https://www.faz.net/-gzg-9yz13

Eltern in der Corona-Krise : Aufstand der Familien

Krisenstimmung: ein Plakat bei einer Eltern-Demo in Frankfurt zur Beachtung der Kinderrechte während der Pandemie Bild: dpa

Grundschulen und Kitas sind zu, Kinder dürfen sich nicht treffen, und selbst der Spielplatz ist gesperrt. So darf es nicht weitergehen, finden viele Eltern.

          3 Min.

          Die Viertklässlerin hatte sich sehr gefreut. Am vergangenen Montag hätte sie eigentlich wieder zur Schule gehen sollen. Für die Familie aus dem Frankfurter Nordend wäre das ein erster Schritt heraus aus dem Krisenmodus gewesen, ein Signal dafür, dass der durch die Corona-Pandemie herbeigeführte Ausnahmezustand irgendwann endet. Doch daraus wurde nichts: Ein Gerichtsurteil verhinderte die Öffnung der hessischen Grundschulen bis auf weiteres.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Mutter der Viertklässlerin ist die Frustration anzuhören: Nach jetzt sieben Wochen ohne Schule und Kinderbetreuung wolle sie sich nicht vorstellen, was passiere, wenn der Lockdown des Bildungswesens noch länger, vielleicht bis nach den Sommerferien dauere. Die Familie hat vier Kinder, zwei sind schulpflichtig, zwei gehen in die Kita. „Ich bin momentan Lehrerin, Erzieherin und Köchin in einer Person, mache nebenher den ganz normalen Haushalt und bin berufstätig“, sagt die Mutter. Sie versuche ihren Stress nicht zu zeigen, um die Kinder nicht noch mehr zu belasten. „Aber eine Perspektive würde der Seele guttun.“

          „Viele Mütter sind am Rande ihrer Kräfte“

          Eine befreundete Mutter, die drei Kinder hat, sieht es ähnlich. Die Lehrerin ihrer Tochter, die auch in die vierte Klasse gehe, habe die Schüler per Videochat intensiv auf die Rückkehr in den Unterricht vorbereitet. Die Abstandsregeln, das Maskentragen und die Teilung der Klassen seien besprochen worden. „Aber das war ein Satz mit X“, sagt die Mutter. Während sie versuche, ihrer Familie in der Krise Stabilität zu geben, sei durch eine Klage nun ein Hin und Her verursacht worden, das für Kinder schwer zu ertragen sei.

          Beide Mütter sagen, dass es ihnen noch gutgehe im Vergleich zu Alleinerziehenden, die Vollzeit im Homeoffice arbeiten und sich gleichzeitig um ihre Kinder kümmern müssen. Oder im Vergleich zu Familien, die unter beengten Verhältnissen leben und mit den Kindern nicht einmal auf Spielplätze gehen können, weil die wegen des Infektionsrisikos gesperrt sind. „In manchen Familien brennt es, viele Mütter sind am Rande ihrer Kräfte.“ Ein Blick in die sozialen Netzwerke bestätigt diesen Befund. Die Facebook-Gruppe „Eltern in der Krise“ zählt kurz nach der Gründung schon an die 9000 Mitglieder.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Demonstrationen gegen die Politik

          Inzwischen formiert sich der Protest nicht nur im Netz, sondern auch auf der Straße. Am Samstag demonstrierten Eltern in Wiesbaden, am Mittwoch in Frankfurt, und für Samstag ist eine weitere Demonstration auf dem Römerberg geplant. Das Motto lautet: „Gebt uns eine Perspektive – Familien sind systemrelevant!“ Die Initiatoren beklagen, dass es inzwischen in vielen Teilen des öffentlichen Lebens Lockerungen gebe, allerdings nur für Erwachsene. Kindertagesstätten und Schulen seien weiterhin überwiegend geschlossen, Spielplätze, Schwimmbäder und Freizeiteinrichtungen ebenso. Kinder seien sozial isoliert und dürften nicht einmal die Großeltern besuchen.

          „Was für fünf Wochen kaum erträglich war, ist für fünf Monate völlig inakzeptabel“, sagt Diane Siegloch, die Organisatorin der Versammlungen in Frankfurt Wiesbaden. Bei der Bekämpfung von Covid-19 trügen Familien die Hauptlast. Die Politik mute ihnen eine „Salamitaktik“ zu: Zunächst sei nur von einer Schließung der Kitas bis zu den Osterferien die Rede gewesen, jetzt solle sie womöglich bis zu den Sommerferien dauern.

          Protest findet Gehör bei den Frankfurter Politikern

          Die hessische Landesregierung müsse Konzepte vorlegen, um Spielplätze zu öffnen und eine Betreuung in Kleingruppen wie in der Kindertagespflege zu ermöglichen, sagt Siegloch. Die Inanspruchnahme der Notbetreuung müsse vereinfacht werden, und es müsse gesetzlich geregelt werden, dass Kita-Beiträge unabhängig vom Träger für die gesamte Schließzeit entfallen. Familien müssten finanziell unterstützt werden, wenn sie durch die Kinderbetreuung Verdienstausfälle hätten, und Firmen müssten Eltern von der Arbeit im Homeoffice freistellen – stundenweise nach Zahl der Kinder gestaffelt und bei Lohnausgleich durch den Staat.

          In der Politik findet der Protest zunehmend Gehör. Die Frankfurter Bundestagsabgeordnete und Familienpolitikern Bettina Wiesmann hat zusammen mit CDU-Parteifreundin Christina Ringer sowie Ortsbeiräten und Kinderbeauftragten der innerstädtischen Bezirke eine Reihe von Vorschlägen unter dem Titel „Mit Phantasie gegen Corona“ entwickelt. Dabei gehe es nicht um eine pauschale Öffnungsdiskussion, sondern um kreative und pragmatische Ansätze, die Spielräume für Kinder erweitern und Familien entlasten sollen, sagt Wiesmann.

          Unter anderem schlagen die CDU-Politikerinnen eine kontrollierte Nutzung von Spiel- und Sportplätzen mit klaren Verhaltensregeln und unter Aufsicht von Erwachsenen vor. Außerdem müssten überall in der Stadt temporäre Spielstraßen geschaffen und ungenutzte Anlagen von Sportvereinen für Kinder geöffnet werden. Um das Aufeinandertreffen zu vieler Kinder in Kitas zu verhindern, könne die Betreuung dort in Schichten stattfinden, Kindergruppen könnten die Einrichtungen verlassen, etwa in den Wald gehen oder Bürgerhäuser, Gemeindesäle und Museen nutzen. Um das Infektionsrisiko trotzdem gering zu halten, müssten stets dieselben Gruppen mit festen Betreuungspersonen zusammenkommen, sagt Wiesmann. „Wenn wir dieser Logik folgen, lässt sich das Leben der Familien unter Corona rasch deutlich erleichtern.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unsere Autorin: Rebecca Boucsein

          F.A.Z.-Newsletter : Corona-Gipfel XXL: Testen und (ein bisschen) Öffnen

          Nach dem neunten Corona-Gipfel steht fest: Der Lockdown wird verlängert. Tests sollen ein paar Freiheiten möglich machen. Doch viele Fragen sind noch offen. Haben sich die Verhandlungen gelohnt? Darüber wird heute debattiert. Der F.A.Z.-Newsletter.
          Der Eingang zum Büro der Bundestagsfraktion der AfD

          Kontrollgremium im Bundestag : AfD-Mitglieder sollten Austritt prüfen

          Nachdem der Verfassungsschutz die AfD als Verdachtsfall eingestuft hat, legt der Leiter des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag AfD-Mitgliedern den Austritt nahe. Forsa-Chef Güllner erwartet allerdings keine signifikanten Wählerverluste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.