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Emig-Prozess : Im Hessischen Rundfunk steigt die Nervosität

Enge Partner bei Geschäften mit dem HR: Jürgen Emig (vorne) und der mitangeklagte Harald Frahm (rechts hinten) Bild: Frank Röth

Am Dienstag wird voraussichtlich die Beweisaufnahme im Prozess gegen Jürgen Emig geschlossen. An der Bertramswiese in Frankfurt, dem Sitz des Hessischen Rundfunks, steigt die Nervosität. Für das Image, auch innerhalb der ARD, steht viel auf dem Spiel.

          Morgen wird voraussichtlich die Beweisaufnahme geschlossen, und die Plädoyers werden beginnen. Was der Staatsanwalt und demnächst die Richter über die Usancen des Hessischen Rundfunks bei der Finanzierung seiner Produktionen zu sagen haben, interessiert Fernsehvolk, Medienmacher und -politiker weitaus stärker als Erwägungen zur individuellen Schuld von Jürgen Emig. Der 63 Jahre alte Journalist, einst Sportchef des HR, ist vor dem Frankfurter Landgericht angeklagt, von 2000 bis Anfang 2004 mehr als 500 000 Euro veruntreut zu haben. Das Geld soll er über eine Tarnfirma von den Zuschüssen der Sponsoren und Veranstalter von Sportereignissen wie Marathon, Ironman und „Rund um den Henninger-Turm“ abgezweigt haben. Der HR hatte sich angesichts des knappen Etats außerstande gesehen, sie vollends auf eigene Kosten zu übertragen. Zudem lastet man Emig Betrug und Bestechlichkeit an, weil er den Eindruck erweckt habe, wer an die von ihm zwischengeschaltete Agentur SMP zahle, dem verschaffe er einen angemessenen Sendeplatz.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bürokratismus eines Senders

          An der Bertramswiese in Frankfurt, dem Sitz des Hessischen Rundfunks, steigt die Nervosität. Für das Image, auch innerhalb der ARD, steht viel auf dem Spiel. Zwar hat sich in diesem sehr akribisch geführten Prozess kein Beleg für die Behauptung des Angeklagten finden lassen, er habe mit stillschweigendem Einverständnis „von oben“ diese sogenannten Drittmittel akquiriert und in einer Art schwarzen Kasse für den Sender verwaltet. Warum Emig freilich trotz immer wieder aufkommender Gerüchte über einen Hang zur Selbstbedienung so lange freie Hand hatte, lässt sich nach den Eindrücken in dem Prozess wohl am ehesten mit dem Bürokratismus eines Senders erklären, wie er schon in Heinrich Bölls Satire „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ durchschimmerte. Dem „Mittelstellenleiter“ Emig wurde offenbar großes Vertrauen entgegengebracht, ja, er wurde sogar prämiert für seine Ideen, wie man das Programm erweitern könne, und für seinen Fleiß, dafür „draußen“ Geld einzusammeln. Hinzu kam, wie der frühere Programmdirektor Hans-Werner Conrad als Zeuge zugab, auch ein Schuss Naivität bei den Vorgesetzten.

          Das Licht, das das sechswöchige Verfahren auf die Grauzone zwischen den beträchtlichen Einnahmen eines öffentlich-rechtlichen Senders aus Gebühren und einer solchen Kofinanzierung warf, hat den HR nicht gerade als Verfechter der reinen Lehre gegen die fortschreitende Kommerzialisierung erstrahlen lassen. Der Leiter der HR-Revision formulierte in der vergangenen Woche als Zeuge am klarsten, wie man in all den Jahren intern gerechtfertigt hatte, diejenigen zahlen zu lassen, die Anspruch erhoben, länger als nur ein paar Minuten in den Regelsendungen mit geringer Einschaltquote auf den Bildschirm zu kommen. Von dem wirtschaftlichen Vorteil, den die Veranstalter etwa des weltweit beachteten Marathons in Frankfurt dadurch erlangten, dass sie ihren Sponsoren eben eine Live-Berichterstattung „bieten“ konnten, habe man wenigstens insoweit profitieren wollen, dass man einen Teil der Produktionskosten verlangte.

          Diese sogenannten Beistellungen waren keine Erfindung des HR und schon gar nicht von Jürgen Emig, wie der frühere Intendant Klaus Berg vor Gericht sagte. Vielmehr seien sie in vielen Sendern der ARD ständige Übung gewesen, mehrmals von den Justitiaren geprüft und für vereinbar mit den Rundfunkstaatsverträgen befunden. Bergs Nachfolger Helmut Reitze, seit Januar 2003 im Amt, kam zur gleichen Überzeugung, schaffte aber dennoch diese Einnahmequelle nominell 2004 ab – als eine Konsequenz aus der Affäre Emig. Der Eindruck, auf diesem Weg sei Sendezeit käuflich, ließ sich auch mit den besten Argumenten nicht mehr aus der Welt schaffen lassen.

          Ganz auf diese Mittel verzichten, wollte und konnte der HR nicht

          Ganz auf diese Mittel zu verzichten, wollte und konnte sich der HR aber nicht leisten. Sie fließen nun, transparenter, als Zuwendungen über ein sogenanntes Titelsponsoring. Das sind jene mitunter komisch anmutenden Spots, die verkünden, die nachfolgende Sendung werde mit freundlicher Unterstützung einer Brauerei oder des Herstellers eines Tonikums präsentiert.

          Nun ist im HR die Furcht groß, am Ende des Prozesses in der wieder aufgeflammten Debatte um eine Selbstbeschränkung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Prügelknabe dazustehen. Wer aber dieser Tage den Kopf schüttelt über die „Zustände“ an der Bertramswiese in Frankfurt, der sollte bedenken, dass noch nie zuvor ein Sender sich dermaßen selbst entblößen musste wie der HR in diesem Prozess.

          Die Staatsanwaltschaft hatte im großen Stil Unterlagen beschlagnahmt. Sie enthielten einige Kuriosa und als vertraulich gestempelte Dossiers wie den Brief des Ironman-Organisators Kurt Denk an Ministerpräsident Roland Koch, der in der Hauptverhandlung verlesen wurde. Darin beschwerte sich Denk, dass er eine gewaltige Summe an den HR zahlen müsse, damit seine Veranstaltung übertragen werde. Die Antwort von Intendant Reitze, mit der er die Zahlung rechtfertigte, nicht wissend, dass nur ein Drittel davon in die Kasse des HR gelangt war, verstärkte zumindest den Eindruck mangelnder Kontrolle. Emigs Schuld wird sich auch daran bemessen, wie viel Energie er aufwenden musste, um zu „vertuschen und zu verschleiern“, wie Intendant Reitze ihm vorwarf.

          Unabhängig vom Ausgang des Prozesses bleibt Reitze der Verdienst, Emig entlarvt zu haben. Auch wenn das Gewinnspiel, das den Intendanten seinerzeit misstrauisch gemacht hatte, „Lucky Shot“ hieß. Helmut Schwan

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