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Schießerei in Bonames : Abends kommt die Angst zurück

Tatort: An diesem Weiher wurde Kibrom T. am 2. April 2014 erschossen. Eine Kerze soll daran erinnern. Bild: Max Kesberger

Vor genau einem Jahr wurde am Ben-Gurion-Ring in Frankfurt ein Rocker erschossen. Der mutmaßliche Schütze ist angeklagt. Doch die Tat erschüttert die Siedlung noch immer.

          3 Min.

          Kurz vor eins ist es vorbei mit der Ruhe am Ben-Gurion-Ring. Dort, wo die Ladenzeile beginnt und sich Bäckerei, Optiker, Apotheker und Friseur aneinanderreihen, wo sich die Anwohner bei schönem Wetter zum Kaffeetrinken treffen, dort steht an diesem Dienstagnachmittag der Inhaber der Backstube auf der Straße, neben sich zwei Polizisten, und ruft: „Der da, der in der schwarzen Jacke, der war’s.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Polizisten rennen los, dem Jugendlichen hinterher. Sie laufen in Richtung Grünanlage, an Häuserblocks vorbei, schließlich holen sie ihn ein. „Ihr könnt mir gar nichts“, blafft der Deutsch-Afrikaner. Und dann, zu der Polizistin gewandt: „Du hast mir nichts zu sagen. Du gehorchst gefälligst mir.“ Die Polizistin lächelt nur müde und verlangt den Personalausweis. Sie kennt Maulhelden wie ihn, seitdem sie in dem Viertel Streife fährt.

          365 Tage danach will ein Freund Rache

          Warum er randaliert habe, will sie wissen, und warum ausgerechnet in der Bäckerei. Die Antwort kommt prompt: „Weil hier in dem Viertel vor einem Jahr ein Mensch ermordet wurde. Er war mein Kumpel, und bis heute ist der Mord nicht gesühnt.“ Wenn nicht bald etwas geschehe, nehme er die Sache selbst in die Hand.

          Unruhestifter: Ein Mann, der gedroht hatte, Kibrom T. zu rächen, wird von Polizisten abgeführt.
          Unruhestifter: Ein Mann, der gedroht hatte, Kibrom T. zu rächen, wird von Polizisten abgeführt. : Bild: Max Kesberger

          Der Mord, von dem der junge Mann spricht, geschah an diesem Donnerstag (2. April) vor einem Jahr. Anwohner erinnern sich an den Tag.

          Es war warm, an dem Nachmittag waren Dutzende Kinder aus der Siedlung mit ihren Eltern in der Grünanlage auf dem Spielplatz am Weiher.

          Gegen 17 Uhr fielen plötzlich Schüsse.

          Das Opfer war Kibrom T., ein 29 Jahre alter Deutsch-Äthiopier, der früher einmal am Ben-Gurion-Ring gewohnt hatte und seitdem, so hieß es, in Drogengeschäfte verwickelt war. Der mutmaßliche Schütze, Zubaidulla K., schoss mit einer Kleinkaliberpistole mehr als zwanzigmal auf das Opfer und verletzte dessen beide Begleiter schwer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord und zweifachen Mordversuch vor.

          Schießerei in Bornames: Die Polizei sperrt die Siedlung ab (Archivbild).
          Schießerei in Bornames: Die Polizei sperrt die Siedlung ab (Archivbild). : Bild: Wolfgang Eilmes

          Auch ein Jahr nach der Tat sind die Hintergründe noch weitgehend unklar. Bekannt ist, dass Kibrom T. und Zubaidulla K. sich seit Jahren kannten. Sie sind zusammen aufgewachsen in dem Viertel, in dem sie an jenem 2. April 2014 zum letzten Mal aufeinandertrafen.

          Einer These zufolge waren Drogengeschäfte der Grund für die Schüsse. Zubaidulla K. soll während der Tat gerufen haben: „Niemand rippt die Familie ab.“ Angeblich ging es um 40 000 Euro, um die sich K.s Familie betrogen sah. In der zweiten Theorie, die die Ermittler für ebenso plausibel halten, geht es um das Auto von einem aus der Gruppe um Kibrom T. Ein Freund Zubaidulla K.s soll es beschädigt haben, daraus wurde ein Streit zwischen den verfeindeten Gangs. Wahrscheinlich ist, dass beide Anlässe eine Rolle gespielt haben.

          „Man hat einfach Angst“

          Am Ben-Gurion-Ring selbst sind viele Anwohner noch immer schockiert von dem Verbrechen. Eine junge Frau, die am Dienstagnachmittag die Festnahme des Bäckerei-Randalierers verfolgt, gibt zu, dass sie abends nur noch ungern aus dem Haus geht. „Genau wegen solcher Leute. Man hat einfach Angst.“ Das sagen auch viele ältere Bewohner, die sich schon lange vor den Schüssen darüber beschwert haben, dass Jugendliche in der Siedlung aggressiv aufträten und mit Drogen handelten.

          Ortsbeiratsmitglied Michael Paul (Die Grünen), der sich im Regionalrat zudem für die Kriminalprävention in dem Viertel engagiert, lässt hingegen wissen, er wolle nicht, dass die Siedlung wieder stigmatisiert werde. Artikel wie diesen, der sich mit der Schießerei vor einem Jahr beschäftigt, würde er am liebsten verhindern.

          Dass sich die Bluttat ausgerechnet am Ben-Gurion-Ring ereignete, ist für die Anwohner nur schwer zu ertragen. Denn eigentlich war in der Siedlung endlich Ruhe eingekehrt. Nachdem die Polizei dort Banden zerschlagen hatte und jugendliche Straftäter ins Gefängnis gekommen waren, hörte man lange Zeit nichts mehr von Raubüberfällen und Messerstechereien.

          Viele junge Familien zogen an den Ben-Gurion-Ring; sie sagten, sie könnten gar nicht verstehen, warum das Viertel so einen schlechten Ruf habe. Sie fühlten sich wohl. Tatsächlich gleicht die Grünanlage zwischen den Häuserblocks gerade im Sommer einem Idyll. Auf den Spielplätzen und rund um die riesigen Wohnblöcke herrscht Ordnung, nicht einmal Müll liegt dort herum.

          Rockerbeerdigung: Das Opfer war Mitglied eines Motorradclubs.
          Rockerbeerdigung: Das Opfer war Mitglied eines Motorradclubs. : Bild: dpa

          Dennoch fürchten die Anwohner, dass heute, am Jahrestag der Schüsse, Familienangehörige von Kibrom T. und Zubaidulla K. abermals aufeinandertreffen könnten. Die Polizei jedoch sagt, dafür gebe es „nicht den geringsten Hinweis“. Auch nicht darauf, dass Rockerfreunde des Opfers auftauchen könnten.

          Kibrom T. war Mitglied des Rockerclubs „Gremium MC Fulda“ gewesen. An dem kleinen Weiher, dem Ort, an dem er tot zusammenbrach, war lange Zeit eine Art Mahnmal aufgebaut, mit Kerzen und Bildern. Die Anwohner haben darum gekämpft, dass es verschwindet. „Die Kinder“, sagten sie, „werden sonst jeden Tag an die Tat erinnert.“ Die Stadt hatte mit der Familie und den Freunden von Kibrom T. ausgemacht, dass das Terrain dort wieder „neutral“ sein sollte. Doch gestern stand wieder eine Kerze da.

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