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Körperforscherin im Interview : „Es ist anmaßend, zu sagen: Iss weniger“

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Es gibt viele Studien dazu. Sie zeigen zum Beispiel, dass die Mehrheit der Bevölkerung dicke Menschen unästhetisch findet, viele bewusst den Kontakt vermeiden, sich auch sorgen, dick zu sein oder es zu werden. In einer internationalen Umfrage unter Schülerinnen und Schülern gaben die Befragten an, dass hohes Körpergewicht der mit Abstand häufigste Anlass für Diskriminierung an ihrer Schule sei. Dazu werden Dicke in den Medien oft auf wenig anerkennende Art inszeniert, nur als Witzbolde oder abartige Typen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Menschen mit hohem Körpergewicht es auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben, gerade wenn es um Leitungspositionen geht.

In der Politik gab und gibt es aber dicke Männer – von Helmut Kohl bis Peter Altmaier.

Es war allerdings schon bezeichnend, wie über Helmut Kohls Körper gesprochen wurde, oft in einer sehr abwertenden Weise. Das markierte eine Zäsur. Zu Zeiten von Ludwig Erhard wäre das noch nicht denkbar gewesen. Bemerkenswert ist auch das Beispiel von Sigmar Gabriel, der sich einer Magenverkleinerung unterzogen hat. Das zeigt, wie selbst hier der Druck auf Männer wächst, sich dem aktuellen Körper-Ideal anzupassen.

Das bevorzugte Vorbild in unserer Gesellschaft ist doch inzwischen eher der sportliche als der schlanke Körper, oder?

Richtig. Aber beides hängt zusammen. Wenn ein dicker Körper fest im Fleisch ist, finden wir ihn noch erträglich. Als eklig wird er wahrgenommen, wenn er weich wird. Das ist dann der „schlechte“ Körper, der verbessert werden muss. Ein sportlicher Körper ist ein Symbol für Selbstdisziplin und Erfolg, also für zentrale Werte unserer neoliberalen Gesellschaft.

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In der Popmusik haben gerade einige Frauen Erfolg, die nicht gertenschlank sind: Adele, Meghan Trainor, Caro Emerald. Ist da etwas in Bewegung gekommen?

Ich beobachte das mit großem Interesse und Begeisterung. Die schon lange erhobene Forderung, die Vielfalt von Körpern anzuerkennen, zeigt jetzt offenbar eine gewisse Wirkung. Aber das ist noch kein Beleg dafür, dass das herrschende Schlankheitsideal außer Kraft gesetzt ist und Dicksein allgemein akzeptiert wird.

Meinen Sie, dass man für die Untersuchung all dieser Phänomene ein separates Fach Fat Studies, gar einen eigenen Studiengang braucht?

Aus Eigeninteresse würde ich natürlich ja sagen. Aber in Deutschland ist diese Disziplin noch nicht stark genug. Die Sozialwissenschaftlerinnen – es sind tatsächlich überwiegend Frauen –, die hierzulande Fat Studies betreiben, kann man an einer Hand abzählen.

Was sollte ein Student mit einem Abschluss in Fat Studies auch anfangen können?

Da sehe ich gar keine so große Schwierigkeit. Im Bereich Public Health gäbe es da viele Möglichkeiten.

Am Ende wird der Experte für Fat Studies dann zum Ernährungsberater, der Diäten empfiehlt.

Eben nicht! Wir wollen ja Leute ausbilden, die die herrschende Meinung gegen den Strich bürsten und auch mal in Konfrontation zur Medizin gehen können, im Interesse der betroffenen Menschen.

Haben Sie das Gefühl, als Körperforscherin gegen all die Meinungsbildner immun zu sein, die uns täglich sagen, wie der perfekte Körper auszusehen hat?

Nein. Als Kunstturnerin habe ich in der Jugend erlebt, wie in diesem Sport Dicksein geächtet wird. Auch die körperliche „Vergrößerung“ während meiner Schwangerschaften war konflikthaft. Das sind Erinnerungen, die den Anstoß gaben, sich auch wissenschaftlich mit dem Thema zu beschäftigen.

Die Fragen stellte Sascha Zoske.

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