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Stundenzettel für alle : „Die Vertrauensarbeitszeit ist tot“

Tick tack, tick tack: Berufstätige sollen zukünftig ihre Arbeitsstunden erfassen. Doch nicht jedes Berufsfeld eignet sich dafür. Bild: Skowronek, Agata

Beschäftigte sollen laut einem Urteil künftig ihre Arbeitsstunden erfassen. Aber ist das zeitgemäß? Berufstätige aus Hessen erzählen von ihren realen Arbeitszeiten.

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          Wenn es einen klaren Gewinner des jüngsten EU-Urteils zur Arbeitszeiterfassung gibt, dann ist es die Firma Logmytime von Sandra Erb und Adrian Grigore. Die Hessen bieten schon seit neun Jahren eine Software an, mit der Handwerker, Werber oder Programmierer ihre Arbeitsstunden zählen. Nun können die Gründer damit rechnen, bald von sehr vielen Unternehmen angerufen zu werden. Denn am Dienstag hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg entschieden, dass Arbeitgeber grundsätzlich die gesamte Arbeitszeit ihrer Beschäftigten protokollieren müssen. Doch nicht nur wegen der guten Aussichten für das eigene Geschäft hält Erb das Urteil für sinnvoll. „Wenn alles klar geregelt ist, dann gibt es weniger Streit“, glaubt sie. Danach sieht derzeit nicht aus. Vor allem die Kritik aus dem Unternehmerlager reißt nicht ab.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Das Urteil ist ein riesiger Schritt zurück“, findet Franz-Josef Rose, Chefjustitiar bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Die Firmen würden dazu verpflichtet, ihre Beschäftigten viel genauer zu überwachen. „Die Vertrauensarbeitszeit ist tot.“ Gerade kreative Branchen und digitale Unternehmen werde das hart treffen. Der DGB Hessen-Thüringen dagegen lobt das Urteil: Bundesweit fielen im Jahr mehr als eine Milliarde unbezahlte Überstunden an, sagt DGB-Arbeitsmarktexperte André Schönewolf. Das sei nicht länger zu dulden. Dabei sind theoretisch die Regeln klar: Höchstens acht Stunden täglich beziehungsweise 48 Stunden wöchentlich dürfen Vollzeitangestellte in Deutschland im Normalfall arbeiten, plus Pausen. Bisher war allerdings nicht vorgeschrieben, dass alle Arbeitstunden protokolliert werden müssen. Das war nur für Überstunden vorgesehen. Das reichte den EU-Richtern in Luxemburg aber nicht. Sie gaben einer Klage gegen die Deutsche Bank in Spanien recht: Nur durch eine komplette Zeiterfassung könne überhaupt objektiv festgestellt werden, ob Überstunden anfielen.

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