https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/earth-overshoot-day-welche-wege-fuehren-zur-biooekonomie-16914192.html

Earth Overshoot Day : Mehlwurm-Burger oder vegetarisch?

Sieht so die Zukunft aus? Mehlwurm-Produkte, hier ein Burger-Patty, sollen klassische Fleischwaren ersetzen. Bild: Wolfgang Eilmes

Wenn die Menschheit künftig mit den natürlichen Ressourcen auskommen will, muss sich viel ändern. Aber was? Das Senckenberg-Museum zeigt drei Szenarien für das Jahr 2040.

          2 Min.

          Werden wir alle künftig Mehlwürmer essen? Katrin Böhning-Gaese konnte sich noch nicht dazu überwinden. „Bisher habe ich sie noch nicht selbst probiert – Jugendliche haben damit aber viel weniger Probleme“, sagt die Professorin am Donnerstag im Senckenbergmuseum. Anlass ist der „Earth Overshoot Day“ am Samstag, an dem die Menschheit die Ressourcen verbraucht hat, die die Natur in diesem Jahr wiederherstellen kann. Böhning-Gaese ist Direktorin des Senckenberg-Forschungszentrums Biodiversität und Klima. Die Mehlwürmer stehen auf einem Speiseplan für die Zukunft: In der Ausstellung „Zukunft gestalten – Wie wollen wir leben?“ stößt man auf einen Mehlwurm-Burger, gleich neben der Lupinen-Pizza mit Gemüse vom Dachgarten.

          Jannik Waidner
          Redakteur in der Wirtschaft

          Ganze drei Wochen später als im vergangenen Jahr überschreitet die Menschheit dieses Mal mit ihrem Kohlenstoffverbrauch die Biokapazität. Für Böhning-Gaese ist das kein Grund zur Entwarnung: „Grund ist der Corona-Lockdown und das Anhalten der Wirtschaft. Es war nicht geplant, nicht freiwillig und nicht gerecht.“ Ungleichheiten würden in der Corona-Pandemie weltweit verstärkt. Trotzdem ist der geringere Ressourcenverbrauch für die Forscherin Motivation. „Wir haben gesehen, wie viel wir durch unser Handeln bewirken können.“ Das Ziel ist für die Ökologin klar: Es müsse eine Bioökonomie entstehen, in der nachwachsende, biobasierte Rohstoffe an die Stelle der fossilen Rohstoffe treten.

          Alles andere als klar ist jedoch der Weg dahin. Die Ausstellung „Zukunft gestalten“ soll helfen, das zu ändern. Sie konzentriert sich auf drei Szenarien für das Jahr 2040, zu erkennen an den Farben Blau, Gelb und Türkis. Die blaue Welt ist von Innovationen aus der Wirtschaft bestimmt. Fortschritte etwa in der Gentechnik sollen hier das Problem des hohen Ressourcenverbrauchs lösen. Es darf weiter so viel wie heute konsumiert werden, an den marktwirtschaftlichen Strukturen ändert sich wenig.

          Keins der Szenarien ist optimal

          In der gelben Welt führen die Menschen ein einfaches Leben, aus der Gesellschaft heraus ist ein ökologischer Lebensstil entstanden. Anstatt Mehlwurm-Produkte zu kaufen und In-vitro-Fleisch zu essen, das im Labor gezüchtet wird, schränken die Menschen ihren Fleischverzehr stark ein. Die Wirtschaft kommt ohne Wachstum aus; Modelle wie die Solidarische Landwirtschaft, die auf das Teilen ausgelegt sind, haben die heutige Art des Konsums ersetzt. „Dieses Szenario setzt die größte Verhaltensänderung voraus“, sagt Christina Höfling, die das Projekt „Biokompass“ koordiniert, in dem die Szenarien und die Ausstellung entworfen wurden. In der türkisen Welt schließlich haben politische Eingriffe wie Steuern, Subventionen, Anreize und Verbote die Transformation angetrieben. Die Wirtschaft darf hier weiter wachsen – solange sich die CO2-Bilanz dabei nicht verschlechtert.

          „Keine der Welten ist optimal“, sagt Höfling. Interessierte Bürger sowie Schulen und Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft haben sie entworfen, rund 70 Menschen haben laut Höfling an dem Zukunftsdialog teilgenommen. Die drei Welt-Entwürfe sollen in erster Linie Orientierung geben. „Die Entwicklung wird wahrscheinlich eine Mischung aus den drei Szenarien sein“, so Höfling. Wie Böhning-Gaese will sie keine der Welten als die „richtige“ verstanden wissen. „Welches Szenario man bevorzugt, ist von den eigenen Werten und der Lebenssituation abhängig“, sagt Böhning-Gaese. „Wir wollen den Weg nicht vorgeben, sagen aber klar, dass sich etwas ändern muss.“

          Das gilt vor allem für die westliche Welt. Läge der Kohlenstoffverbrauch global auf dem Niveau von Deutschland, würde die Kapazität von drei Erden verbraucht. Für das Niveau der Vereinigten Staaten wären es sechs. Mit dem Wohlstand vergrößere sich auch der ökologische Fußabdruck, so Böhning-Gaese. Sowohl national wie auch weltweit gelte: „Die Umweltbelastung wird von den Wohlhabenden getrieben.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Volker Wissing verlässt seinen Dienstwagen vor einer Protestkulisse am Rande der Koalitionsverhandlungen.

          Volker Wissing : Die Agenda des neuen Verkehrsministers

          Keine Klima- ohne Verkehrswende: Doch der neue Minister Volker Wissing übt sich bisher in Zurückhaltung. Tritt er nachdrücklich genug für die ehrgeizigen Ziele der Koalition ein?