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Erstkommunion : Der Pfarrer will keine "Modenschau"

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Am Weißen Sonntag finden in zahlreichen Frankfurter Gemeinden wieder Erstkommunionfeiern statt. Für viele Eltern und Kinder ist der Tag neben seiner religiösen Bedeutung auch ein Mode-Ereignis. Kleine Jungen werden in den ersten Anzug ihres Lebens gesteckt, Mädchen in Prinzessinnen verwandelt.

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          Am Weißen Sonntag finden in zahlreichen Frankfurter Gemeinden wieder Erstkommunionfeiern statt. Für viele Eltern und Kinder ist der Tag neben seiner religiösen Bedeutung auch ein Mode-Ereignis. Kleine Jungen werden in den ersten Anzug ihres Lebens gesteckt, Mädchen in Prinzessinnen verwandelt. "Viele Leute geben gerne viel Geld für diesen einmaligen Tag aus", sagt Tanja Locher von Lilly Brautmoden an der Berliner Straße. "Die Kleidchen kosten zwischen 85 und 140 Euro, dazu kommen diverse Accessoires wie Haarschmuck, Weste, Schuhe und Handtäschchen." Champagnerfarben oder weiß sind die Kleider, aus Satin mit Spitze und Stickereien - Brautkleider in Miniaturform. Die komplette Ausstattung schlägt mit mindestens 200 Euro zu Buche. Mit weiteren 30 Euro muß man für Kommunionkerze, Tropfenfänger und Kerzentuch rechnen.

          "Es kommt schon vor, daß manche Mädchen von ihren Eltern übertrieben ausstaffiert und mit Schmuck behängt werden", sagt Richard Freitag, Pastoralreferent der Gemeinde St. Albert am Dornbusch. "Aber das muß jeder für sich selbst entscheiden." Es bestehe die Gefahr, daß Äußerlichkeiten zu sehr in den Vordergrund rückten und die eigentliche Bedeutung der Erstkommunion verlorengehe. Die Erstkommunion sei eines der wichtigsten Feste im Leben eines Katholiken. Zum ersten Mal dürfen die Kinder das Sakrament der Eucharistie empfangen und können danach an jeder Messe vollständig teilnehmen. "Mir ist wichtig, daß Eltern sich mit ihren Kindern auseinandersetzen und so- viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen - aber nicht unbedingt im Brautmodengeschäft", sagt Freitag. Sozial schwächere Familien können bei dem Wettlauf um das schönste Kleid nicht mithalten. "Es gibt auch Menschen, die sich derart pompöse Klamotten nicht leisten können oder wollen", sagt Freitag, "das darf aber bei der Erstkommunion keine Rolle spielen."

          Aus diesem Grund gibt es seit einigen Jahren in Frankfurt Flohmärkte für gebrauchte Kommunionkleider. "Seit fünf Jahren organisieren wir immer im Februar einen Basar, bei dem man von Kleidern über Schuhe bis zum Kopfschmuck alles kaufen und verkaufen kann", sagt Pfarrsekretärin Christina Huber von der Gemeinde Mariä Himmelfahrt in Griesheim. Dort könne man für rund 70 Euro eine komplette Kommunionausstattung erstehen. "Es herrscht immer eine große Nachfrage - die anfängliche Scheu der ersten Jahre ist nicht mehr da."

          Einen anderen Weg beschreitet die Gemeinde St. Peter und Paul in Heddernheim. Seit etwa zehn Jahren tragen dort Mädchen wie Jungen "Alben", einheitliche schlichte Leinengewänder in Weiß. "Die Erstkommunion ist schließlich keine Modenschau", sagt Pfarrer Artur Gläßer. Pastoralreferentin Angela Köhler erinnert sich: "Anfangs gab es schon Probleme mit manchen Eltern, die ihr Kind lieber festlich ausstaffiert gesehen hätten." In den vergangenen Jahren habe es deswegen aber keine Probleme mehr gegeben. "Das einheitliche Gewand betont die Gemeinschaft unter den Kommunionkindern und entlastet die Eltern finanziell." Pfarrer Gläßer räumt jedoch ein, daß dieses Jahr eine Familie ihr Kind bei einer anderen Gemeinde zur Erstkommunion angemeldet habe - wegen der Einheitskleidung.

          Die meisten Mütter haben aber keine Probleme mit den Alben. "Auch schlicht kann schön sein", sagt Magdalene Lassmann, deren Tochter Olivia diesen Sonntag in Heddernheim an der Erstkommunionfeier teilnehmen wird. "Vor Gott sind alle Menschen gleich", schließt sich Silke Vaccaro mit Tochter Vanessa an. "Für Jungs ist ein Anzug der blanke Horror, aber die Albe hat mein Sohn gern angezogen", erzählt Birgit Schaefer. In vier verschiedenen Größen gibt es die Gewänder. Was die Kinder während des Gottesdiensts unter der Albe trügen, sei den Eltern überlassen, so Köhler. "Rund ein Drittel der Mädchen haben trotzdem ein klassisches weißes Kommunionkleid darunter, andere ein schönes Sommerkleid, das sie auch später noch einmal anziehen können." Nicht in allen Gemeinden scheint die Liebe der Eltern zu den Alben so groß zu sein wie in Heddernheim. In der Rödelheimer Pfarrgemeinde St. Antonius bleiben die Einheitsgewänder dieses Jahr im Schrank - "weil die Eltern es so wünschen", heißt es.

          Auch in den Gemeinden mit Katholiken aus Südeuropa, in denen die Erstkommunion traditionell eine sehr große Bedeutung hat, wird die Kleiderfrage unterschiedlich gehandhabt. Italiener wie Spanier begehen die Erstkommunion am Muttertag. Die italienischsprachige Gemeinde in Frankfurt hat bereits vor 20 Jahren Einheitskleidung eingeführt. "Jungen und Mädchen tragen einen weißen Talar, wie das auch in weiten Teilen Italiens üblich ist", sagt eine pastorale Mitarbeiterin. "Früher haben die Eltern ihre Töchter wie kleine Königinnen angezogen, irgendwann wurde uns das zuviel."

          Das hat sich bei der spanischsprachigen Gemeinde nicht geändert: "Die Mädchen tragen pompöse Kleider mit fülligen Unterröcken, in der Hand halten sie Rosenkranz und Gebetbuch. Die Jungen haben Matrosenanzüge an", sagt Pfarrsekretärin Maria del Carmen Heredero. In Spanien sei die Erstkommunion noch wichtiger als die Hochzeit. "Viele importieren die Gewänder aus Spanien, weil man so festliche Kinderklamotten in Deutschland praktisch nirgends bekommt." JOHANNES MAYER

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