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EKHN feiert 75. Jubiläum : Frohe Botschaft Gottes in die Welt tragen

  • -Aktualisiert am

Warnung vor Selbstbezogenheit der Kirche: EKHN-Präsident Jung in Friedberg Bild: Maximilian von Lachner [F.A.Z.-Rech

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau feiert Jubiläum und blickt nach vorne. Dazu gehören Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten.

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          75 Jahre nach ihrer Gründung hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) am Samstag ihr Jubiläum in Friedberg gefeiert. Dort hatten sich am 30. September 1947 in der Burgkirche Delegierte der drei Kirchen Hessen-Darmstadt, Nassau und Frankfurt, die sich während des Nationalsozialismus unter dem Druck des Regimes zur Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen zusammengeschlossen hatten, dafür ausgesprochen, weiter als Kirche zusammenzubleiben, aber fortan unter dem Namen Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und mit demokratischen Strukturen.

          Nicht allen war am Samstag zum Feiern zumute, wie die Friedberger Pfarrerin Claudia Ginkel zur Begrüßung der Festgäste in der voll besetzten Stadtkirche Friedberg mutmaßte. Der Ukraine-Krieg, der Klimawandel, die Krise der Kirche mit vielen Austritten und bevorstehenden finanziellen und personellen Einschnitten sorgten bei manchem Gläubigen für Verdruss.

          Warnung vor Selbstbezogenheit der Kirche

          Tatsächlich hatte sich die Kirchenleitung zuvor Gedanken darüber gemacht, ob sie in diesen turbulenten Zeiten überhaupt feiern könne, wie Kirchenpräsident Volker Jung beim eher schwach besuchten Festnachmittag in der Friedberger Stadthalle berichtete. Sie entschied sich doch dafür. Der 75. Geburtstag sei ein guter Zeitpunkt, zurück und nach vorne zu schauen. Seine Feierlaune sei jedenfalls ziemlich groß.

          In seiner Predigt während des festlichen Jubiläumsgottesdienstes in der Stadtkirche hatte Jung allerdings einen ernsten Ton gesetzt, indem er vor einer Selbstbezogenheit der Kirche warnte. Sie müsse sich vielmehr immer wieder fragen, was ihre Aufgabe in der Welt sei und wie sie für andere und für diese Welt da sein könne. Aufgabe der Kirche sei es, sich dafür einzusetzen, dass Menschen weiter auf dieser Erde leben könnten – friedlich und gerecht. Es gelte, die frohe Botschaft Gottes in die Welt tragen.

          Die hessen-nassauische Kirche, die sich traditionell auch zu kontroversen politischen Themen äußert und etwa Ende der fünfziger Jahre eine Atombewaffnung der Bundesrepublik ablehnte oder jüngst sich für die Entsendung eines kirchlichen Schiffes zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer aussprach, steht laut Jung für Vielfalt und Toleranz. Sie müsse sich dienend darum bemühen, keine Menschen auszuschließen oder jemandem sogar Schaden zuzufügen. Prävention und Inklusion seien deshalb wichtige Aufgaben.

          Die vor 75 Jahren beschlossene Abkehr der EKHN von autoritären hin zu demokratisch-synodalen Strukturen hat sich nach Aussage von Birgit Pfeiffer, der Präses der Kirchensynode, bewährt. Ebenso die Praxis, dass alle Inhaber von Leitungsämtern auf Zeit von der Synode gewählt würden. Grußbotschaften an die EKHN, zu der auch Teile von Rheinland-Pfalz wie etwa Rheinhessen gehören, schickten aus der Ferne Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und seine rheinland-pfälzische Kollegin Malu Dreyer (SPD). Die hessen-nassauische Kirche sei für die hessische Landesregierung ein unverzichtbarer Partner, schrieb Rhein. Dreyer merkte an, die Verantwortlichen der EKHN hätten inmitten der Trümmer des Zweiten Weltkrieges und nach dem Zivilisationsbruch der Shoa eine offene, demokratische und zukunftsfreudige Gemeinschaft entwickelt.

          Einen Sprung 75 Jahre zurück ermöglichte ein Besuch der Burgkirche. Dort waren die Plätze der Delegierten von damals mit Namensschildern gekennzeichnet. Dass Martin Niemöller, der erste Kirchenpräsident, bei dieser Synode eine bedeutende Rolle spielte, war schon daran abzulesen, dass er in nächster Nähe zum Rednerpult saß. An seinem Platz war auf einem Bogen Papier ein Rat zu lesen, den er den Delegierten gegeben hatte: „Also bescheiden anfangen! Hinterher wird sich zeigen, was da ist.“

          Projekte der Propsteien

          Es war einiges vorhanden an Tatkraft und Optimismus: Auf Schautafeln war in der Burgkirche das Aufblühen dieser neugegründeten Kirche, aber auch des innerkirchlichen Kampfes zwischen regimenahen Deutschen Christen und standhaften Pfarrern und Gläubigen der „Bekennenden Kirche“, abzulesen. Ein Meilenstein war etwa die 1971 beschlossene Gleichstellung von Frauen und Männern im pfarramtlichen Dienst. Dass die EKHN trotz ihrer Probleme nicht den Mut und Glauben verloren hat, zeigte sich in der Stadthalle, in der die fünf Propsteien sich mit Projekten vorstellten. In Rheinhessen und dem Nassauer Land feiern Gemeinden Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten. In der Propstei Oberhessen sticht die Flüchtlingsarbeit hervor, die Propstei Starkenburg hat einen Umweltpfarrer.

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