https://www.faz.net/-gzg-a64oh

F.A.Z.-Leser helfen : Keine Spuren von Fremdeinwirkung

  • -Aktualisiert am

Rückblick: Nachdem sich seine Frau das Leben genommen hatte, fand Evan Halt in einer Selbsthilfegruppe. Bild: Helmut Fricke

Trauer, Wut, Vorwürfe. Wenn sich ein geliebter Mensch das Leben nimmt, hilft der Verein Agus Angehörigen, die eigene Gefühlslage zu verstehen. Die Hälfte der F.A.Z.-Leser-Spenden geht dieses Jahr an ein Projekt, das Hilfe in die Frankfurter Stadtteile trägt.

          5 Min.

          Die Erinnerungen an das Unfassbare schmecken nach Lakritz. Schwarz und bitter, ohne das Süße, das den Gaumen versöhnt. Er hatte an jenem Abend das Naschwerk unbedacht einfach aufgegessen, die ganze Tüte leer gemacht. Es gab deshalb Streit. Seine Partnerin wollte auch noch etwas abbekommen. „Warum bin ich nicht gleich losgerannt, um neue zu holen“, sagt er mehr zu sich selbst. Ob das etwas geändert hätte? Niemand kann ihm diese Frage beantworten, seit zehn Jahren nicht.

          Jeder hat so einen ähnlichen Streit schon erlebt und schnell vergessen. Evan, wie ihn Freunde nennen, erinnert sich an jedes Detail, wie in einem Film, der immer und immer wieder vor dem inneren Auge abläuft. Der Vater eines damals achtjährigen Sohnes kann die Dialoge der Auseinandersetzung mitsprechen. Seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. Er war später nach Hause gekommen an diesem Abend, war beruflich sehr eingespannt in letzter Zeit. „Sie war immer sehr eifersüchtig“, sagt er, als suche er nach einer plausiblen Erklärung – und nach seiner Schuld. Etwas später sei sie dann auf den Balkon gegangen, um wegen einer Betreuungsmöglichkeit für ihren Sohn zu telefonieren, denn sie wollten am Wochenende gemeinsam auf eine Party gehen. Dann wird wieder alles gut, denkt er noch beim Einschlafen, sie geht gerne auf Partys. Als er in der Nacht kurz aufwacht, sieht er einen Lichtschimmer aus dem Wohnzimmer, sie schläft wohl auf dem Sofa, denkt er. Früh morgens weckt er den Sohn, der muss zur Schule. „Die Mama hat verschlafen, komm wir wecken sie“, sagt er noch.

          „Keine Spuren von Fremdeinwirkung, Suizid“, konstatiert der Notarzt später knapp, der in kurzen Hosen und mit einem Porsche kam. Auch so ein Detail, das zehn Jahre danach nicht verblasst ist. Erst in der Rückschau wird ihm bewusst, dass man ihn hätte verdächtigen können, seiner Frau etwas angetan zu haben. Ob sie darüber vorher nachgedacht hat? Oder darüber, dass der Sohn sie zusammen mit dem Ehemann finden könnte? So viele Fragen, keine Antworten. „Wäre er nicht direkt dabei gewesen, hätte ich ihn sicher angelogen darüber, wie seine Mutter gestorben ist.“ So sprechen sie seit Jahren offen über den Suizid miteinander.

          Erst nach einigen Tagen überwältigt

          Die Polizeibeamten nehmen den Tod auf, ein Seelsorger redet beruhigend auf ihn ein. Er aber will sofort los, hat versprochen, die Tochter der Nachbarn in die Schule zu bringen, das war doch so vereinbart. Bloß funktionieren, nicht nachdenken. „Erst war da eine totale Leere, dann wollte ich explodieren und einfach von der Erdoberfläche verschwinden.“ Die Gefühle haben ihn erst nach einigen Tagen überwältigt. Und mit ihnen kamen viele Fragen. Wie konnte das passieren? Seine Frau habe weder Depressionen noch andere bekannte psychische Erkrankungen gehabt, sagt er immer wieder. Sie hinterließ keinen Abschiedsbrief, aber einen Mann und einen Sohn, die sich noch heute die immer gleichen Fragen stellen. Fachleute sagen, dass bei 90 Prozent aller Suizide eine psychische Erkrankung zugrunde liegt, manchmal auch unentdeckt.

          Warum tut eine Mutter ihrem Sohn, eine Frau ihrem Partner das an? Wer Suizid begeht, sagen die gleichen Fachleute, ist in einem psychischen Ausnahmezustand gefangen, aus dem nur schnelle und professionelle Hilfe von Psychotherapeuten oder Psychiatern herausführt. So beschreiben das auch Menschen, die einen Suizidversuch überlebt und Hilfe gefunden haben. Was ein Suizid für die Liebsten und Nächsten bedeutet, dieser Gedanke wird in diesem Moment oft einfach ausgeblendet und gelöscht.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Bei jedem Suizid sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens sechs nahestehende Menschen betroffen. Partner und Ehefrauen, Kinder und Eltern, Brüder, Schwestern und Freunde. Bei rund 10.000 Suiziden jährlich in Deutschland sind das jedes Jahr 60.000 Menschen mehr, die furchtbar leiden. Auch diesen Angehörigen erspart die Prävention von Suiziden sehr viel Leid. Deshalb geht die Hälfte der F.A.Z.-Leser-Spenden dieses Jahr an ein Projekt, das solche Hilfe in die Stadtteile trägt.

          Die Frage nach der Schuld

          Evan hat seinen Sohn allein groß gezogen. Dieser musste früh eine Klasse wiederholen nach dem erlittenen Trauma, doch der Vater hat für ihn gekämpft. Fand eine Trauergruppe für Kinder, in der der Sohn andere Kinder traf, die Väter und Mütter verloren hatten. Aber die hatten alle einen schweren Unfall erlitten oder Krebs. „Der Unterschied ist, dass ein Suizid in der Familie passiert und die Frage nach der Schuld so immer eine Rolle spielt“, sagt er. Betroffene Angehörige, Verwandte und Freunde stellen sie sich, manche auch stumm. „Sooft man auch gesagt bekommt, du bist nicht schuld, es bleibt doch immer etwas offen.“

          Der Vater fährt viel Motocross mit dem Sohn. Wenn sie auf den Maschinen unterwegs sind, ist es laut und dreckig. Keine Zeit, um zu grübeln. Und auch ein bisschen gefährlich ist dieses Hobby, man kann stürzen, sich verletzen. Deshalb hätte die Mutter das wohl nie erlaubt, sagt er und lacht. Lakritzschwarz erscheint auch der Humor, der ihnen beim Weiterleben hilft. Manchmal scheint auch Trotz durch im Gespräch: Seht her, wir wollen und können trotzdem noch Spaß haben im Leben. Das war nicht immer leicht.

          Ein Jahr nach dem Suizid kam der Vater an seine Belastungsgrenze. Er arbeitete im Außendienst, fuhr abends um acht noch von Hamburg zurück nach Frankfurt, weil der Sohn morgens in die Schule musste und er ihn unbedingt wecken wollte. Auf Dauer hielt das auch der Mann nicht aus, der nach außen so stark und lebensfroh wirkt. Er suchte sich psychologische Hilfe. Eine Nichte brachte ihn damals zu Agus, dem Selbsthilfeverein für Angehörige um Suizid, den es mittlerweile in 70 Städten in Deutschland gibt, seit zwölf Jahren in Frankfurt, seit einem in Darmstadt und schon länger in Gießen.

          Vera Pfeil und Renata Wagner sind die zwei ehrenamtlichen Gruppenleiterinnen dort. Beide haben selbst ihre Lebenspartner durch Suizid verloren. An jedem vierten Samstag im Monat treffen sie sich mit rund einem Dutzend Menschen, um über den Suizid des Partners, eines Elternteils, von Geschwistern oder – viel seltener – auch eines Kindes zu sprechen.

          „Mein Mann ist 2009 vom Goetheturm gesprungen. Ich war damals einfach so sauer, denn er hatte keine erkennbare Depression, auch eine mit uns befreundete Psychologin hatte nichts bemerkt“, sagt Vera Pfeil. Es ist ihr deshalb sehr wichtig, dass beim Wiederaufbau des Turms wieder schützende Netze eingebaut wurden, wie bereits 2014. Als ihr Mann damals sprang, gab es sie noch nicht. Ob sie seinen Suizid verhindert hätte? „Vielleicht wäre er woandershin gegangen, vielleicht auch nicht.“ Sie unterstützt sehr, dass solche Orte noch besser gesichert werden. Denn durch ein solches künstliches Hindernis kann der Suizidgedanke kurz unterbrochen werden. Sekunden, die Leben retten können. Denn viele Menschen, die Suizid begehen, wollen nicht sterben, aber können nicht weiterleben wie bisher, sagen Fachleute. Netze allein reichen nicht aus. Es braucht mehr Hilfsangebote.

          Wochenlang habe ihr Mann über schlechten Schlaf geklagt. Dass er sich das Leben nehmen könnte, daran habe sie nie gedacht. Zu Trauer und Wut gesellte sich bei ihr aber schnell auch ein sehr starker Wunsch, sich nicht mit hinein in den Abwärtsstrudel reißen zu lassen. Der persönliche Austausch in der Gruppe gab ihr Halt. Sie begann sogar eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Eineinhalb Jahre später fand sie einen neuen Lebenspartner, verkaufte das Familiendomizil, so voll mit den gemeinsamen Erinnerungen. Pfeil weiß, dass das nicht allen Betroffenen gelingt. Bei vielen, die ihren Partner oder ihre Partnerin durch Suizid verlieren, sei das Vertrauen nachhaltig, bei manchen auf Dauer erschüttert.

          Bei Evan hat es zehn Jahre gedauert, bis er wieder richtig Fuß gefasst hat. Erst jetzt beginnt er wieder, mehr an sich zu denken, der Sohn wird langsam erwachsen. Seit kurzem ist er wieder verliebt.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKI) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          Bei der Frankfurter Volksbank

          IBAN: DE94501900000000115711

          Bei der Frankfurter Sparkasse

          IBAN: DE43500502010000978000

          Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Floyd-Prozess : Ein historisches Urteil

          In Minneapolis wurde der Polizist Derek Chauvin wegen Mordes an George Floyd verurteilt. Das war möglich, weil die Beweislage so erdrückend ist. In vielen anderen Fällen kommen Polizeibeamte straffrei davon.
          Neubausiedlung im südwestlichen Teil von Kiel

          Grüner Wohnen : Wir Flächenfresser

          Die Deutschen wohnen auf immer mehr Quadratmetern pro Kopf. Das schadet Umwelt und Klima. Wie lässt sich Platz sparen und gleichzeitig die Wohnqualität steigern?
          Volker Bouffier, stellvertretender CDU-Vorsitzender und hessischer  Ministerpräsident, am Montag vor der hessischen Landesvertretung in Berlin

          Bouffier und Laschet : Fast schon der Kanzlermacher

          Dass Armin Laschet nun Kanzlerkandidat der Union ist, hat er maßgeblich Volker Bouffier zu verdanken. Ohne den hessischen Ministerpräsidenten wäre es für den CDU-Vorsitzenden noch viel schwieriger geworden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.