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Ende der Hauptschule : Jedes Schuljahr kann das letzte sein

  • -Aktualisiert am
Tag für Tag kämpfen die Lehrer der Schwanthalerschule um ihre Schüler. Auf einer Magnettafel ist markiert, wer wann welche Klassen unterrichtet.

Tag für Tag kämpfen die Lehrer der Schwanthalerschule um ihre Schüler. Auf einer Magnettafel ist markiert, wer wann welche Klassen unterrichtet. Bild: Linda Dreisen

Die Hauptschule stirbt aus. Die Schwanthalerschule in Sachsenhausen ist eine der letzten ihrer Art in Frankfurt. Kollegium und Schüler versuchen, das Beste aus einer Situation zu machen, die oft hoffnungslos erscheint.

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          In sich zusammengesunken sitzt der Vater auf dem Holzstuhl, die Hände vor seiner Brust wie beim Gebet gefaltet, die Augen feucht, und fleht den Mann auf der anderen Schreibtischseite an: „Bitte, melden Sie mein Kind wieder ab! Was sollen denn die Verwandten sagen?“ In diesen Momenten möchte Reinhold Dallendörfer manchmal antworten: „Ja, ich verstehe Sie.“ Stattdessen sagt er: „Wir kümmern uns hier gut um ihr Kind.“

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.

          Der Vater erinnert sich daran, wie seine Tochter ihm erzählte, dass die Bürotür des Schulleiters fast immer offen stehe und er sie mit Namen begrüße, wenn sie sich auf der Treppe begegnen, obwohl er sie nie unterrichtet hat. Doch Pisa-Studien und die Reaktionen der türkischen Verwandten verunsichern den Vater. Willst du deiner Tochter denn das ganze Leben zerstören, fragen sie ihn. Er will das Beste für sein Kind. Er will nicht, dass sein Kind auf eine Restschule geht.

          13 Schüler erhalten die Schwanthalerschule am Leben

          Um die Hauptschule abzuschaffen braucht es keinen politischen Willen, es braucht nur genug Eltern mit der Angst vor der Restschule. Binnen zwei Jahren haben in Frankfurt drei Hauptschulen geschlossen. Geblieben sind nur drei reine Hauptschulen, also solche, die keine angeschlossene Grundschule haben oder mehrere Schulzweige anbieten. Sie sterben einen langsamen Tod. Die Lehrer versuchen, ihre Aufgabe möglichst gut zu erledigen, und wissen doch, dass jedes Schuljahr ihr letztes sein kann.

          13 Schüler erhalten die Schwanthalerschule am Leben. So viele braucht es, um eine fünfte Klasse zum Schuljahresbeginn eröffnen zu können. Wenn Dallendörfer von einer der sogenannten Verteilerkonferenzen zurückkommt, bei der besprochen wird, wie viele Schüler eine Schule bekommt, geht er ins Lehrerzimmer und sagt zu seinen Kollegen mit einem Lachen, begleitet von Kopfschütteln: Es waren mal wieder mehr Schulleiter als Schüler da.

          Lehrer zu sein bedeutet hier mehr als nur zu unterrichten und Klassenarbeiten zu korrigieren

          In der Regel kommen schließlich doch noch genug Anmeldungen zusammen, doch manchmal sind es auch zwei oder drei zu wenige. Dann schickt das Schulamt den Bescheid, dass die Schule keine Fünftklässler bekommt. Dann droht das Ende. Als es einmal so weit war, zog das gesamte Kollegium, 20 Lehrer mit ihrem Chef, vor den Bildungsausschuss und forderte Fünftklässler ein. Die Schwanthalerschule bekam ihre Schüler und konnte für ein Jahr durchatmen.

          Die Hauptschule liegt im Herzen Sachsenhausens, umgeben von schönen Altbauten, die belebte Schweizer Straße ist nicht weit entfernt. Drei Gymnasien umkreisen die Schule, die ein schönes Hauptgebäude mit alten Treppenstufen und Sprossenfenstern hat. Täglich kämpfen die Lehrer hier um ihre Schüler, um sie nicht zu verlieren, wie eine Pädagogin sagt. Die Schüler oder deren Eltern kommen aus 30 verschiedenen Ländern, 90 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Lehrer zu sein bedeutet hier mehr als nur zu unterrichten und Klassenarbeiten zu korrigieren.

          Büro der Sozialarbeiter als Anlaufstelle

          Christiane Köller ist stellvertretende Schulleiterin. Sie hat einmal Sport, Erdkunde und Englisch studiert, unterrichtet heute aber fast alles. Sie klingelt auch schon mal einen Schüler aus dem Bett, wenn er nicht zum Unterricht erscheint. Und manchmal ruft mitten in der Nacht eine aufgelöste Mutter auf ihrem Handy an und sagt: Mein Kind ist weg. Was soll ich tun?

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