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F.A.Z.-Leser helfen : „Haus Frankfurt“ in Bukarest

In Bukarest wurde ein Therapiezentrum für Behinderte eröffnet Bild: AFP

Seit 17 Jahren kämpft der Frankfurter Pfarrer Pelikan für behinderte Kinder in Rumänien. Die F.A.Z.-Leser haben ihn auch beim Bau eines Krankenhauses in Bukarest unterstützt.

          4 Min.

          Den entscheidenden Hinweis hat der Frankfurter Pfarrer Karl-Heinz Pelikan kurz nach dem Fall des rumänischen Diktators Nicolae Ceauescu an einem bitterkalten Januartag des Jahres 1990 in Bukarest erhalten. Ein Pfarrer der reformierten ungarischen Kirche erzählte ihm von einem Kinderheim bei Salonta an der ungarischen Grenze, in dem behinderte Mädchen und Jungen wegen mangelhafter Ernährung und Pflege wie die Fliegen wegstürben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Pelikan ist damals kurzentschlossen nach Cighid gefahren, zu jenem Heim, das danach zum Synonym für die Vernichtungspolitik des kommunistischen Regimes gegen Behinderte geworden ist. „Es war der Schock meines Lebens“, erinnert er sich: verdreckte, halbverhungerte Kinder in einem völlig heruntergekommenen Schloss – ihr Sterben schien besiegelt.

          Besuch im Kinder-GULag

          Dieser Besuch im Kinder-GULag Cighid hat das Leben des evangelischen Pfarrers verändert. Seit diesem Tag hat Pelikan sich dafür eingesetzt, dass der rumänische Staat sich um seine Behinderten kümmert. Und er hat unermüdlich Geld für den Neubau und die Sanierung von Heimen beschafft – darunter viele Spenden von Lesern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nach 17 Jahren ist Pelikans zäher Kampf für Behinderte jetzt zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Sein größtes und teuerstes Projekt, das Diagnose- und Therapiezentrum für Behinderte „Panduri“ in der Hauptstadt Bukarest, konnte jetzt eröffnet werden – nach 16 Jahren Bauzeit. Es ist der erste Krankenhausneubau Rumäniens seit dem Ende des Kommunismus. Bisher hat sich das Land darauf konzentriert, seine meist heruntergekommenen Spitäler zu sanieren.

          Im Erfolg sonnen sich alle gern: Diese Erkenntnis hat sich bei der Eröffnungsfeier im Saal des Hauses „Frankfurt“ – so heißt das Hauptgebäude des Zentrums wegen der vielen Spenden aus Frankfurt – wieder einmal bewahrheitet. Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu schnitt das obligatorische Absperrband durch, Bukarests Bürgermeister Adriean Videanu assistierte ihm, hohe Beamte und Persönlichkeiten der Stadt applaudierten. Das Siegerlächeln des Präsidenten und das des Bürgermeisters waren nicht einmal unbegründet, denn in der Tat hat Basescu 1993 als damaliger Bürgermeister der Hauptstadt das Projekt ein erstes Mal gerettet.

          Die fünf Millionen Mark Spenden, welche die vom Magazin „Spiegel“ gegründete Rumänienhilfe Hamburg sowie der evangelische Regionalverband Frankfurt aus Spendeneinnahmen zur Anschubfinanzierung zur Verfügung gestellt hatten, waren bald verbraucht gewesen. Weitere Mittel fehlten, weshalb die Stadt Bukarest auf Initiative Basescus den Bau übernahm. Nach Bauen auf Sparflamme bis 1998 und einem faktischen Baustopp danach hat der jetzige Bürgermeister dann doch noch einen Ausweg gefunden und mit Hilfe einer Eurobond-Anleihe das Werk zu Ende gebracht.

          Erstes modernes Therapiezentrum für Behinderte

          Der wahre Held war freilich Pelikan. Dies hat ihm bei der Eröffnung der Held Nummer zwei, der Fernsehjournalist Mihai Tatulici, ausdrücklich bescheinigt. Diesen Mihai Tatulici, derzeit Chefredakteur von „Realitatea TV“, des wichtigsten rumänischen Nachrichtenkanals, und seit dem Ende der Diktatur einer der einflussreichsten Journalisten Rumäniens, hatte Pelikan in jenen kalten Januartagen des Jahres 1990 kennengelernt, als er mit einem der ersten Hilfstransporte in Bukarest eingetroffen war. Weil er nicht wusste, wem er die Hilfsgüter anvertrauen sollte, hatte er sich an das staatliche Fernsehen gewandt und Tatulici getroffen, der als erster Journalist über Todesheime berichtet hatte. Aus der zufälligen Begegnung wurde eine Freundschaft – und ein Erfolgsduo bei der Reform der Kinderheime.

          Die Formel lautete: Pelikan besorgt Spenden und Knowhow aus Deutschland, Tatulic sorgt für politische Unterstützung in Rumänien und achtet darauf, dass die Gelder nicht in falsche Kanäle fließen. Der „Verein für Kinderhilfe“, den die beiden schon 1990 gegründet hatten, verwirklichte nach diesem Konzept in 17 Jahren zahlreiche Projekte. Als Erstes sanierte er 1990 das berüchtigte Heim Cighid und machte daraus das erste moderne Therapiezentrum Rumäniens für Behinderte.

          Die härteste Nuss war jedoch das neue Krankenhaus in Bukarest. Es sollte ein Zentrum geschaffen werden, in dem behinderte Kinder ambulant behandelt werden können, um so zu verhindern, dass sie von ihren Eltern in Heimen abgeschoben wurden. Daraus ist jetzt das größte Diagnose- und Therapiezentrum Osteuropas geworden, ein hochmodernes Krankenhaus für Behindert jeden Alters mit einem Angebot, wie es im ganzen Land seinesgleichen sucht. Mehr als 80 Ärzte werden dort arbeiten, in den drei Klinikflügeln können 210 Kranke untergebracht werden.

          Lebenschance für vergessene Menschen

          Doch vor der Vollendung des Riesenbaus waren enorme Hürden zu überwinden: Nachdem der erste Elan verflogen und das Startkapital aufgebraucht waren, stagnierte Mitte der neunziger Jahre das Projekt. Einmal wollte der damalige Bürgermeister von Bukarest das von der Bukarester Transportbehörde zur Verfügung gestellte, 20.000 Quadratmeter große Grundstück einem amerikanischen Hotel-Konzern überlassen.

          Erst als das Stadtoberhaupt merkte, dass es sich mit diesem Willkürakt Ärger einhandeln würde, ließ es das Vorhaben fallen. Immer, wenn nichts mehr zu helfen schien, mobilisierte Pelikan seine rumänischen und deutschen Verbündeten. Aus Deutschland gingen dann immer besorgte Anfragen im Präsidentenpalast ein, ob man in Rumänien die Verpflichtungen aus dem Vertrag von 1991 vergessen habe. Und in den rumänischen Medien erschienen Artikel, die nach der Verwendung der Spendengelder fragten.

          „Viel Kampf, ein paar Erfolge, viel zu wenig für die vielen Jahre“, sagte Tatulici am Tag der Eröffnung des Krankenhauses. Doch dann ließ er noch einmal in Gedanken all die Projekte Revue passieren, die Pelikan und er mit ihrem Hilfsverein während der vergangenen 17 Jahre gemeistert haben – und schon klang sein Fazit viel positiver. Man habe erreicht, dass unschuldige Menschen, die vom Schicksal geschlagen und vom Regime vergessen worden seien, eine Lebenschance erhalten hätten. Das Hauptverdienst, dies hat Tatulici bei der Eröffnungsfeier dem Staatspräsidenten und den anderen hohen Gästen unmissverständlich erklärt, kommt Pelikan zu. „Ohne ihn wäre nichts zustande gekommen.“

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