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F.A.Z.-Leser helfen : Ein Ort für besondere Künstler

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Auftragsarbeit: Tina Herchenröther arbeitet im Atelier Goldstein an einem Bild zum Oberthema "Superhelden" Bild: Albermann, Martin

Im Atelier Goldstein in Frankfurt arbeiten Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Farbenfrohe Gesichter und Gemälde entstehen dort ebenso wie Modelle von Flugzeugen.

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          In der Küche duftet es nach Zwiebeln und Äpfeln. Heute gibt es Salat, Maultaschen mit Zwiebel-Frittata und Apfelkompott. Am Herd stehen ein Professor, eine ehemalige Rundfunkjournalistin, ein Kulturamtsleiter und andere Menschen des Frankfurter Kulturlebens, die es sich zutrauen, für 19 Menschen mit einem engen Budget von zwei Euro je Person ehrenamtlich ein frisches und gesundes Mittagessen zu kochen.

          Die Türen sind weit geöffnet, draußen lassen sich einige Mitarbeiter und Künstler im Hof des Ateliers Goldstein in Frankfurt-Sachsenhausen, unweit der Schweizer Straße, auf langen Bänken zum Essen nieder. Andere sind zu beschäftigt oder haben keine Lust auf Geselligkeit und essen lieber direkt an ihren Arbeitsplätzen zwischen Leinwand, Ton, Pappe und Farbe. Juewen Zhang speist am liebsten in der Küche am langen Tisch, der nicht nur zum Essen, sondern auch für Konferenzen und Besuchergruppen genutzt wird. Er ist einer der bekannten Künstler unter den 14 Männern und Frauen im Alter von 20 bis Mitte 70, die abwechselnd an vier Tagen die Woche in die Remise, den früheren Kutscherbau der einstigen Ölfabrik, kommen, um hier Kunst zu schaffen. Und er ist der einzige, der bisher den Weg an eine Kunsthochschule geschafft hat. Bei der Begrüßung will er von der Besucherin wissen, ob sie rauche.

          Künstlerischen Talente ausleben

          Seit 20 Jahren bietet das Atelier Goldstein Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung die Chance, ganz sie selbst zu sein, ihre künstlerischen Talente auszuleben oder zu entdecken und nach allen Kräften gefördert zu werden. Hier werden sie nicht damit konfrontiert, was sie nicht können, sondern entwickeln ungeahnte Fähigkeiten, wachsen über sich hinaus. Zwei Tage lang jede Woche, den Rest der Zeit müssen sie in betreuten Werkstätten arbeiten, wie Gründerin und Direktorin Christiane Cuticchio erklärt.

          Kein gewöhnlicher Werkraum: Blick in das Atelier Goldstein, links arbeitet der Künstler Juewen Zhang Bilderstrecke
          Atelier Goldstein : Ort für besondere Künstler

          Sie macht keinen Hehl daraus, dass es ihr lieber wäre, alle Schützlinge könnten sich ausschließlich der Kunst widmen, doch das ist kompliziert. Auch wenn viele der Goldstein-Künstler schon eigene Ausstellungen hatten – manche sogar international – und ihre Werke gut verkaufen, leben sie doch meist von Sozialhilfe und müssen sich ihre spätere Rente erarbeiten. Künstlerische Genialität und eher schlichte Sortier- oder Verpackungsarbeiten in den Werkstätten wollen für die Direktorin nicht zusammenpassen.

          Der Himmel unter der Atelierdecke hängt im Erdgeschoss voller grauer Flugzeuge. Originalgetreue Modelle, die nur der Kenner unterscheiden kann. Auch die Wand und der Arbeitstisch sind voll von diesen detailreichen Pappkonstruktionen. Ihr Erschaffer, Hans Jörg Georgi, sucht ebenso freundlich Kontakt wie sein Kollege in der Küche. Seit einer schlecht behandelten Kinderlähmung sitzt der Zweiundsiebzigjährige im Rollstuhl. Auch er stellt die Frage nach dem Rauchen, und da dämmert es langsam, dass die Künstler vielleicht nicht um die Gesundheit der Besucherin besorgt sind als vielmehr um ihr Atelier, das bis in den letzten Winkel gefüllt ist mit leicht brennbaren Materialien.

          Eine steile Holzstiege mit ausgetretenen Stufen windet sich in den ersten Stock hinauf, das Metallgeländer klebt von der Farbe an zahlreichen Fingern. Behindertengerecht ist hier nichts, denkt man. Und wundert sich zugleich darüber, dass einem dieses Wort in den Sinn kommt. Angesichts der akribischen Kunstpassionen, der farbenfrohen Gesichter mit dunklen Augen und der überlebensgroßen Blicke auf behaarte Schädeldecken, die die Wände zieren und in unzähligen Schubfächern lagern, fühlt man sich eher selbst beeinträchtigt. Und dass man sich aus dieser Welt, die Ideen und Gefühle in Farben und Formen gießt, nach dem schulischen Kunstunterricht verabschiedet hat.

          Oben eröffnet sich die Welt von Franz von Saalfeld. Im wandfüllenden Regal stehen unzählige Schachteln mit Bühnenbildern. In einer Kiste stapelt Saalfeld die Seiten seines Drehbuchs: Blatt für Blatt dicht mit der Hand beschrieben. Sein Leben, ein Gesamtkunstwerk. Er erlaubt einen kurzen Einblick, lässt sich aber in der Arbeit nicht stören. Hier wachsen Menschen Flügel, und die Welt in ihrer ganzen Vielfalt erscheint detailreich in bunten Farben. In einer Art Daumenkino kann man manche Bilder wie Filme aus der Frühzeit des Kinos über Rollen abspulen.

          Es hätte bei diesem Atelierrundgang kaum noch eines Abstechers über den Hof in die große Lagerhalle gebraucht, in der Regen durchs Dach tropft und es streng nach Öl riecht, was an die Nutzung in früheren Jahrzehnten erinnert, um endgültig verzaubert zu sein von dieser Künstlerwelt. In dem Gebäude kauern und hängen zig Dinosaurier, teils übereinandergestapelt, teils unter der Decke. Manche der Urzeitwerke von Julia Krause-Harder haben vier Meter Spannweite und mehr. Dinosaurier mit Skeletten aus Alublech und Armierungseisen, mit Schuppen aus Krawatten, alten Kassetten, Bonbonpapieren, mit Schrauben und Kabelbindern.

          Anbau auf 800.000 Euro taxiert

          Die in der Fabrik gelagerten Werke müssen, wenn das Gebäude renoviert wird, anderswo untergebracht werden. Die Sanierung ist für das Atelier dennoch ein Glücksfall, weil dabei auch die Remise erweitert werden kann, mit einem Anbau soll die Grundfläche verdoppelt werden, damit noch mehr Künstler im Haus arbeiten können und Platz für die Goldstein Akademie geschaffen wird. Für den Anbau, der auf 800.000 Euro taxiert wird, ist das Atelier auf Spenden angewiesen. Ein Teil davon soll aus der diesjährigen Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ kommen.

          Wer sich einen Eindruck davon verschaffen will, warum diese Künstlerwerkstatt dringend erweitert werden muss, kann das nur in Gruppenführungen tun, für die man sich im Atelier anmelden kann. Wir stellen die einzelnen Künstler, das Team und ihre Wirkung ins Frankfurter Umfeld in den nächsten Wochen vor. Wer sich informieren will, findet Details unter www.atelier-goldstein.de.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Projekt „Sternenzelt“ der Evangelischen Familienbildung Main-Taunus, das Kindern, die ein Elternteil verloren haben, durch die Trauerzeit begleitet und stärkt, sowie für das Atelier Goldstein in Frankfurt, das einen Anbau errichten will, damit dort noch mehr Künstler mit kognitiven Beeinträchtigungen arbeiten und zugleich Veranstaltungen stattfinden können. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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