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EZB-Baustelle : Das Krokodil in der Großmarkthalle

Auf diese Steine können sie bauen: Das unter Denkmalschutz stehende Rotklinker-Gebäude der ehemaligen Großmarkthalle wird gesichert, restauriert und in modernen Bau integriert Bild: ©Helmut Fricke

Zwei Teilbauten, zwei Zeitalter: Noch ist die Großmarkthalle auf der Baustelle im Ostend der Blickfang. Aber der Turm wächst schon.

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          Sattgelb auf himmelblauem Grund leuchtet die Chiquita-Banane an einem Pfeiler der Großmarkthalle. Um sie herum tobt das laute und staubige Chaos der größten aller Großbaustellen in Frankfurt. Wenn die Arbeiten am neuen Sitz der Europäischen Zentralbank Ende 2013 beendet sind, ist auch die Banane Geschichte. Der letzte Zeuge des Gemüsehandels wird weiß überstrichen, bevor die Währungshüter im Lauf des Jahres 2014 einziehen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Denkmalschützer haben sich entschieden, die Großmarkthalle wieder in den Zustand zur Zeit der Weimarer Republik zu versetzen. Doch das gilt allenfalls für die äußere Schicht. Von innen wird der Bau ein anderes Erscheinungsbild haben. Ein Stahlkorsett wird eingestellt, das ein Besucherzentrum, Konferenzräume und eine Cafeteria aufnehmen wird. Unter Bauarbeitern heißt der riesenhafte Einbau nur „das Krokodil“, wegen seiner gigantischen Ausmaße und der Form.

          „Eine gewisse Professionalität gebietet mir, nicht auszuflippen“

          Ein paar Meter rechts der Hallenmitte klafft an jener Stelle ein breites Loch, wo ein Bügel das Gebäude durchschneiden wird, der die Halle mit dem dahinter liegenden Büroturm verbindet und als repräsentatives Entree der Zentralbank dienen soll. Von der Halle selbst steht also nur noch ein Gerippe. Für Christoph Mohr ist der Anblick eines so großen Industriedenkmals, das komplett entkernt wird, eine Seltenheit. „Eine gewisse Professionalität gebietet mir, nicht auszuflippen“, sagt der mittlerweile pensionierte Landesdenkmalpfleger, der das Projekt jahrelang begleitet hat. Doch der Umgang mit einem solchen Bau erfordere Kompromisse. „Ich bin froh, dass sich jemand gefunden hat, der die Halle nutzt“, fügt Mohr hinzu.

          Für Passanten normalerweise nicht zu sehen: Ein Blick ins Innere der EZB-Baustelle im Frankfurter Ostend

          Unter der Halle wurde tief ins Erdreich gegraben, um neue Keller und Kanäle für die Versorgungsleitungen anzulegen. Nur jener Keller, in dem einst die jüdischen Einwohner Frankfurts auf die Deportation in Vernichtungslager warten mussten, bleibt erhalten und wird zur Gedenkstätte. Hinter der Großmarkthalle, wo das Turmfundament und die Tiefgarage ins Erdreich versenkt werden, wurden die Archäologen nicht fündig. Dieser Ort war in historischer Zeit nicht besiedelt und diente als Flößerplatz am Main. Die Bauarbeiter stießen auf Knochen, die aber nur zu einem Hundeskelett gehörten.

          „Ein Weltrekordgebäude“

          Noch steht die entkernte Großmarkthalle klar im Mittelpunkt der Großbaustelle im Ostend, da sich die Bauarbeiten für den 185 Meter hohen Doppelturm bisher unter der Erde abspielten. Doch hinter der Halle entsteht schon das Erdgeschoss des Hochhauses, in dem die Mitarbeiter der EZB ihre Büros beziehen werden. Die schiefen Stützen künden von seiner spektakulären Architektur.

          Nicht der in sich verdrehte Turm, sondern die ruhige Großmarkthalle hat es Dieter Allgoewer angetan. Der Mitarbeiter des Unternehmens Gassmann und Grossmann ist Baumanager und nennt die Halle voller Ehrfurcht „ein Weltrekordgebäude“. Der Schwabe will dem nach Plänen von Martin Elsaesser 1928 fertiggestellten Bauwerk „wieder zu neuem Glanz verhelfen“. Er hat sich gründlich mit dem Gebäude beschäftigt. „Man sieht so viele Details, wo sich Elsaesser gute Gedanken gemacht hat.“ Die nur sieben Zentimeter dicken Tonnengewölbe zum Beispiel. Heute könne man das am Computer berechnen. „Aber zu der damaligen Zeit war das mutig.“

          Ein Schwabe in Hessen - unterwegs für ein tolles Projekt

          Die Großbaustelle, auf der Allgoewer zuletzt gearbeitet hat, war die des Einkaufszentrums My Zeil mit seiner biomorphen Architektur. Jetzt wendet er sich altehrwürdigen Dingen zu. Was ihn mehr reizt, das Spektakel oder der denkmalgeschützte Klinkerbau? Man könne es nicht vergleichen, sagt er. Nur eins sei sicher: „Für so ein tolles Projekt fährt ein Schwabe auch nach Hessen.“

          Das Unternehmen Torkret war vor mehr als 80 Jahren für den Bau der Tonnengewölbe zuständig. Heute kümmert es sich um die Restaurierung der Halle. Wenn Hans Dieter Jordan, Bauleiter bei Torkret, erläutert, wie seine Mitarbeiter alte Fugen erneuern und das Altweiß bestimmen, mit dem die Betonpfeiler der Halle einst gestrichen waren, streicht er fast zärtlich über das Mauerwerk. Für ihn wird hier die Vergangenheit lebendig.

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