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F.A.Z.-Leser helfen : Keine Spuren von Fremdeinwirkung

  • -Aktualisiert am

Rückblick: Nachdem sich seine Frau das Leben genommen hatte, fand Evan Halt in einer Selbsthilfegruppe. Bild: Helmut Fricke

Trauer, Wut, Vorwürfe. Wenn sich ein geliebter Mensch das Leben nimmt, hilft der Verein Agus Angehörigen, die eigene Gefühlslage zu verstehen. Die Hälfte der F.A.Z.-Leser-Spenden geht dieses Jahr an ein Projekt, das Hilfe in die Frankfurter Stadtteile trägt.

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          Die Erinnerungen an das Unfassbare schmecken nach Lakritz. Schwarz und bitter, ohne das Süße, das den Gaumen versöhnt. Er hatte an jenem Abend das Naschwerk unbedacht einfach aufgegessen, die ganze Tüte leer gemacht. Es gab deshalb Streit. Seine Partnerin wollte auch noch etwas abbekommen. „Warum bin ich nicht gleich losgerannt, um neue zu holen“, sagt er mehr zu sich selbst. Ob das etwas geändert hätte? Niemand kann ihm diese Frage beantworten, seit zehn Jahren nicht.

          Jeder hat so einen ähnlichen Streit schon erlebt und schnell vergessen. Evan, wie ihn Freunde nennen, erinnert sich an jedes Detail, wie in einem Film, der immer und immer wieder vor dem inneren Auge abläuft. Der Vater eines damals achtjährigen Sohnes kann die Dialoge der Auseinandersetzung mitsprechen. Seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. Er war später nach Hause gekommen an diesem Abend, war beruflich sehr eingespannt in letzter Zeit. „Sie war immer sehr eifersüchtig“, sagt er, als suche er nach einer plausiblen Erklärung – und nach seiner Schuld. Etwas später sei sie dann auf den Balkon gegangen, um wegen einer Betreuungsmöglichkeit für ihren Sohn zu telefonieren, denn sie wollten am Wochenende gemeinsam auf eine Party gehen. Dann wird wieder alles gut, denkt er noch beim Einschlafen, sie geht gerne auf Partys. Als er in der Nacht kurz aufwacht, sieht er einen Lichtschimmer aus dem Wohnzimmer, sie schläft wohl auf dem Sofa, denkt er. Früh morgens weckt er den Sohn, der muss zur Schule. „Die Mama hat verschlafen, komm wir wecken sie“, sagt er noch.

          „Keine Spuren von Fremdeinwirkung, Suizid“, konstatiert der Notarzt später knapp, der in kurzen Hosen und mit einem Porsche kam. Auch so ein Detail, das zehn Jahre danach nicht verblasst ist. Erst in der Rückschau wird ihm bewusst, dass man ihn hätte verdächtigen können, seiner Frau etwas angetan zu haben. Ob sie darüber vorher nachgedacht hat? Oder darüber, dass der Sohn sie zusammen mit dem Ehemann finden könnte? So viele Fragen, keine Antworten. „Wäre er nicht direkt dabei gewesen, hätte ich ihn sicher angelogen darüber, wie seine Mutter gestorben ist.“ So sprechen sie seit Jahren offen über den Suizid miteinander.

          Erst nach einigen Tagen überwältigt

          Die Polizeibeamten nehmen den Tod auf, ein Seelsorger redet beruhigend auf ihn ein. Er aber will sofort los, hat versprochen, die Tochter der Nachbarn in die Schule zu bringen, das war doch so vereinbart. Bloß funktionieren, nicht nachdenken. „Erst war da eine totale Leere, dann wollte ich explodieren und einfach von der Erdoberfläche verschwinden.“ Die Gefühle haben ihn erst nach einigen Tagen überwältigt. Und mit ihnen kamen viele Fragen. Wie konnte das passieren? Seine Frau habe weder Depressionen noch andere bekannte psychische Erkrankungen gehabt, sagt er immer wieder. Sie hinterließ keinen Abschiedsbrief, aber einen Mann und einen Sohn, die sich noch heute die immer gleichen Fragen stellen. Fachleute sagen, dass bei 90 Prozent aller Suizide eine psychische Erkrankung zugrunde liegt, manchmal auch unentdeckt.

          Warum tut eine Mutter ihrem Sohn, eine Frau ihrem Partner das an? Wer Suizid begeht, sagen die gleichen Fachleute, ist in einem psychischen Ausnahmezustand gefangen, aus dem nur schnelle und professionelle Hilfe von Psychotherapeuten oder Psychiatern herausführt. So beschreiben das auch Menschen, die einen Suizidversuch überlebt und Hilfe gefunden haben. Was ein Suizid für die Liebsten und Nächsten bedeutet, dieser Gedanke wird in diesem Moment oft einfach ausgeblendet und gelöscht.

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          Bei jedem Suizid sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens sechs nahestehende Menschen betroffen. Partner und Ehefrauen, Kinder und Eltern, Brüder, Schwestern und Freunde. Bei rund 10.000 Suiziden jährlich in Deutschland sind das jedes Jahr 60.000 Menschen mehr, die furchtbar leiden. Auch diesen Angehörigen erspart die Prävention von Suiziden sehr viel Leid. Deshalb geht die Hälfte der F.A.Z.-Leser-Spenden dieses Jahr an ein Projekt, das solche Hilfe in die Stadtteile trägt.

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