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Nach Tod im Frankfurter Zoo : „Ein Übermaß an Sicherheit ist auch nicht gut“

  • -Aktualisiert am

Unglücksort: Wassergraben im Frankfurter Zoo Bild: Rainer Wohlfahrt

Der tragische Tod eines kleinen Jungen in einem Wassergraben im Frankfurter Zoo zieht Fragen zur Sicherheit nach sich. Olaf Seiche vom TÜV Rheinland sieht in Freizeitanlagen immer auch die Eltern in der Verantwortung.

          3 Min.

          Der TÜV Rheinland prüft technische Anlagen, auch bei Volksfesten und in Freizeitparks. Aber zwischen einem Mindestmaß und einem Höchstmaß an Sicherheit gibt es einen enormen Spielraum. Wie lässt sich feststellen, ob eine Anlage „ausreichend“ sicher ist?

          Ralf Euler
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zunächst einmal muss man unterscheiden zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit. Hundertprozentige objektive Sicherheit gibt es nicht, egal ob wir über einen Zoo, einen Freizeitpark oder einen Swimmingpool sprechen. Es bleiben überall Restrisiken, die wir in einer freien Gesellschaft in Kauf nehmen müssen. Darüber hinaus gibt es aber auch das subjektive Sicherheitsgefühl, das heißt: Wie sicher fühlt sich der Gast? Das ist tatsächlich abhängig von Bauvorschriften, regelmäßigen Kontrollen und einem guten Sicherheitsmanagement.

          Und da kann man, wenn man es richtig macht, 100 Prozent Sicherheit erreichen?

          Nicht gerade 100 Prozent, aber 80 bis 90 Prozent.

          Das heißt dann, dass sich die Besucher eines Freizeitparks keine Gedanken mehr über mögliche Gefahren machen, sondern das Erlebnis einfach sorglos genießen?

          Ja, wobei man immer aufpassen muss, dass man die Sicherheit zu Lasten des Komforts nicht so weit in den Vordergrund rückt, dass kein Mensch mehr Lust hat zu kommen. Nehmen wir den Extremfall: den Schutz vor terroristischen Anschlägen. Wenn ich es mit den Einlasskontrollen übertreibe, habe ich als Ergebnis lange Schlangen vor den Kassen. Das akzeptiert dann irgendwann niemand mehr. Man darf beim Thema Sicherheit auch nicht über das Ziel hinausschießen.

          Billigt dem Faktor Mensch eine entscheidende Rolle zu: Olaf Seiche vom TÜV Rheinland zu Unglücken in Freizeitanlagen
          Billigt dem Faktor Mensch eine entscheidende Rolle zu: Olaf Seiche vom TÜV Rheinland zu Unglücken in Freizeitanlagen : Bild: TÜV-Rheinland

          Wann also ist eine Anlage ausreichend, aber nicht übertrieben sicher?

          Für die Sicherheit von Baulichkeiten sind grundsätzlich die lokalen Bauämter zuständig. Die jeweiligen Bauvorschriften werden auf Landesebene festgelegt und enthalten, was passie- ren muss. Das ist gesetzlich geregelt, und der Besucher einer Freizeitan- lage kann davon ausgehen, dass das eingehalten wird. Entscheidend ist immer, was in der Baugenehmigung steht und welche Vorgaben das Bauamt macht.

          Der TÜV kontrolliert und zertifiziert?

          Wir machen die technischen Prüfungen und kontrollieren, ein Zertifikat gibt es da nicht. Die Einhaltung von Gesetzen ist nicht zertifizierungsfähig.

          Und die Kontrollen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt?

          Das sind die sogenannten wiederkehrenden Prüfungen, die auch vorgegeben sind. Beispielsweise müssen Brandmelde- und Feuerlöschanlagen in Konzerthallen regelmäßig von Experten geprüft werden, ebenso wie Achterbahnen in Freizeitparks.

          Bürgen solche Kontrollen für Sicherheit?

          Wenn die gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden, kann man davon ausgehen, dass die Sicherheit ausreichend ist. Aber natürlich gibt es Risikogruppen wie alte Menschen und Kinder. Gerade Kinder müssen besonders geschützt werden, aber die gehen ja auch nicht allein in den Zoo, sondern werden von Erwachsenen begleitet. Die müssen dann letztlich dafür sorgen, dass das Kind nicht über ein Geländer oder eine Brüstung klettert oder in einen Teich fällt. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, ein Kind in einem Bahnhof unbeaufsichtigt auf dem Bahnsteig spielen zu lassen. Das ist dann eine offensichtliche Gefahr.

          Der TÜV führt die gesetzlich vorgeschriebenen Prüfungen der Gerätschaften durch. Wo stehen Betreiber in der Verantwortung?

          Die sind dafür verantwortlich, dass die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden. Ab irgendeinem Punkt muss es aber immer heißen: Eltern, passt auf eure Kinder auf, ihr seid für deren Sicherheit mitverantwortlich. Wer in einen Zoo geht, möchte einen möglichst guten Blick auf die Tiere haben. Hohe Zäune überall, Glaswände und Mauern mit nur noch kleinen Gucklöchern hier und da: Das wäre vielleicht ein Optimum an Sicherheit, aber das will doch kein Besucher ernsthaft.

          Was können Besucher von Freizeitanlagen selbst tun, um Gefahren und Unfälle zu vermeiden?

          Eine Ursache von Unfällen in Freizeitanlagen ist technisches Versagen, Materialermüdung oder Ähnliches. Davor kann man sich nicht schützen, es sei denn, man steigt erst gar nicht in die Fahrgeschäfte ein. Daneben spielt der Faktor Mensch eine entscheidende Rolle. Bei Unfällen mit Kindern, und da sind die Eltern gefordert. Das Leben ist nun mal nicht sicher, weder auf den Straßen noch im Zoo, noch sonst irgendwo. Natürlich nehmen die Betreiber von Freizeiteinrichtungen eigene Risikoeinschätzungen vor und versuchen gegenzusteuern. Aber es bleibt immer ein gewisses Restrisiko.

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