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Notunterkunft Messe Frankfurt : Hornhaut für die Helferseelen

Speisesaal: Mitarbeiter des Arbeiter-Samariter-Bunds werden die Geflüchteten mit Essen versorgen. Bild: Lucas Bäuml

Viele ukrainische Flüchtlinge kommen in Frankfurt an. Ein Erstaufnahmezentrum bietet ihnen Schutz und Ruhe, um wieder zu Kräften zu kommen.

          2 Min.

          Das Bild, das sich in der Messehalle zeigt, wirkt seltsam vertraut. Stellwände, die einzelne Kabinen abtrennen, so weit das Auge reicht. Der Anblick erinnert an die Impfstraßen, die im Frühjahr 2021 in der benachbarten Festhalle errichtet wurden. Und auch die Stimmung unter den Mitarbeitern, die noch die letzten Arbeiten erledigen, scheint ähnlich. Ein bisschen Aufregung ist zu spüren – und viel Erschöpfung. Etliche haben in den vergangenen Tagen rund um die Uhr gearbeitet, um die Messehalle in ein Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge umzuwandeln.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Bis zu 2000 Menschen sollen hier untergebracht und nach wenigen Tagen in andere hessische Unterkünfte vermittelt werden. Das Erstaufnahmezentrum soll lediglich eine erste Anlaufstelle bieten für jene, die in Frankfurt ankommen, ohne genau zu wissen, wie es danach für sie weitergehen kann. „Wir bieten hier einen sicheren Ort der schnellen Hilfe. Einen Ort, an dem die Menschen zu Kräften kommen können. Das ist aber keine Dauerlösung“, sagt Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) bei der Vorstellung der Unterkunft.

          836 Einzelkabinen haben die Helfer abgeteilt. Kleine Verschläge, ausgestattet mit Feldbetten und Stühlen, die den Menschen in der großen Halle ein bisschen Privatsphäre bieten sollen. Eine schwarze Decke am Eingang dient als Tür, Teppich auf dem Boden der Kabinen soll helfen, die Geräusche zu dämmen. Hinweisschilder in ukrainischer Sprache weisen den Weg zur Essensausgabe, zu den Duschen oder zum Spielbereich. Weil unter den Flüchtlingen viele Kinder sind, haben sich die Betreiber des Zentrums, das Deutsche Rote Kreuz und der Arbeiter-Samariter-Bund, etwas Besonderes einfallen lassen: Schilder mit Symbolen weisen den Weg durch die Halle. Es gibt Hasen-, Pferde-, Elefanten- und Hirschgänge. Am Freitagnachmittag sind die ersten Menschen in dem Zentrum eingetroffen. Die angespannte Corona-Lage erschwert die Logistik. Nur wer beim verpflichtenden Abstrich am Eingang des Zentrums ein negatives Testergebnis vorweisen kann, darf eintreten. Für jene, die sich wegen eines positiven Schnelltests isolieren müssen, hat die Stadt Hotelzimmer organisiert.

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          „Die Zahlen werden weiter steigen“

          Wie viele Ukraineflüchtlinge sich derzeit in Frankfurt aufhalten, kann Sozialdezernentin Voitl nicht sagen. Viele seien bei Familienmitgliedern oder Bekannten untergekommen, hätten sich noch nicht offiziell registriert. Voitl macht sich keine Illusionen: „Die Zahlen werden weiter steigen.“ Außer dem Erstaufnahmezen­trum an der Messe hat die Stadt deshalb Hotelzimmer gemietet sowie fünf weitere Unterkünfte mit rund 1000 Plätzen neu in Betrieb genommen. Fast alle seien schon belegt, sagt Voitl. „Wir haben nur noch einen kleinen Puffer.“ Wo genau sich die Unterkünfte befänden, werde nicht kommuniziert. Zum einen, um die Privatsphäre der Menschen zu schützen. Zum anderen aber auch, um zu verhindern, dass hilfsbereite Frankfurter unaufgefordert Essens- und Kleiderspenden vor den Unterkünften abgeben, wie Voitl erklärt. „Die Kleiderkammern sind voll“, sagt sie. Die Säcke wieder zu entfernen oder zu sortieren binde derzeit Kräfte, die an anderer Stelle dringender benötigt würden. Wer sich engagieren wolle, könne sich unter frankfurt-hilft.de informieren, welche Art von Unterstützung benötigt werde.

          Auch Dierk Dallwitz, Leiter des DRK-Bezirksverbands Frankfurt, ist die Anspannung der vergangenen Tage anzusehen. Seit mehr als einem Jahr betreibt das DRK auch schon das Impfzentrum an der Messe. Krisenmanagement müssten er und sein Team mittlerweile eigentlich gewohnt sein. Dallwitz winkt ab, lacht fast bei dem Gedanken, den er hatte, als das Impfzentrum im Frühjahr 2021 in Betrieb ging: „Das ist die größte Aufgabe seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Ein Jahr später korrigiert er seine damalige Annahme. „Die jetzige Situation toppt das noch einmal.“ Weil es nahezu unmöglich sei, vorherzusehen, wie sich die Lage entwickele, sei die gesamte Planung auf maximale Flexibilität ausgelegt, sagt er.

          Auch Uwe Behm, Mitglied der Geschäftsführung der Messe, hat die Aufbauarbeiten begleitet. „Wir werden uns Hornhaut auf die Seele schaffen müssen. Ich bin der festen Überzeugung, dass uns das, was wir hier sehen werden, mitnehmen wird.“

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