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Körperforscherin im Interview : „Es ist anmaßend, zu sagen: Iss weniger“

  • -Aktualisiert am

Kennt den Druck, den eigenen Körper zu perfektionieren: Lotte Rose war in jungen Jahren Kunstturnerin. Bild: Hedwig, Victor

Die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Lotte Rose untersucht, wie die Gesellschaft mit dicken Menschen umgeht. Ihre Studien verbindet sie mit einem politischen Anliegen.

          Ist es beleidigend, über einen Menschen zu sagen, er sei dick?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Dick“ ist erst mal abwertend, aber die Bedeutung von Worten ist vom Kontext abhängig und von der sozialen Position des Sprechenden. Ich würde nicht gegenüber jedem Gesprächspartner von „dicken“ Menschen reden.

          Wann würden Sie den Ausdruck verwenden und wann nicht?

          Es gibt kaum eine Bezeichnung, die nicht in irgendeiner Weise stigmatisierend ist. „Dick“ verwende ich bewusst in Seminaren als Provokation, um die Studierenden anzuregen, darüber nachzudenken, was Bezeichnungen transportieren. Der Begriff „Menschen mit hohem Körpergewicht“ ist am neutralsten, aber umständlich. „Übergewichtig“ gebrauche ich gar nicht, weil das die Normabweichung enthält.

          Sie haben mit dem Soziologen Friedrich Schorb den Sammelband „Fat Studies in Deutschland“ herausgegeben. Womit befassen sich Fat Studies?

          Diese wissenschaftliche Fachrichtung ist den Vereinigten Staaten bereits etabliert. Fat Studies sollen – wie auch Gender Studies, Queer Studies oder Disability Studies – Erkenntnisse produzieren, die helfen, die Diskriminierung einer gesellschaftlichen Gruppe perspektivisch zu beheben. Das ist auch ein politisches Anliegen. Bei Fat Studies geht es nicht darum, zum hundertsten Mal nachzuweisen, dass dicke Menschen krank werden, früher sterben und unsere Gesellschaft belasten. Stattdessen werden genau diese Diskurse über das Dicksein zum Thema gemacht: Was sagen sie über unsere Gesellschaft aus, und was bedeuten sie für jene, über die so gesprochen werden darf?

          Sie sprechen von einem „politischen Anliegen“. Besteht da nicht die Gefahr, Wissenschaft mit politischem Aktivismus zu vermischen?

          Es ist ein Balanceakt.

          Wie stellen Sie sicher, dass Sie als Forscherin nicht die Grenze zur Parteinahme überschreiten?

          Ich darf diese Grenze überschreiten, ich muss nur klarmachen, in welcher Funktion ich gerade spreche.

          Sie wollen also das Thema Körpergewicht unter sozialen, nicht unter medizinischen Aspekten betrachten. Das lässt sich doch gar nicht strikt trennen.

          Doch! Alle menschlichen Lebenspraktiken haben irgendwelche gesundheitlich bedenklichen Folgen. Nehmen Sie Fußball: Der birgt nachweislich Verletzungsgefahren und Spätschäden. Trotzdem würde niemand zu einem Fußballer sagen: Mach gefälligst Yoga, du belastest die Gesundheitskassen. Bei den Dicken tun wir es aber und finden es legitim. Wir rationalisieren es mit medizinischen Argumenten, aber es ist eine soziale Machtfrage.

          Dass zumindest starkes Übergewicht krank machen kann, ist unbestritten. Ist es da nicht moralisch legitim, auf einen Betroffenen einzuwirken, sein Verhalten – sofern möglich – zu ändern?

          Die Alltagstheorie zu den Ursachen von Dicksein ist sehr schlicht und festgefügt: Viel Essen und wenig Bewegung sind schuld. Ich sage nicht, dass das komplett falsch ist. Aber es gibt noch viele andere Ursachen: hormonelle Faktoren, genetische Anlagen, Nebenwirkungen von Medikamenten, psychosozialer Stress. Wir wissen auch, dass Lebensmittel gezielt so designt werden, dass wir über die Sättigung hinaus möglichst viel davon essen. Da ist es doch anmaßend, einem dicken Menschen zu sagen: „Iss mal weniger.“

          Gibt es Erhebungen, inwieweit Dicke in Deutschland diskriminiert werden?

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