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Gestrandet wegen „Sabine“ : Eine kurze Nacht im „Hotel train“

  • -Aktualisiert am

Überhang: Dieser Bahnkunde musste in einem Zug auf dem Frankfurter Hauptbahnhof übernachten Bild: Cabrera Rojas, Diana

Hunderte Bahnkunden sind am Sonntagabend wegen des Sturms „Sabine“ im Frankfurter Hauptbahnhof gestrandet. „Ich dachte, die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt einer. „Und dann ist sie gestorben.“

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          Lothar Grahl hat großes Glück. Während er auf einer Bank am Bahnsteig sitzt und in sein Salamibrot beißt, kommt sein Kollege mit dem Auto aus Dortmund, um ihn abzuholen. Denn Grahl, Mitte 40, graue Haare, will am nächsten Morgen unbedingt im Unterricht sitzen. Er lässt er sich gerade umschulen und kann sich keine Fehltage leisten. Dass es schwierig werden könnte, am Sonntag nach Dortmund zu kommen, hatte er rechtzeitig erfahren. Trotzdem stieg er um 14.51Uhr in München in den ICE. „Ich dachte, die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Grahl. „Und dann ist sie gestorben.“ Um kurz nach 18Uhr strandete er am Frankfurter Hauptbahnhof, nachdem die Deutsche Bahn wegen des Sturmtiefs „Sabine“ deutschlandweit den Fernverkehr eingestellt hatte.

          Zwei Stunden später sitzt Grahl an Gleis8 und wartet. Vor ihm steht ein „Aufenthaltszug“, den die Bahn bereitgestellt hat. „Hoteltrain“, lautet die englische Übersetzung. Eine leichte Übertreibung, schließlich handelt es sich nicht um einen Zug mit Betten, sondern einen normalen ICE. Darin dürfen die Fahrgäste warten oder übernachten.

          Kaffeespender auf dem Trolley

          An den Informationsschaltern drängen sich die Fahrgäste inzwischen bis auf den Bahnsteig. Viele von ihnen haben ihre Reise angetreten, obwohl sie um das Risiko wussten. So auch Steffen, ein junger Mann Ende 20, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Er war am Wochenende zum Snowboarden in Südtirol und ist um halb fünf in München in den Zug gestiegen. „Ich hab’s halt drauf ankommen lassen – und jetzt stehe ich hier.“ Gemeinsam mit mehreren Hundert anderen Bahnkunden wartet Steffen darauf, dass ihm einer der Service-Mitarbeiter einen Hotel- oder Taxigutschein ausstellt. Zwischen den Schlangen steht ein Bahn-Angestellter in orangefarbener Warnweste. Auf seinem Trolley hat er einen Kaffeespender, daneben liegt das, was es immer gibt, wenn bei der Bahn etwas schiefläuft: Gummibärchen.

          Ein älteres Paar steht etwas abseits und schaut gebannt auf die Anzeigetafel. Die beiden müssen nach Neuwied im Rheinland, das könnte noch klappen. Denn die Regionalzüge fahren noch. „Wir versuchen es“, sagt die Frau. Ein Mann aus Bochum hat sich dagegen längst im „Aufenthaltszug“ niedergelassen. Drei Leute hätten ihm gesagt, die Gutscheine seien vergriffen. „Dann lieber hier einen guten Platz haben.“

          Ein paar Meter weiter fährt um kurz vor 21 Uhr ein ICE aus Basel ein. Es ist einer der letzten Fernzüge, die den Hauptbahnhof an diesem Abend noch erreichen. Der Lokführer steigt aus, schließt die Tür zum Führerstand ab und schreitet zielstrebig gen Feierabend. Er hat es rechtzeitig ins Ziel geschafft, Frankfurt war seine Endstation. Für die Gestrandeten hat er wenig Verständnis. „Die sind doch selbst schuld, wenn die Ansage ist, dass keine Züge fahren, und sie dann trotzdem fahren.“

          Auffällig gelassen wirken dagegen jene Bahn-Angestellten, die sich um die Gestrandeten kümmern. Laut wird es nur, wenn sie den Fahrgästen dabei helfen, sich gemeinsam ein Taxi zu nehmen. Immer wieder hallen Städtenamen durch den Bahnhof. „Düsseldorf, Köln, Essen?“, ruft eine Mitarbeiterin. Einige Passagiere melden sich. „Sie drei kommen mal hier her.“

          „Irgendwas mit Berg“

          „Nürnberg!“, brüllt ein Mann. „Bamberg!“, korrigiert ihn seine Kollegin und gibt ihm einen Klaps. „Irgendwas mit Berg“, sagt er. Gelächter. Die Stimmung wirkt gelöst, viele der Fahrgäste scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. Die Schlange wird allmählich kürzer. Und Gutscheine gibt es weiterhin, entgegen aller Gerüchte.

          Am Morgen danach ist die Masse der Gestrandeten verschwunden. Aber es sind neue hinzu gekommen, denn inzwischen hat die Bahn auch den Regionalverkehr weitgehend eingestellt. Um kurz nach acht Uhr sitzt ein Schaffner im „Aufenthaltszug“. Etwa 100 bis 150 Fahrgäste hätten hier übernachtet, schätzt er. Am Gleis gegenüber war am Abend noch ein weiterer ICE zur verfügung gestellt worden. Die meisten sind Passagiere sind wieder wach, viele haben die beiden Züge schon verlassen. Der Schaffner hat Frühschicht und wartet auf den Neustart. Die Strecken würden im Moment von Lokomotiven abgefahren, berichtet er. „Dann sollte es wieder losgehen.“

          Draußen steht ein junger Mann und raucht. Er ist am Sonntagabend Ulm gekommen und hätte an diesem Montag in Hamburg arbeiten sollen. Vom Sturm hatte er schon vor Abfahrt erfahren, umplanen wollte er aber nicht. „No risk, no fun“, sagt er. Um 20 Uhr sei er in Frankfurt angekommen, eine Taxi-Gruppe sei nicht zustande gekommen, die Hotels in Bahnhofsnähe seien voll gewesen – so habe er die Nacht eben im „Hotel train“ verbracht. Wie er geschlafen hat? „Beschissen!“ Wann es für ihn Richtung Hamburg weiter geht, weiß er noch nicht.

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