gegen den weltbesten Tennisspieler: Novak Djokovic darf nicht in Australien bleiben. Kurz danach kommentiert der Serbe das Urteil in einer Erklärung.
          Das New Yorker Hauptquartier der Verlagsgruppe Simon & Schuster, bei der Filippo Bernardini angestellt war

          Bücherdieb Filippo Bernardini : Wie weit würde man gehen, um ein Buch zu lesen?

          Die Verlagsbranche fragte sich jahrelang, wer hinter dem mysteriösen Diebstahl unveröffentlichter Manuskripte steckt. Dass jetzt ein Täter gefunden wurde, erklärt einige, aber nicht alle bekannten Fälle. Gastbeitrag einer doppelten Branchenkennerin.