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Ehec-Krise : Gemüsebauern klagen über starke Einbußen

  • Aktualisiert am

Ladenhüter: Tomaten und Co. stehen noch immer unter Verdach. Bild: REUTERS

Noch vor gut einer Woche spürte Albert Kunna kaum etwas von der Ehec-Krise – doch das hat sich schlagartig geändert. Seit Montag sinkt der Absatz des Gemüsebauern aus dem Frankfurter Stadtteil Nieder-Erlenbach.

          Noch vor gut einer Woche spürte Albert Kunna kaum etwas von der Ehec-Krise – doch das hat sich schlagartig geändert. Seit Montag sinkt der Absatz des Gemüsebauern aus dem Frankfurter Stadtteil Nieder-Erlenbach. Statt 12.000 Salatköpfe kann er derzeit nur rund 6000 Stück am Tag verkaufen. Das bedeutet eine Umsatzeinbuße von 2500 bis 3000 Euro – täglich. Das Kunna zudem Schnittblumen anbaut und einen Hofladen betreibt, ist er nicht von Salat abhängig. Aber immerhin erzielt er mit diesem Produkt, das er vor allem über die Rewe-Gruppe und das Frischezentrum im Norden Frankfurts verkauft, rund ein Viertel seines Umsatzes.

          Schlecht zu sprechen ist Kunna auf das Krisenmanagement der Politik. Ehec-Bakterien seien schon vor zehn Jahren in Japan bei Sprossen festgestellt worden und hätten ähnliche Krankheitsbilder verursacht wie der nun umlaufende Keim. „Dennoch ist keine Vorsorge getroffen worden – das kann doch nicht sein“, sagt der Bauer und schimpft über Warnungen vor frischem Gemüse. „In anderen Ländern bekommen die Verbraucher gezeigt, wie sie damit in der Küche umgehen sollen.“

          400.000 Euro Verlust am Tag

          Der Landwirt Heinz Schenck aus dem Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach spricht angesichts der ungeklärten Fragen um die Herkunft des Ehec-Keims von einer „verzwickten Situation“, gleichwohl rügt auch er das Krisenmanagement als „unqualifiziert“ und „kopflos“. Dabei hat Schenck noch Glück: Die von ihm gezogenen Tomaten werden erst in der nächsten Woche reif. Deshalb leidet er anders als einige Mitbewerber noch nicht an den Absatzeinbrüchen. Allerdings liefert Schenck auch Basilikum, das gern zu Tomaten gegessen wird und derzeit weit weniger als sonst gefragt ist: An normalen Tagen verkauft er nach eigenen Worten rund 350 Stiegen der Kräuter, derzeit sind es nur rund 100 – und beklagt einen Umsatzausfall von insgesamt etwa 900 Euro am Tag. Auf die Frage, wie lange er solche Einbußen verkraften könne, sagt Schenk: „Kommt darauf an, wie kulant meine Lieferanten von Sämereien, Töpfen und anderem Bedarf für den Anbau sind.“ Sein Girokonto sei jedenfalls schon am Limit.

          Wie Kunna und Schenck geht es nach Angaben des hessischen Bauernverbands der gesamten Branche zwischen Kassel und Odenwald – allerdings ist kein Erzeuger von Sprossen dabei. Bauernpräsident Friedhelm Schneider beziffert die Verluste der Gemüsebetriebe auf rund 400.000 Euro am Tag. Nach den Angaben von Heinz Georg Paulus, Geschäftsführer des Frischezentrums, liegen die Umsätze der betroffenen Betriebe um bis zu vier Fünftel unter den üblichen Erlösen. Er meint, betroffenen Bauern müsse geholfen werden, wenn sie in ihrer Existenz gefährdet und unverschuldet in diese Situation geraten seien. Schneider fordert eine Entschädigung.

          „Ich fände es klug, wenn sich Bund und Länder einigten“

          Die Kritik an der Politik und dem Robert-Koch-Institut kann Oswald Bellinger nicht nachvollziehen. Der zuständige Infektiologe des Frankfurter Gesundheitsamts sagt, es werde mit Hochdruck an der Ursachenforschung gearbeitet. Das Institut leiste detektivische Kleinarbeit unter großem öffentlichen Druck. Dass das Amt von der Ermittlungsarbeit überzeugt ist, zeigt sich auch in seiner gestern abermals gegebenen Empfehlung, weiterhin auf Blattsalat, Tomaten, Gurken und Sprossen zu verzichten.

          Nach Angaben von Bellinger sind am Dienstag sechs weitere Ehec-Erkrankungen in Frankfurt gemeldet worden. Es handele sich um Nachmeldungen nach dem verlängerten Wochenende. Die letzte Erkrankung sei am 30. Mai aufgetreten, aus dem Juni seien noch keine Neuerkrankungen bekannt. Deshalb hofft Bellinger, dass die Infektionsquelle nicht mehr aktiv ist und die Erkrankungswelle abebbt. Noch immer müssten zwei Patienten intensivmedizinisch betreut werden.

          Die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann (Die Grünen) hält insbesondere eine bundesweit einheitliche Krisenkommunikation für wichtig, um die Bürger nicht zu verunsichern. „Ich fände es klug, wenn sich Bund und Länder einigten“, sagte sie im Interview mit dieser Zeitung.

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