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Eltern & Schulkarriere : Auf Biegen und Brechen zum Abitur

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Langfristige Perspektive: Wenn alles glatt läuft, macht sie 2016 Abitur Bild: Frank Röth

In den vergangenen Wochen haben Eltern ihre Kinder wieder an Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen angemeldet. Und manche Eltern tun alles, um ihr Kind nach der vierten Klasse auf dem Gymnasium unterzubringen - auch gegen den Rat der Schule.

          Die schulischen Leistungen des Jungen schwanken extrem. Mal reichen sie für eine Zwei, dann muss die Lehrerin wieder eine Fünf unter die Klassenarbeit schreiben. Bei Gruppenaufträgen zappelt er herum, soll er eine Aufgabe selbständig erledigen, ist er unkonzentriert und tut sich schwer, die Arbeit zu Ende zu führen. Doch wenn alles so läuft, wie derzeit geplant, wird das Kind im nächsten Schuljahr aufs Gymnasium gehen. So wollen es die Eltern des Viertklässlers. Die Klassenlehrerin des Jungen, die dies berichtet, arbeitet an einer Grundschule im Frankfurter Westend. Zwar hat sie Widerspruch eingelegt, aber die Eltern haben in Hessen das letzte Wort bei der Wahl der weiterführenden Schule.

          In den vergangenen Wochen haben die Eltern ihre Kinder wieder an Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen angemeldet. Von den 24 Schülern ihrer Klasse habe sie 18 ohnehin für das Gymnasium empfohlen, sagt die Lehrerin – manche mit viel gutem Willen. In zwei Fällen hätten sich die Erziehungsberechtigten nun fürs Gymnasium entschieden, obwohl sie die Kinder nicht dafür geeignet halte. „Die Eltern haben eine extrem hohe Erwartungshaltung“, sagt die Lehrerin. Für viele stehe schon von der ersten Klasse an fest, dass ihr Kind aufs Gymnasium gehen werde. Viele Schüler trügen schon seit einiger Zeit T-Shirts mit dem Aufdruck „Abi 2016“, für den höchsten Bildungsweg geeignet seien sie deswegen noch nicht.

          Nachhilfe oder Einschränkungen

          Und viele ahnten das auch selbst: „Das schaffe ich doch eh nicht“, bekomme sie von Schülern immer wieder zu hören. Die Eltern reagierten auf solche Zweifel häufig mit Nachhilfe oder Einschränkungen – Computerspielen werde verboten oder das Kind dürfe seltener in den Sportverein. Andere kämen mit korrigierten Klassenarbeiten in die Schule und feilschten um jeden Punkt. Immer mehr Väter und Mütter hätten Angst, der Besuch einer Real- oder gar Hauptschule verbaue ihrem Kind die Zukunft.

          Mit feilschenden Eltern muss eine Kollegin weiter nordöstlich im Stadtgebiet nicht diskutieren. Im Gegenteil: Sie meint, viele täten zu wenig, um ihre Kinder zu fördern. Die Beamtin lehrt an einer „Brennpunktschule“, wie sie sagt, viele sozial benachteiligte Kinder gehen dort in den Unterricht. Doch trotz schlechter Voraussetzungen sei das Abitur bei den meisten erklärtes Ziel. „Das ist in den Köpfen von Eltern und Kindern einfach drin.“

          Vor allem bei Migrantenfamilien spiele die Sehnsucht nach sozialem Aufstieg eine große Rolle. Ein ausländisches Ehepaar zum Beispiel könne weder lesen noch schreiben. Ihr Kind erledige zwar stets seine Hausaufgaben und arbeite ordentlich, auch löse es einfache Matheaufgaben ohne Schwierigkeiten. Sobald es jedoch darum gehe, Texte zu verstehen und darüber zu sprechen, wirke es überfordert. Trotz Widerspruchs der Lehrerin haben die Eltern das Kind auf dem Gymnasium angemeldet. „Obwohl wir früh mit den Eltern darüber sprechen, verstehen viele nicht, was dort auf ihr Kind zukommt.“

          Anmeldungen an Gymnasien steigt

          Es sei vor allem eine stark ausgeprägte Auffassungsgabe, die Kinder fürs Gymnasium qualifiziere, sagt der Vorsitzende der Landesdirektorenkonferenz Hessen, Volker Räuber. Darüber könnten die Grundschullehrer am besten urteilen. Wenn Eltern, Lehrer und Kinder an einem Strang zögen, sei er dafür, den Schritt auf die höhere Schule auch in Grenzfällen zu versuchen. Und offenbar kommt dies immer öfter vor. Nach Angaben des hessischen Kultusministeriums wurden im Schuljahr 2000/2001 noch 30 Prozent der Viertklässler am Gymnasium angemeldet. Seitdem stieg die Zahl stetig an und betrug im vergangenen Schuljahr 43,7 Prozent.

          Räuber, der Direktor am Frankfurter Gymnasium Carl-Schurz-Schule ist, rät allerdings dringend, der Empfehlung der Grundschullehrer zu folgen. „Problematisch wird es, wenn Eltern ihr Kind auf Biegen und Brechen auf das Gymnasium bringen wollen.“ Zwar seien das Einzelfälle, aber auch an seiner Schule gebe es jedes Jahr einige. Seiner Erfahrung nach hätten solche Schüler selten Erfolg und würden nur frustriert. Das Gymnasium kann Kinder, die trotz Widerspruch der Grundschullehrer angemeldet wurden und den Anforderungen nicht gerecht werden, schon nach dem ersten Halbjahr an eine Haupt- oder Realschule versetzen.

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