https://www.faz.net/-gzg-ob0f

: Ein "Lacharzt" neben Goethe auf dem west-östlichen Diwan

  • Aktualisiert am

Viel zu lachen hat die SPD derzeit ja nicht. Aber nach dem altbewährten Motto "Humor ist, wenn man trotzdem lacht" haben die Frankfurter Sozialdemokraten jetzt dennoch einen ganzen Abend lang gelacht.

          3 Min.

          Viel zu lachen hat die SPD derzeit ja nicht. Aber nach dem altbewährten Motto "Humor ist, wenn man trotzdem lacht" haben die Frankfurter Sozialdemokraten jetzt dennoch einen ganzen Abend lang gelacht. Ein klein wenig über sich selbst, aber am meisten über Sinasi Dikmen beziehungsweise dessen Witze und kabarettistischen Auslassungen. Der Deutsch-Türke, Türk-Deutsche oder wie immer man einen Mann nennen soll, der in einem Schafsdorf am Schwarzen Meer aufgewachsen ist und ein halbes Jahrhundert später nach einem Gastarbeiter-Umweg unter anderem über eine Ulmer Krankenpflegestation in Frankfurt ein deutschsprachiges Kabarett namens "Die Käs" betreibt, ist nämlich neuer Träger des Skyline-Kulturpreises der Frankfurter SPD. Und wenn die SPD sich schon mal mit Kultur schmückt, muß das auch richtig gefeiert werden.

          Für die Preisverleihung im Kabarett "Käs" in der Naxos-Fabrik an der Waldschmidtstraße 19 boten die Genossen mit Hilmar Hoffmann einen Laudator auf, der einstmals als Markenzeichen sozialdemokratischer Kulturpolitik galt (Stichwort: Kultur für alle), inzwischen aber längst aus der aktiven Politik ausgeschieden ist. Goethes Stellvertreter auf Erden gelang das Kunststück, den türkischstämmigen Brettelmeister aus dem Nordend neben den Frankfurter Altmeister aus dem Großen Hirschgraben auf den west-östlichen Diwan zu betten. Die wahren Frankfurter Brüder des Sinasi Dikmen, darauf wies Hoffmann zu Recht auch hin, sind jüngeren Datums und heißen Rolf Rolfs ("Die Schmiere"), Matthias Beltz oder Robert Gernhardt und Chlodwig Poth, um nur diese zwei Herrschaften aus dem mainischen Vorzeige-Institut "Neue Frankfurter Schule" zu nennen. Im "Humorzentrum" Frankfurt, hat der frühere Kulturdezernent errechnet, ist die "Dichte" der zeichnenden oder schreibenden Zunft der satirischen Künste pro Quadratkilometer am größten in Deutschland.

          "Käs" oder Römer? Wo ist mehr Kabarett? Etwas ratlos gab sich bei dieser Frage der SPD-Vorsitzende Franz Frey , der Sinasi Dikmen bei der Preisverleihung ein Plexiglas-Hochhaus überreichte, das Kuvert mit dem 5000-Euro-Scheck aber in seiner Brusttasche behielt. Man muß es ihm verzeihen: Wer wie Frey den ganzen Tag nur noch ans Sparen denkt, der kann schon mal das Geldauszahlen vergessen. Auf jeden Fall hat Dikmen die Preissumme dann doch noch bekommen und kann damit wenigstens einen kleinen Teil jener Kredite abtragen, die er für die Gründung der "Käs" aufgenommen hat.

          Wenn Dikmens Kabarettisten-Kollegen Dieter Hildebrandt zu glauben ist, wird's bis zur Gesamttilgung nicht mehr lange dauern. Preise, so warnte er in einer elektronisch aufgezeichneten Grußbotschaft, suchten sich ihre Träger gnadenlos aus. Wen's einmal getroffen habe, den treffe es immer wieder. "Der nächste Preis lauert schon."

          Verdient hat Dikmen Auszeichnungen allemal. Denn wer einer Nation, die die Vorstufe des Weinens, nämlich das Jammern, zur hohen Kunst entwickelt hat, wer also diesen miesmuffeligen Deutschen als "Lacharzt" etwas mehr Lebensfreude zu verschaffen vermag, ist aller Preise würdig.

          Einen Spezialpreis hat auf alle Fälle Dikmens Nummer mit dem Goldfisch verdient, der wohl aus Rücksicht auf die SPD an diesem Abend ein Rotfisch war. Ob Gold oder Rot - am Barsch im Goldfischglas läßt sich das Grunddilemma der Menschen ablesen, das da lautet: Sicherheit oder Freiheit. Für die Freiheit, also in diesem Fall den Sprung aus der Schüssel, entscheiden sich nach Ansicht Dikmens höchstens zwei Prozent. Die restlichen 98 Prozent vertrauen ihr Heil der Politik an, die ihnen ganz unterschiedliche Überlebensstrategien anbietet. Die CDU versucht unter dem Stichwort weniger Staat das kollektive Gefängnis des Goldfischglases zu verkleinern. Die SPD in ihrer Betreuungsmanie tauscht immer wieder mal das Wasser im Glas aus. Die FDP reduziert beständig den Wasserpegel, auf daß die Fische mehr Eigenverantwortung lernen. Die Grünen schließlich setzen aus ökologischen Gründen die Barsche oder Schleien im Meer aus, obwohl diese Salzwasser nicht vertragen.

          Spätestens nach diesem kabarettistischen Kabinettstückchen waren die in der "Käs" versammelten Frankfurter Sozialdemokraten, unter ihnen mit Rudi Arndt und Andreas von Schoeler zwei Altoberbürgermeister und mit Joachim Vandreike ein amtierender Bügermeister, davon überzeugt, daß Dikmen ein würdiger Preisträger sei. Dessen Vorgängerin Sabrina Setlur sah das offenbar auch so und verzichtete darauf, aufs Siegerfoto zu kommen. An diesem Abend sollte alle Aufmerksamkeit dem in Frankfurt gestrandeten "Wissens-Änderungsschneider" aus der türkischen Provinz gehören.

          HANS RIEBSAMEN

          Weitere Themen

          In zwei Stufen heraus aus dem Lockdown

          Heute in Rhein-Main : In zwei Stufen heraus aus dem Lockdown

          Schwarz-Grün hat einen neuen Lockerungsplan entworfen. Viele Jugendliche fühlen sich in der Pandemie „vergessen“. Frankfurts ältestes Kino bleibt. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Offenbachs Nordkap

          Geplantes Stadtquartier : Offenbachs Nordkap

          Im Offenbacher Gewerbegebiet am Kaiserlei ist ein spektakuläres Hochhaus geplant. Ein Park soll aber auch die Aufenthaltsqualität im Freien verbessern.

          Topmeldungen

          Rettungskräfte in der südisraelischen Stadt Sderot versorgen eine Frau nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen am 12. Mai

          Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

          Die Heftigkeit der Angriffe der Hamas und des israelischen Militärs, aber auch der Gewalt in Israel selbst hat viele überrascht. Und alle fragen sich: Wird diese „Runde“ bald vorüber sein und wird sich etwas ändern?
          Immer schön vorsichtig: Hinweisschilder im Tierpark Hagenbeck in Hamburg

          Corona in Norddeutschland : Hamburg und Schwerin bleiben auf der Bremse

          Viele schauen neidisch auf Schleswig-Holstein, wo vieles geht, was anderswo noch nicht geht. Aber die Regierungschefs in Hamburg und Schwerin bleiben trotzdem bei ihrem vorsichtigen Kurs. Die Kritik hält sich in Grenzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.