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Immobilienmesse Expo Real : Hoffen auf die große Flüchtlingswelle

Mit Café und Fitnessstudio: Der Marienturm (rechts) entsteht zurzeit an der Taunusanlage. Bild: Simulation Pecan Development

Am Frankfurter Messestand auf der Immobilienmesse Expo Real ist der Brexit und dessen Folgen das große Thema. Wie viel wird er der Mainmetropole nützen?

          Das schönste Modell am Frankfurter Stand auf der Immobilienmesse Expo Real in München zeigt den geplanten Marienturm. Drückt der Projektentwickler Markus Brod auf den Bildschirm seines Tablet-Computers, dann glitzert das Miniaturhochhaus wie eine Diskokugel. Per Knopfdruck lässt sich auch das Licht in jenen Etagen des Büroturms einschalten, in denen ein Fitnessstudio und ein Café einziehen sollen. Der Bau hat schon begonnen, Anfang 2019 soll der Büroturm fertig sein.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frankfurt ist die Heimat der Hochhäuser: Diesen Eindruck gewinnt, wer sich am Messestand der Mainmetropole umsieht. Gleich drei neue Hochhausprojekte sind im Modell zu sehen: Neben dem Marienturm wirbt auch der Bauherr des Omniturms, der ungefähr zur gleichen Zeit bezogen werden kann, um Mieter. Auch das Deutsche-Bank-Areal ist im Modell zu sehen, auf dem der Projektentwickler Groß&Partner gleich vier Hochhäuser plant. Das Projekt wird allerdings erst später fertig. Noch steht der Architekturwettbewerb aus, an dem, wie zu hören ist, auch ungewöhnliche Architekten-Teams teilnehmen. Zu einer Arbeitsgemeinschaft sollen sich Christoph Mäckler und das für seine dekonstruktivistischen Entwürfe bekannte Büro Coop Himmelb(l)au zusammengetan haben. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein. Und auch der Bau eines vierten Hochhaus-Projekts kündigt sich an. Das Unternehmen CAImmo will noch in diesem Jahr den Bauantrag für seinen Tower1 einreichen, der neben dem Messeturm entsteht. Der Mietvertrag mit einem Hotelbetreiber ist schon unterschriftsreif, nun fehlen nur noch Nutzer für die Büroflächen. Im nächsten Jahr soll der Bau des Hochhauses beginnen. Niederlassungsleiter Jakob Vowinckel berichtet auch, dass in einem anderen Gebäude der CA Immo die ersten Brexit-Flüchtlinge aus London einziehen: „Das ist erst die Bugwelle“, glaubt er.

          Welle oder Wellchen an Brexit-Flüchtlingen?

          Der Brexit und die Folgen für Frankfurt gehören zu den bestimmenden Themen am Frankfurter Messestand. Ob der Brexit aber tatsächlich wie ein warmer Regen auf den Büromarkt wirkt, ist nicht gesagt. Auf dem F.A.Z.-Immobilienforum zum Thema jedenfalls waren sich die Experten uneins, ob tatsächlich eine Welle an Brexit-Flüchtlingen oder nicht doch eher ein Wellchen zu erwarten ist. „Der Brexit ist eine Chance für Frankfurt“, sagt der Immobilienanwalt Robin Fritz. Wie viele Arbeitsplätze aber zu erwarten seien, das sei „Kaffeesatzleserei“.

          Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat ein paar Zahlen vorbereitet. Weniger als hundert britische Unternehmen seien bisher in Frankfurt präsent, berichtet er – gegenüber 400 chinesischen und 800 türkischen sei das eine geringe Zahl. Seiner Ansicht nach kommen die Unternehmen aus der Londoner City nur „tröpfchenweise“ nach Frankfurt. Sie erwarte hier nicht nur eine gute Infrastruktur, sondern auch das höchste Kulturbudget im Vergleich der deutschen Großstädte.

          Insgesamt herrscht in der Immobilienbranche zum Thema Brexit ein verhaltener Optimismus. Dass bisher kaum Mietverträge abgeschlossen wurden, deutet darauf hin, dass viele Banken in London lieber in Ruhe die Entscheidungen über die Bedingungen für den EU-Austritt abwarten, statt vorschnell den Sprung über den Ärmelkanal zu wagen. Dabei wären die Angestellten aus London hochwillkommen, um den Schwund an Arbeitsplätzen in deutschen Banken auszugleichen. Zurzeit macht sich das auf dem Bürovermietungsmarkt allerdings noch nicht bemerkbar. Die Makler verbreiten gute Laune, denn der Flächenumsatz ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 20Prozent gestiegen. Auch die Deutsche Bank hat für ihre IT-Sparte eine neue Fläche gemietet: Sie zieht in die alte Fiat-Zentrale an der Hanauer Landstraße.

          Wohnraum: die Gefahr vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft

          Ein weiteres Thema am Messestand ist der Mangel an Bauland. Die Stadt müsse endlich mehr Flächen für den Wohnungsbau ausweisen, sagt ein Projektentwickler. Viele Investoren wollten bauen, fänden aber keine Flächen. Besonders preiswerter Wohnraum ist gefragt. Peter Skopp von dem Unternehmen Corpus Sireo sieht die Gefahr einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“, in der sich viele Menschen die Wohnungspreise nicht mehr leisten können. Der Bauträger Wolfgang Ries wünscht sich ebenfalls mehr Flächen für den Wohnungsbau. „Ich glaube, dass es ohne neue Baugebiete nicht geht. Nur Nachverdichtung reicht nicht aus.“ Ries ist der Ansicht, dass der Zustrom nach Frankfurt anhalten wird: „Die Zuwanderungswelle hat erst begonnen.“ Er hat dabei nicht so sehr die Banker aus London im Blick, sondern eher neue Bürger aus der ländlichen Peripherie. Um breite Schichten der Bevölkerung mit Wohnraum zu versorgen, müssten die Baukosten dringend gesenkt werden. Vor 30 Jahren habe er Wohnungen für Facharbeiter, Lehrer und Feuerwehrleute gebaut. „Für diese Zielgruppe gibt es heute nichts mehr“, sagt Ries.

          Viel diskutiert wird unter den Bauherren auch über die klare Haltung des neuen Planungsdezernenten Mike Josef (SPD) zum geförderten Wohnungsbau. Im vergangenen Jahr seien nur 194 Sozialwohnungen entstanden, sagt Josef. Das sei viel zu wenig. „Wir brauchen klare Regeln“, fordert er. Die Stadtverordneten haben beschlossen, dass der Anteil des geförderten Wohnraums 30 Prozent betragen sollte, wenn für ein Vorhaben neues Baurecht geschaffen wird. Josef will nun offenbar, dass die geförderten Wohnungen auf dem gleichen Grundstück entstehen und nicht, wie früher üblich, auch in der Nachbarschaft geschaffen werden können. Nun fragen sich die Beteiligten, was das beispielsweise für das Deutsche-Bank-Areal bedeutet: Sozialwohnungen im Hochhaus?

          So gehen am Frankfurter Messestand die Themen nicht aus. Der Stand wurde umgestaltet und präsentiert sich jetzt, wie die gesamte Rhein-Main-Region auf der Expo Real, ganz edel in Rot und Schwarz. Dass die Theke mit Getränken und Speisen jetzt in der Mitte und nicht mehr am Rand liegt, stößt jedoch auf Kritik. Wenn die Schlange vor den Frankfurter Würstchen zu lang wird, ist einfach kein Durchkommen mehr.

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