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F.A.Z.-Bürgergespräch : Oma Zeitung, Bruder Internet

  • -Aktualisiert am

Bild: Fricke, Helmut

Die gedruckte Zeitung wird zusehends vom digitalen Pendant im Internet abgelöst. Beim F.A.Z.-Bürgergespräch diskutierten Medienprofis über die Gegenwart und Zukunft des Journalismus.

          Früher galt es als unhöflich, wenn sich Diskutanten mehr mit dem Mobiltelefon als mit ihren Gesprächspartnern beschäftigten. Nun herrschen Zeiten, da gelten Leute wie Sascha Lobo als Hoffnungsträger ganzer Branchen. Der Berufs-Blogger mit der roten Irokesenfrisur hat den Ruf, das Internet verstanden zu haben. Sein Smartphone lässt er selten unbeachtet – auch wenn er auf einem Podium steht. Oder gerade dann. Schließlich können Zuhörer über den Kurznachrichtendienst Fragen stellen, Meinungen senden und Lobo zu ihrem Sprachrohr machen. „Ist ja wie 2007“, zwitscherte ein Zuhörer des F.A.Z.-Bürgergesprächs dem Internet-Propheten zu.

          Manche der Fragen, denen sich Lobo, Bascha Mika und Mathias Müller von Blumencron am Montagabend im Holzfoyer der Oper Frankfurt stellten, sind so ungelöst wie eh und je. „20 Jahre Online-Journalismus in Deutschland“ lautete ihr Thema. Wie sich im Netz Geld verdienen lässt, beschäftigt die Branche auch nach zwei Jahrzehnten des Experimentierens. Wobei Mika, Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“ glaubt, dass die Redaktionen noch viel mehr ausprobieren, noch viel mutiger sein sollten. Was aber nichts daran ändert, dass sie das Gefühl hat, dass der Journalismus einen „extrem schmerzhaften Wandel durchlebt“. Das Verhältnis zwischen Print und Online gleiche dem zwischen Oma und Enkel. Während die Alten sich wünschten, die Nachkommen verdienten endlich ihr eigenes Geld, hofften die Jungen auf ein baldiges Ableben der Alten – des Erbes wegen. Mika wünscht sich mehr Miteinander der Generationen.

          Dem pflichtete Müller von Blumencron bei. Doch trennten Print und Online keine Generationen, sondern allenfalls ein paar Lebensjahre, meint der Chefredakteur von FAZ.Net Wenn schon ein Vergleich, dann treffe der vom kleinen und vom großen Bruder die Sache eher. „Aber wir müssen das Ganze symbiotischer sehen.“ Die Unterscheidung zwischen gedrucktem und „gepostetem“ Journalismus müsse aufhören.

          Die Fülle der Vertriebskanäle illustriert dieser Text: Er ist auf Papier gedruckt und zu den Lesern gebracht worden. Das ist teuer. Mit Hilfe weniger Mausklicks sind diese Zeilen aber auch im Internet abrufbar. Dort ist auch ein E-Paper zu finden, das diesen Artikel enthält. Mancher F.A.Z.-Kunde liest diesen Bericht am Küchentisch, manch anderer auf seinem Tabletcomputer in der S-Bahn oder an einem weit entfernten Ort. Andere Leute sparen sich die Lektüre ganz, weil sie die ein oder andere Kernaussage des Bürgergesprächs schon auf Twitter gelesen haben. Manche schauen sich auch das Video an, das die Online-Redaktion von der Diskussion gedreht, geschnitten und hochgeladen hat.

          „Internet das genialste Medium“

          Für Journalisten ist das eine traumhafte Situation, ihre Arbeit ist weltweit abrufbar. Jederzeit. „Das Internet ist das genialste Medium seit der Erfindung des Journalismus“, findet Müller von Blumencron. Die Direktheit, die Tiefe und Fülle der Informationen, die Darstellungsmöglichkeiten: Er kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. „Mal losgelöst vom Geschäftsmodell“, schiebt er hinterher. Vielen fällt es freilich schwer, das Internet losgelöst vom Geschäftsmodell zu betrachten. Es ist kein Geheimnis, dass die meisten Medienunternehmen keine Gewinne erwirtschaften mit ihren Online-Angeboten.

          Lobo hat Feldstudien betrieben und einen Hinweis in Sachen Benutzerfreundlichkeit. So sei es zwar bei keiner Zeitung so leicht, eine einzelne Ausgabe des E-Papers zu kaufen wie im Fall der F.A.Z. Gleichzeitig sei es aber ziemlich umständlich, ein Abonnement abzuschließen. Die Medien machten es den Kaufbereiten zurzeit noch viel zu schwer, für die Angebote zu zahlen. Einfache, schnelle elektronische Bezahlsysteme seien nötig.

          Medien müssen Emotionen wecken

          Lobo, studierter Werber, rät den Verlagen, ihre Online-Zukunftsmodelle nicht auf Werbeeinahmen aufzubauen. Schon jetzt lasse sich aus dieser Quelle kaum noch Qualitätsjournalismus finanzieren. Lobo ist überzeugt, dass sich auch in Zukunft genug Kunden finden lassen, die bereit sind, für Journalismus zu zahlen. Die Medien müssten es aber schaffen, Emotionen zu wecken, den Nutzern das Gefühl zu geben, dass sie zu einer Gemeinschaft gehörten. Der Zug der Werbung sei abgefahren, aber eine „F.A.Z.-Community“, das wär’s doch.

          Dem stimmte Mika grundsätzlich zu, schließlich weiß sie als ehemalige Chefredakteurin der Berliner „Tageszeitung“, wie es ist, ein Medium durch eine Genossenschaft und treue Unterstützer über Wasser zu halten. Auch die „Frankfurter Rundschau“ habe nur überleben können, weil sich ihre Leser mit dem Produkt identifizierten. Heimat, Gemeinschaft, Gemeinde sind die Worte, die ihr einfallen, um zu beschreiben, was die Nutzer an ihr Produkt binden soll.

          Gegen Ende meldet sich ein Leser zu Wort. Den Streit zwischen Print und Online könne er kaum noch hören. Er wolle nur gute Informationen, auf welchem Weg, das sei doch ganz egal. Ein anderer Leser bemängelt, dass die Qualität der gedruckten Zeitung schon erheblich nachgelassen habe. Als Beispiel nannte er einen Text, in dem der Autor Handkäse als Rohmilchprodukt bezeichnet hatte, wo doch jeder wisse, dass es sich um Sauermilchkäse handle. Ein Twitter-Nutzer zog daraus ganz in Lobos Sinne und quasi in Echtzeit seinen ganz eigenen Schluss: „Zentraler Vorwurf an FAZ bei #bürgergespräch: Kein Käseblatt!“

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