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Novalis und die Romantik : Lasst blaue Blumen blühen

Die blaue Blume gilt als zentrales Motiv in der Literatur der Romantik (Archivbild). Bild: Satoshi Yoshioka/NARO

Mehr Romantik als mit Novalis geht nicht. Wer am Dichter Anteil haben will, hat jetzt Gelegenheit.

          5 Min.

          Es ist der Roman zum Museum. Hier taucht sie zum ersten Mal auf, die blaue Blume, das Symbol von Traum, Sehnsucht, Erkennen und Werden, das später für die gesamte Romantik zu stehen kam.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In „Heinrich von Ofterdingen“, dem 1802 erstmals veröffentlichten Roman Friedrichs von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte, geht sie dem Titelhelden, einem jungen Minnesänger im Wartestand, von den ersten Zeilen des Buches an nicht aus dem Kopf. „Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben“, denkt Heinrich, als er sich in einer mondhellen Nacht unruhig auf dem Bett hin und her wirft: „Fernab liegt mir alle Habsucht, aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn und ich kann nicht anders dichten und denken.“

          Dabei weiß der junge Bürgerssohn aus dem mittelalterlichen Eisenach, der vom Kaplan des Landgrafen unterrichtet wird, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, was sie ist und wofür sie steht, diese Blume, von der ihm und seinen Eltern ein reisender Fremder erzählt hat. Einen ganzen unvollendeten, heute kaum noch gelesenen und überaus schwerverdaulichen Roman lang steht sie für das Rätselhafte, das man um der Verlockung willen sucht, es zu lösen; für ein Begehren, dem sich alles unterordnet, weil es verspricht, alles zu verwandeln. So wie die Kunst das Leben. Zumindest aus Sicht der Romantiker, zu denen der 1772 zur Welt gekommene Adelige, der Jura, Bergbau und die idealistische Philosophie Fichtes studiert hatte, in den Jahren um 1800 gehörte.

          Novalis: „Die Welt muss romantisiert werden“

          „Die Welt muss romantisiert werden“, heißt es in einem der Fragmente, die Novalis als künstlerische Ausdrucksform besonders schätzte. „Bruchstücke des fortlaufenden Selbstgesprächs in mir“, nannte er sie seinem Freund Friedrich Schlegel gegenüber. Heute vor 219 Jahren ist der Mann, der im Begriff war, ein bewunderter Avantgardeschriftsteller und ein fähiger Verwaltungsbeamter zugleich zu werden, gestorben – mit nicht einmal 29 Jahren.

          „Heinrich von Ofterdingen“ war zu diesem Zeitpunkt unvollendet. Begonnen hatte Novalis den Roman Ende 1799, nachdem er sich dazu entschlossen hatte, ein besseres Buch zu schreiben als Goethes „Wilhelm Meister“ und in Chroniken auf die Gestalt des Minnesängers sowie die später von Wagner im „Tannhäuser“ aufgegriffene Geschichte vom Sängerkrieg auf der Wartburg gestoßen war. Anderthalb Jahre später war er tot, gestorben vermutlich an einer Lungentuberkulose, der Lungenkrankheit seiner Zeit. Der zweite Teil des Romans, „Die Erfüllung“, war über das erste Kapitel sowie zahlreiche Entwürfe und Ideen nicht hinausgekommen.

          Rätselhaft und vieldeutig wie die blaue Blume ist der gesamte Roman selbst. Nicht, weil ihm das Ende fehlt, das Heinrich nach Italien, Griechenland und Jerusalem, an den Kaiserhof und schließlich an die Grenze von Traum und Wirklichkeit hätte führen sollen. Eher, weil das als erzählerischer Text äußerst schwachbrüstige Werk, prall gefüllt mit Liedern und Gedichten, arm an packender Handlung, aber reich an Empfindungen und Gedanken, eine Prosa darstellt, die bewusst den Gesetzen des Gedichts folgt, in dem alle Klänge, Wörter und künstlerischen Kniffe zusammengehören, sich aufeinander beziehen und zusammen Effekt machen.

          Als Geschichte mit Figuren, denen etwas zustößt, in der sich Unerwartetes ereignet, das Folgen für die Entwicklung der Charaktere zeitigt, hat Novalis den Roman nie gesehen. Und das ist gut so. Auch wenn spannend anders ist. Und nicht viel passiert außer einer Reise, die Heinrich und seine Mutter von Thüringen zum Großvater nach Augsburg führt. Die beiden reisen zusammen mit einer Gruppe wohlhabender und gebildeter Kaufleute, die vieles berichten, unterwegs begegnet Heinrich einem Ritter, der am Kreuzzug teilgenommen hat, und einer jungen Muslima, die dieser mit in die Heimat gebracht hat. Das romantische Kunstwerk zeigt alles aus vielen Blickwinkeln. „Der wahre Leser muss der erweiterte Autor sein“, sagt Novalis dazu in einem weiteren Fragment. Wir konstruieren mit.

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