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Ernährungstipps für türkische Frauen : Spinatkuchen statt Baklava

  • -Aktualisiert am

Wer gut isst, soll auch Sport treiben: Gummiband-Gymnastik gehört zum Seminarprogramm Bild: Foto Verena MŸller

In einem Kurs bekommen türkische Frauen Ernährungstipps. Eine Fernsehköchin ist der Star des Tages. Auch Männern schmeckt ihr gesundes Essen.

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          Der Honigturm schwankt. Das ist schlecht, denn es geht um die Ehre seiner Erbauerin. Die Bäckerin des Zitronenkuchens späht schon aufmerksam hinüber: Wird das honigverklebte Türmchen aus Schoko- und Vanillepuddingschichten einstürzen? Noch hält es. Eine Frau zerteilt sorgsam eine Apfel-Nuss-Rolle in üppige Scheiben, bemüht, die Dekoration nicht zu zerstören. Gleich wird hier, im Küchenstudio Safak im Gallusviertel, der Preis für das beste Dessert vergeben. Da muss alles perfekt sein. Außer der Kalorienbilanz – aber der hatte man sich ja schon zuvor gebührend gewidmet. Und mit einem Salat ist eben kein Nachtischpreis zu gewinnen.

          Dass man aber seinen Kindern mit einem Salat statt eines Kuchenstücks etwas Gutes tun kann; dass ein rundes Kind nicht immer ein besonders gesundes ist; dass es wichtig ist, viel – und eher keine Cola – zu trinken; dass beim Braten nicht becherweise Öl nachgegossen werden muss: all das und mehr haben rund zwanzig türkischstämmige Frauen auch gelernt. Sie waren zu einem Workshop für Ernährung und Bewegung gekommen und sollen ihr Wissen als „Multiplikatoren“ in ihre Familien tragen. So sagt es Nico Schiller, dessen Arbeitgeber ausgerechnet der Schokoriegelproduzent Mars ist. Aber gerade deshalb wolle man aufklären. So auch mit den Workshops, die er zusammen mit der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung und der AOK Hessen organisiert hat.

          Auch Sport steht auf dem Programm

          Die Frauen, die der Einladung im AOK-Magazin und in der Zeitung „Hürriyet“ gefolgt sind, sehen allerdings nicht so aus, als hätten sie Ernährungserziehung dringend nötig. Dick ist keine von ihnen. Die Türkinnen haben sich hübsch zurechtgemacht, manche tragen Kleider, Satinblusen, hohe Schuhe. Dabei steht auch Sport auf dem Programm. Da stört es zwar ein wenig, dass in dem Laden zwischen Einbauküchen und Kühlschränken im Sonderangebot so wenig Platz ist. Doch selbst als die Trainerin vormacht, wie man sich mit Hilfe von Gummibändern dehnt und die Arme weit ausstreckt, machen alle mit und schaffen es irgendwie, sich nicht in die Quere zu kommen. „Die Muskulatur ist zu kurz geworden vom Gar-nix-Bewegen“, sagt die Trainerin streng zu einer, die über ein Ziehen im Bein klagt. Die Frauen sprechen deutsch, manchmal auch türkisch miteinander. Die meisten von ihnen beherrschen beide Sprachen.

          So auch Leyla Aygün, der Star der Koch- und Sportparty. Sie ist Fernsehköchin und -moderatorin, Montag bis Freitag, 11.30 bis 13 Uhr, bei einem türkischen Fernsehsender. „Schöne Stunden mit Schwester Leyla“ – so übersetzt die quirlige Frau, die hier jeder kennt, den Namen ihrer Sendung. Gerade rennt sie mit einem Topf voll Suppe aus der kleinen Küche im Hinterzimmer in den Verkaufsraum des Ladens: Hier essen die Frauen nun gemeinsam zu Mittag. Gesund natürlich. Leyla Aygün betont stolz, dass in der Suppe nur zwei Esslöffel Öl seien: zum Anbraten der Zwiebeln. Außerdem viel püriertes Gemüse und Reis. Alle finden sie köstlich.

          Zugelassen sind Rezepte, die wenigstens ein bisschen gesund sind

          Nach einem Vortrag zu gesunder Ernährung am Vormittag wird nun eher nebenbei gelernt. Leyla Aygün lässt sich für Bulgur, Hühnchen und Schmorgemüse loben und erklärt ganz beiläufig, wie sie es zubereitet hat und was die Geheimzutat der Suppe ist („Kreuzkümmel“). Da spitzt auch der „Hürriyet“-Reporter die Ohren. Auch in Kassel und Gießen war Leyla Aygün schon bei den Workshops dabei; noch immer freut sie sich über das große Interesse. In diesen Städten seien einige stark übergewichtige Frauen und auch einige mit Kopftuch dabei gewesen, berichten die Veranstalter; in Frankfurt ist das nicht so.

          Den Nachtischwettbewerb gibt es aber bei allen drei Veranstaltungen. Die jeweiligen Gewinnerinnen treten am 11. Juni zum Finale bei „Schwester Leyla“ auf. Im Küchenstudio steigt die Spannung. Fünf Frauen haben ihre besten Desserts mitgebracht. Die Geschäftsführerin der Gesundheitsstiftung hat zuvor die Rezepte geprüft. Sie hat nur solche zugelassen, die wenigstens ein bisschen gesund sind – etwa mit Honig statt Zucker, Früchte- statt Cremefüllung. Auch Yasar Bilgin, Vorsitzender der Stiftung, kostet mit. Er ist begeistert: „Lehrerin kann nach vier Jahren Studium ja jede werden, aber das hier backen ist eine Kunst!“ Ausgerechnet der Spinatkuchen schmeckt ihm besonders gut. „Besser als Mars“, sagt er neckisch in Richtung Schiller.

          Die grüne Kreation von Melek Ülgen aus Langen überzeugt schließlich auch die Jury. Die Frau im Ringelpullover erzählt, dass sie den Kuchen etwa einmal im Monat für ihre Familie backe und er auch bei ihrem Mann sehr gut ankomme: „Es muss nicht immer Baklava sein.“

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