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Heidi Benneckenstein erzählt : Eine Kindheit unter Nazis

Kehrtwende: Heidi Benneckenstein hat sich von der Nazi-Szene längst verabschiedet und klärt nun über sie auf Bild: Frank Röth

Heidi Benneckenstein besuchte als Jugendliche konspirative Neonazi-Lager und hielt den Holocaust für eine Erfindung. In der Jüdischen Gemeinde hat sie nun über ihre Vergangenheit als „Nazi-Mädchen“ gesprochen.

          Dass Heidi Benneckenstein auf der Bühne im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum sitzt, ist keine Selbstverständlichkeit. Marc Grünbaum, Dezernent für Kultur in der Gemeinde, hatte schon in seiner Begrüßung angekündigt, dass dies „ein besonderer Abend“ werden wird. Im ausverkauften Saal spricht Benneckenstein über ihre Vergangenheit, für die sie sich schämt, über die sie aber nicht schweigen will.

          Alexander Jürgs

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Juden, das waren für mich finstere Menschen mit großen Nasen, die böse aussehen, die geldgierig und ichbezogen sind“, sagt sie. Schon im Kleinkindalter habe ihre Großmutter sie vor „den Juden“ gewarnt. Als Jugendliche hielt Benneckenstein, die 1992 geboren wurde, den Holocaust für eine Erfindung. Ihr Vater hatte es ihr so eingebläut. Sie sagt, dass sie gut nachvollziehen könnte, wenn man sie an diesem Ort nun nicht willkommen heißen würde. Doch das ist nicht der Fall: Als Benneckenstein die Bühne betritt, wird sie mit lautem Applaus begrüßt. Mit auf dem Podium sitzt der Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit. Anna Prizkau, Redakteurin dieser Zeitung, moderiert das Gespräch.

          „Ein deutsches Mädchen“

          Heidi Benneckenstein war früher, so schreibt sie es selbst in ihrem Buch, ein „Nazi-Mädchen“. Sie verteilte Flugblätter für die NPD, sie lief auf Neonazi-Demos mit, sie besuchte Ferienlager, in denen der Nachwuchs der rechtsextremen Elite indoktriniert wurde. Das Buch, das sie über ihre Kindheit und Jugend in der Neonaziszene geschrieben hat, heißt „Ein deutsches Mädchen“, es ist ein Bestseller.

          Benneckenstein hat die Beine überkreuzt, die Hände ineinander verknotet, sie trägt ein T-Shirt mit Streifen und ein Nasenpiercing. „Es ist ein komisches Gefühl, hier zu sitzen“, sagt sie. Es ist das erste Mal, dass sie an einem Ort, der ganz explizit für das jüdische Leben in Deutschland steht, über ihre Vergangenheit spricht.

          Benneckenstein ist nicht als Jugendliche in die rechte Szene geschlittert, sie wurde in eine Nazifamilie hineingeboren. Ihr Vater, Helge Redeker, galt lange als ein führender Kopf der Ultrarechten. Anfang der neunziger Jahre hatte er mit Gleichgesinnten in der russischen Enklave Kaliningrad ein Dorf aufgebaut – mit dem Ziel, Ostpreußen wieder zu „germanisieren“.

          „Kinder aus besseren Familien“

          Als Kinder haben Benneckenstein und ihre älteren Schwestern die Lager der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) besucht. Die Organisation verstand sich als Kaderschmiede für die rechtsextreme Elite, 2009 wurde sie verboten. „Wir waren fast ausschließlich Kinder aus besseren Familien“, erzählt Benneckenstein. „Das Ziel war es, uns zu Neonazis zu erziehen, zu Elite-Nazis, nicht zu stumpfen Skinheads.“ Dabei wurde auf Einschüchterung gesetzt, auf Angst und auf Drill. Aber auch auf ein Gemeinschaftsgefühl: In der Gruppe sang man Heimatlieder, bei Geländespielen sollten die Kinder zusammenwachsen. Viele, die heute eine zentrale Rolle in der ultrarechten Szene spielen, waren damals bei der HDJ.

          Als „Nazi-Mädchen“ schreckte Benneckenstein auch vor brutaler Gewalt nicht zurück. 2008 war sie Teil einer Gruppe, die in Passau einen Fotografen beinahe zu Tode geprügelt hatte. Der Journalist hatte die Besucher einer Beerdigungsfeier für einen Altnazi fotografiert. In ihrem Buch beschreibt Benneckenstein minutiös, wie sie sich an der Gewalt berauschte, wie sie den Fotografen angegriffen hat – 16 Jahre war sie damals alt. „Ich war ganz vorne mit dabei, ich habe jede Beherrschung verloren“, erinnert sie sich. „Das ist etwas, das mir heute unglaublich unangenehm ist, trotzdem ist es wichtig, darüber zu sprechen.“ Ein Jahr lang redete sie sich ihr brutales Verhalten schön, erst danach kamen die Zweifel.

          Bis Heidi Benneckenstein erwachsen wurde, hat sie sich ausschließlich in rechtsextremen Kreisen bewegt. Sie engagierte sich in Passau bei der NPD, sie kam eine Zeitlang in einer Neonazi-WG in Bautzen unter, in Jena knüpfte sie Kontakt zu Ralf Wohlleben, der heute als mutmaßlicher NSU-Unterstützer vor Gericht steht. Auch ihr Ehemann Felix Benneckenstein war Teil des Netzwerks. Als Liedermacher Flex trat er bei Rechtsrock-Konzerten auf, in seinen Stücken hetzte er gegen alles Fremde.

          Eine Frau steht auf und stellt sich als Mitglied der Gemeinde vor. „Ich habe einen Heidenrespekt, dass Sie es geschafft haben, aus dieser Szene auszusteigen“, sagt sie. Sie will wissen, wie dieser Ausstieg verlaufen ist, was ihr geholfen hat. „Am Wichtigsten war, dass ich nicht allein war“, antwortet Benneckenstein. Als sie mit 17 Jahren schwanger wurde, haben sie und ihr Partner beschlossen, den Weg aus der Szene hinaus zu wagen. „Wer allein aussteigt, fällt in ein tiefes Loch“, sagt sie. „Das ist uns erspart geblieben, weil wir uns gegenseitig hatten.“ Trotzdem kämpfte sie wegen ihrer Vergangenheit lange mit psychischen Problemen.

          Mittlerweile sei sie in ihrem „neuen Leben angekommen“, sagt Benneckenstein. Sie hat den Schulabschluss nachgeholt und eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert, hat Freude an der Arbeit mit Kindern. Ihr Mann arbeitet heute in einem Aussteigerprogramm für Neonazis. Damit noch mehr Menschen den Absprung schaffen.

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