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Vorteile gegenüber Englisch : Ist Esperanto als Universalsprache besser geeignet?

Das Kinderbuch in Esperanto ist in leichter Sprache verfasst. Bild: Cornelia Sick

Eine Universalsprache klingt nach einer kuriosen und betagten Idee. Das Internet und digitale Treffen geben der Bewegung aber neuen Schwung. Im Interview erklärt die Esperantistin Anina Stecay, welche Vorzüge die Sprache hat.

          5 Min.

          Frau Stecay, Sie gehören dem Vorstand der Frankfurter Esperanto-Gesellschaft an. Wie viele Esperantisten gibt es denn in Rhein-Main?

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Wir haben etwa 40 offizielle Mitglieder, zu den Treffen kommen bis zu 20. Aber es gibt deutlich mehr Esperantisten in der Region. Den Club gibt es seit 1904, also schon sehr lang. Die jüngeren Leute organisieren sich weniger gerne in Vereinen, sie nutzen lieber das Internet, wo es relativ viele Plattformen gibt.

          Wozu braucht man Esperanto heute, ist Englisch nicht längst Lingua franca?

          Dass alle Leute Englisch sprechen, ist ein weitverbreitetes Vorurteil. Das Ziel ist, dass man sich in einer Sprache komfortabel bewegen kann. Und das ist bei vielen Leuten auch nach neun Jahren Schulenglisch nicht der Fall. Es ist auch in den einzelnen Ländern der Europäischen Union sehr unterschiedlich, wie viele Leute Englisch sprechen.

          Die Quote derjenigen, die flüssig Esperanto sprechen, dürfte ja noch deutlich kleiner sein.

          Leider ja. Aber die Arbeit, die man investieren muss, um flüssig Esperanto zu sprechen, ist deutlich niedriger als bei Nationalsprachen. Es gibt im Esperanto 16 Regeln, nach einem Wochenendkurs ist man durchaus in der Lage, einfache Unterhaltungen zu führen. Dafür braucht der Englischlerner vielleicht ein Vierteljahr. Der Lernaufwand verringert sich damit also deutlich auf ungefähr zehn Prozent im Vergleich zu Nationalsprachen.

          Sprachkurse in der VHS

          Was machen denn Esperantisten, wenn Sie sich treffen?

          Wir treffen uns dreimal im Monat, einmal machen wir eine Sprachrunde – man bespricht ein Thema, das nicht so einfach ist – und sprechen das an Beispielen durch, oder wir bearbeiten ein Wortfeld, wo es Lücken gibt in den Vokabeln. Regelmäßig haben wir Vorträge auf Esperanto über vielfältige Themen, von Elektroautos bis zum alten Ägypten. Manchmal kommen auch Gäste aus anderen Clubs.

          Gibt es auch Sprachkurse?

          Bei uns im Club aktuell nicht, aber es werden regelmäßig welche an der Volkshochschule in Frankfurt angeboten.

          Jetzt sind Sie bei den zweiten „Frankfurter Hausgesprächen“ auf dem Podium. Dabei geht es um gerechte Sprache. Inwiefern ist Esperanto gerecht?

          Es ist sicher gerechter, als wenn man eine Nationalsprache zur internationalen Verkehrssprache macht. Man kommt mit gutem Schulenglisch gegenüber anderen Fremdsprachlern gut zurecht, aber auf einer Party in England oder den USA unter Einheimischen bekommen Sie keinen Witz mit. Dafür reicht es nicht. In einer internationalen Firma etwa wird es immer ein Gefälle zwischen Native Speakers und Nichtmuttersprachlern geben. Was besonders dann wichtig ist, wenn Verhandlungen nötig sind oder Konflikte auftreten. Da ist man in der Fremdsprache immer unterlegen.

          Ist eine neutrale Sprache also von vornherein gerechter?

          Das hat unterschiedliche Facetten. Esperanto wurde 1887 veröffentlicht. Das war die Zeit des Kolonialismus. Wenn man das heute auf internationalem Niveau sieht, dann ist das so, dass auch Esperanto vom Wortschatz her nicht so international ist, wie sich sein Erfinder Ludwik Lejzer Zamenhof sich das gedacht hat. Zamenhof konnte mehrere Sprache fließend, aber das waren im Prinzip Kolonialsprachen. Die hat er als Basis genommen. Sodass man im europäischen Kontext sagen könnte, als europäische Verkehrssprache könnte Esperanto gut funktionieren, weil alle europäischen Sprachen eingeflossen sind.

          Wenn man das postkolonialistisch und international sieht, ist die Sprachstruktur etwa Chinesen oder Sprechern von Eskimosprachen fremd. Diese Sprachen sind im Europa des 19. Jahrhunderts nicht so im Bewusstsein gewesen. Wobei auf unseren internationalen Kongressen auch Teilnehmer aus Asien und Afrika versichern, das Lernen falle leichter als das der europäischen Nationalsprachen, wegen der Regelmäßigkeit. Historisch gewachsene Sprachen haben Unregelmäßigkeiten, Esperanto nicht.

          Das Problem an Sprachen ist der Mensch

          Ist Esperanto überhaupt eine perfekte Sprache?

          Nein. Das Problem an Sprachen ist, überspitzt gesagt, der Mensch. Denn sobald sich eine Sprache vom Reißbrett zum wirklich benutzten Kommunikationsmittel entwickelt, spielen kulturelle Erlebnisse eine Rolle, sie formen zum Beispiel Slangwörter. Dafür brechen die Menschen die Regeln, dann etabliert sich das. In dem Moment, in dem eine Sprache praktisch angewandt wird, schleichen sich Unregelmäßigkeiten ein, und dann ist sie nicht mehr perfekt.

          Wird im Esperanto gegendert?

          Das ist wie in den meisten Sprachen ein Prozess. Im Ursprung ist es keine gendergerechte Sprache, denn sie stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es gibt eine spezielle Endung, um das weibliche Geschlecht zu markieren. Mit Doppelpunkten und Sternchen arbeiten Esperantisten nicht, aber es gibt eine Bewegung, die fordert, eine extra Endung einzuführen, um auch die männliche Form zu markieren. Ich bin für gendergerechte Sprache. Aus meiner Sicht ist es so, die männliche Form als neutrale Form zu bezeichnen, bedeutet: Wir schenken den Männern ein Stück Normalität, das die Frauen nicht haben, wenn wir ihnen mit einer Endung ein Extra signalisieren. Das ist aber in der Diskussion. Es werden auch Vorschläge inoffiziell schon genutzt.

          Was erhoffen Sie sich von dem Abend der Hausgespräche?

          Es ist eine gute Gelegenheit, Esperanto überhaupt mal wieder ins Bewusstsein zu rücken. Wenn ich bei fremden Leuten fallen lasse, dass ich Esperanto mache, ist die Standardantwort immer: „Ach, gibt’s das noch? Ich dachte, das wäre längst tot!“ Das finde ich putzig – man hört ja auch mal zwei Jahre nichts über Mongolisch oder Usbekisch, und die Sprachen sind nicht tot. Viele denken, das ist so eine Achtundsechzigerbewegung zum Weltfrieden, und die Hippiezeit sei ja vorbei. Tatsächlich ist das Internet für Esperantisten ein großer Fortschritt. Die Bewegung ist sehr groß, und wir haben zum Beispiel über 300 000 Wikipedia-Artikel in Esperanto. Das ist viel mehr, als andere Sprachen haben.

          Verständigung auf Augenhöhe

          Zu Zamenhofs Zeiten hoffte man auch, mit einer Universalsprache den Frieden zu sichern. Ist das heute noch eine Hoffnung der Esperantisten?

          Grundsätzlich stehen die Esperantisten in der pazifistischen Tradition, aber leider kann man sich gerade auch dann perfekt streiten, wenn man eine gemeinsame Sprache spricht. Das ist nicht automatisch die Basis für weniger Konflikte. Der ukrainische Präsident Selenskyj ist auch russischer Muttersprachler, aber das schützt sein Land leider nicht vor Aggression. Ein Großteil der Esperantisten hat die Friedensidee abgewandelt dahingehend, dass es zu den Menschenrechten gehört, sich verständigen zu können und seine familiäre Sprache sprechen zu dürfen.

          Wenn es weltweit Esperanto als Zweitsprache für alle gäbe, hätten auch die Muttersprachler von Minderheitssprachen die Gelegenheit, ihre Muttersprache weiter zu pflegen. Sprachliche Menschenrechte und Verständigung auf Augenhöhe ohne Gefälle ist das, was im Vordergrund steht. Wo eine gemeinsame Sprache aber noch zu einer Art „Frieden“ beiträgt, das ist der Einblick in andere Kulturen. Man lernt Leute aus anderen Ländern ganz anders, tiefer und persönlicher, kennen, wenn man mit ihnen eine gemeinsame Sprache teilt. Das trägt dann auf alle Fälle dazu bei, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein Stück zu reduzieren.

          Zamenhof, der Begründer des Esperanto, war ein damals russischer Jude aus dem heutigen polnischen Bialystok an der belarussischen Grenze. Haben Sie heute Kontakt zu Esperantisten in Polen, Belarus und der Ukraine?

          Es gibt in Osteuropa sehr viele Esperantisten, aber das hat nicht nur damit zu tun, dass Zamenhof aus der Region kommt. Das liegt eher an der kommunistischen Zeit, weil Esperantisten im Gegensatz zu anderen die Gelegenheit hatten, zu reisen, um an ausländischen Kongressen teilzunehmen. Ich glaube aber nicht, dass die Rate in Polen, Russland, der Ukraine höher ist als in Deutschland oder Amerika. In Frankreich gibt es sehr viele Esperantisten, in China und Japan auch.

          Wie kamen Sie selbst zu Esperanto?

          Zweigleisig. Über meine Mutter, die Esperantistin ist, sodass ich als Kind die Atmosphäre auf Treffen kennengelernt habe, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern sich begegnen und ohne Barriere sprechen können. Ich habe dann erst als Erwachsene aktiv dazu gefunden. Ich habe aber neben Medizin auch Sprachen studiert.

          Wie sehr hat Corona dem Clubleben der Frankfurter Esperantisten zugesetzt?

          Es hatte positive und negative Aspekte. Für unsere älteren Clubmitglieder war es schwierig, weil sie nicht so viel mit dem Internet zu tun haben. Wir haben unsere Treffen auf Zoom umgestellt. Das hat weltweit eine sehr spannende Entwicklung vorangebracht. Es gibt ja sonst regelmäßig Kongresse, mit denen die Esperantisten Internationalität erleben. In den Zeiten von Zoom hatten alle Clubs ihre Treffen digital angeboten. Wir haben zum Beispiel einen Partnerclub in Lyon, der Partnerstadt Frankfurts. Das erste Mal konnten wir ohne großen Aufwand an dessen Treffen teilnehmen. Zum Teil waren bei unseren eigenen Clubabenden die Hälfte internationale Teilnehmer. Da schalteten sich Leute aus Brasilien dazu, in deren Mittagspause unser Abendtreffen fiel. Auf die Idee hätte man auch vorher mal kommen können.

          Zur Person

          Anina Stecay, geboren 1976 in Bad Hersfeld, ist zweite Vorsitzende der Esperanto-Gesellschaft Frankfurt. Sie hat sowohl Sprachwissenschaften als auch Medizin und Erwachsenenpädagogik studiert und arbeitet als Neurologin in einer Praxis in Gelnhausen. Die nächsten „Frankfurter Hausgespräche“ zur gerechten Sprache finden am 4. Mai um 19 Uhr im Jüdischen Museum statt, Informationen unter www.frankfurterhausgespraeche.de.emm.

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