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Doch kein Verkehrskollaps : Genug Platz für Radler und Autos

Platz da: Auf dem neu angelegten Radweg auf der Eschersheimer Landstraße lässt es sich sehr viel entspannter radeln. Bild: Michael Kretzer

Der einspurige Umbau der Eschersheimer Landstraße in Frankfurt hatte viele Kritiker auf den Plan gerufen. Sie prophezeiten einen Verkehrskollaps. Doch die Befürchtungen waren offenbar unbegründet.

          Zunächst hört man ein lauter werdendes Motorengeräusch hinter sich. Dann zieht ein schwarzer Schatten in Kopfhöhe vorbei, der aus dem Augenwinkel zunächst nicht gut zu erkennen ist. Es ist der weit herausragende Seitenspiegel eines Transporters, der in Frankfurt auf der einspurigen Eschersheimer Landstraße den Radfahrer überholt. Der Spiegel kommt dem Radfahrer so nahe, dass man intuitiv den behelmten Kopf einzieht.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass der Lieferwagen ziemlich weit rechts und damit beinahe auf dem Radstreifen fährt, hat einen Grund: Die Fahrspur, die auf dem Abschnitt zwischen Hügelstraße und Am Weißen Stein für den motorisierten Verkehr übrig geblieben ist, ist mit 2,75 Metern nicht sonderlich breit. Autos haben genug Platz, kritisch wird es, wenn Lastwagen oder Busse unterwegs sind. Denn wenn diese versuchen, Abstand zur Straßenmitte zu halten, wo die Stadtbahngleise verlaufen, dann geraten die Schwergewichte leicht auf die Radfahrspur.

          Nachdem der nördliche Abschnitt der Eschersheimer Landstraße also einspurig umgebaut worden ist, stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Die Radspur ist komfortabel breit, für den motorisierten Verkehr ist es vergleichsweise eng.

          Eine umstrittene Idee

          Sternförmig führen die Mainzer, Mörfelder, Darmstädter, Offenbacher, Hanauer, Friedberger, Eckenheimer und Eschersheimer Landstraße von den Rändern der Stadt in deren Zentrum. Tausende Fahrzeuge nutzen täglich die kilometerlangen Verkehrsachsen, die jahrzehntelang zwei Fahrspuren hatten. Vor vier Jahren, unter dem damaligen Verkehrsdezernenten Stefan Majer (Die Grünen), begannen städtische Planer, die nördliche Eschersheimer Landstraße neu zu ordnen. Ziel war es, mehr Platz für die Radfahrer zu schaffen.

          Eine umstrittene Idee. Während die Befürworter sich freuten, dass der Radverkehr endlich Vorrang erhalten sollte, warnten Kritiker und Gegner – so wie aktuell in der Diskussion um die einspurige Friedberger Landstraße – vor einem Verkehrskollaps. Sie befürchteten Staus auf der Ein- und Ausfallstraße und dass die Anwohner deswegen mehr mit Abgasen belastet werden, außerdem Autofahrer, die Schleichwege suchen und Händler, die kaum beliefert werden können. Die Liste der Bedenken von Ortsvertretern, Einzelhändlern und Anwohnern war lang. Bewahrheitet haben sie sich bisher nicht – wie mehrere Radfahrten auf der umgebauten Strecke gezeigt haben.

          Der mit einer gestrichelten Linie abgetrennte Fahrstreifen für Radfahrer, der bei Bedarf von Autos überfahren werden darf, bietet viel Platz. Radfahrer, die langsamere Radler überholen wollen, können das problemlos, ohne die Spur verlassen zu müssen. Diese ist zudem so angelegt, dass rechts genug Platz zu den parkenden Autos bleibt. Damit ist die Gefahr geringer, dass man gegen Autotüren fährt, die plötzlich geöffnet werden.

          Eingequetscht zwischen parkenden Autos

          Auf der linken Fahrspur rollt der Autoverkehr nun geordnet. Für Radfahrer ist das angenehmer. Das zeigt der Vergleich mit dem südlichen Abschnitt der Eschersheimer Landstraße, der weiterhin zweispurig ist. Dort fahren die Radfahrer am Fahrbahnrand, eingequetscht zwischen parkenden Autos und sich überholenden Autos. So sieht es auf allen Ein- und Ausfallstraßen aus, auf denen es keinen Radweg auf dem Bürgersteig gibt. Auf der umgebauten Eschersheimer rollt die Kolonne der Autofahrer jetzt bedächtig dahin. Raser müssen sich einreihen und sind somit ausgebremst.

          Stockt der Verkehr, ist der Bahnverkehr nicht betroffen. Die Gleise auf der Straßenmitte, die auf beiden Seiten mit Gittern abgesichert sind, wurden immer wieder kritisiert, denn sie sind nur schwer zu überwinden und trennen Straße und Stadtteil.

          Die Bahntrasse bietet aber auch einen Vorteil: Wenn es Stau gibt, kann die Bahn weiterfahren. Auf der Friedberger Landstraße kann das anders sein, weil sich dort Autos, Linienbusse und Straßenbahnen in langen Abschnitten die Fahrbahnen teilen.

          Einzelhändler sind zufrieden

          Die Einzelhändler an der Eschersheimer Landstraße sind, entgegen ihren ursprünglichen Befürchtungen, zufrieden. „Auch im Berufsverkehr läuft der Verkehr flüssig“, sagt der Mitarbeiter einer Weinhandlung. Dass die Parkplatzsuche schwieriger geworden sei, kann er nicht bestätigen: „Der Parkraum war schon immer knapp.“ Allenfalls für Lieferanten sei es schwieriger. Lastwagen halten zum Abladen der Ware nun eher in Seitenstraßen.

          Im Büro von Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) wird der offensichtlich gelungene Umbau der Eschersheimer Landstraße als Beleg dafür gesehen, dass sich die Verkehrssituation auf den Ein- und Ausfallstraßen durchaus verbessern lässt. Auch auf Teilen der Mainzer Landstraße ist das schon geschehen, auch dort wurde ein Schutzstreifen für Radfahrer markiert. Bis November soll nach Angaben des Amts für Straßenbau die Eschersheimer auch stadteinwärts umgebaut sein. Wegen der Arbeiten ist dort derzeit ein Teilstück gesperrt.

          Der Verkehr wird über eine Parallelstraße geleitet. Eine breite Wohnstraße, auf der man herrlich Rad fahren kann. Was die naheliegende Frage aufwirft, warum man die Verkehrsströme von Autos und Radfahrern nicht grundsätzlich voneinander trennt, statt sie gegeneinander auszuspielen.

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