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E-Books in Uni-Bibliotheken : Die geheime Revolution

E-Books sind laut Frankfurter Umfrage kein Ersatz für die papierne Version Bild: dpa

E-Books haben die Universitätsbibliotheken erobert – in Frankfurt und Mainz fragt man sich, wie sie genutzt werden. Manches Ergebnis überrascht.

          3 Min.

          Ein ganzes Buch am Bildschirm in der Bibliothek lesen? In Frankfurt hat auf diese spezielle Art des E-Learnings offenbar niemand Lust. Was die Bibliothekare schon vermutet hatten, haben sie neuerdings schwarz auf weiß: An einer nun ausgewerteten ersten Umfrage zur Nutzung digitaler Bücher, sogenannter E-Books, an der Universitätsbibliothek (UB) Frankfurt, haben sich immerhin knapp zehn Prozent der Hochschulangehörigen, also Studenten und Mitarbeiter, freiwillig beteiligt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Insofern können die Bibliothekare dort recht gelassen verfolgen, wie der Stuttgarter Ulmer Verlag und die Technische Universität Darmstadt in die zweite Runde ihres Rechtsstreits ziehen. Seit mehreren Monaten wird unter Verlagen, Bibliothekaren und Urheberrechtsschützern über die Frage gestritten, ob eine Bibliothek ein gedrucktes Lehrbuch digitalisieren darf, das der Verlag selbst auch als E-Book verkauft – zum Lesen im Lesesaal und, das wurde nun abgelehnt, ob von dieser selbstgemachten digitalen Fassung digitale Kopien, etwa auf einem USB-Stick, mit nach Hause genommen werden dürfen.

          pdf-Dateien bevorzugt

          Mehr als 70 Prozent der Frankfurter Nutzer allerdings halten von der Lektüre am Bildschirm der Bibliothek nichts – der Zugang rund um die Uhr und von zu Hause aus sind die wichtigsten Gründe, warum sie E-Books nutzen. Gleich danach folgen die Möglichkeit, Buchseiten auszudrucken und jene, gezielt nach Stichworten, durchsuchen zu können. Bevorzugt werden dabei pdf-Dateien; auch das ist eine wertvolle Präzisierung, die Klaus Junkes-Kirchen, als Abteilungsleiter Medien verantwortlich für die E-Books an der UB Frankfurt, durch die Studie erfahren hat.

          Entgegen aller Unkenrufe, das gute alte Buch werde verschwinden, zeigte sich in der Untersuchung, dass die Leser stark differenzieren, wann sie zum gedruckten und wann sie zum digitalen Buch greifen: Es sind parallele, nicht ausschließende Nutzungen. Auch das Vorurteil, dass Frauen weniger technikaffin seien als Männer, wurde widerlegt: Frauen liegen unter den Nutzern sogar um einen guten Prozentpunkt vor den Männern.

          Junkes-Kirchen will die Frankfurter Ergebnisse nicht verallgemeinern und verweist auf andere Studien etwa der Universitätsbibliothek Münster oder des Bayerischen Bibliotheksverbundes. Aber die Untersuchung, die eine Masterstudentin der Stuttgarter Hochschule der Medien mitverantwortet hat, brachte den Frankfurtern genaue Erkenntnisse über ihre E-Book-Nutzer. Anlass war laut Junkes-Kirchen, dass die UB gerade im vergangenen Jahr stark in das Angebot investiert hatte und nun genauer wissen wollte, wie es genutzt wird – und auch, wer es überhaupt kennt.

          Unbekannte E-Books an der UB

          Immerhin knapp 40 Prozent der Befragten hatten angegeben, erst durch die E-Mail-Umfrage erfahren zu haben, dass es an der UB E-Books gibt – und das, obwohl schon der Online-Katalog direkt zu den Angeboten führt. Aus diesen Ergebnissen sollen nun Konsequenzen, etwa für die Information und für Neuanschaffungen, gezogen werden. Insgesamt glaubt Junkes-Kirchen: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“

          Derzeit gibt es 19.000 E-Books im Bestand der UB, das heißt laut Junkes-Kirchen lizenzierte Titel, die auf den Servern von Anbietern wie Springer, Elsevier oder Thieme liegen und von Mitgliedern der Universität nach dem Einloggen mit ihrer Ausweisnummer direkt genutzt werden können. Die Bibliotheken erwerben sie meist in Paketen von den Anbietern – wobei nicht nur Junkes-Kirchen bedauert, dass es bislang unter diesen keine einheitlichen Standards der Angebote gebe. Gäste können in den Räumen der UB auf das Angebot zugreifen, der Reiz am digitalen Text liegt aber vor allem darin, ihn überall und jederzeit zur Verfügung zu haben. Naturwissenschaftler und Mediziner sind – noch – deutlich eifrigere Nutzer als Geisteswissenschaftler.

          Sozusagen aus umgekehrter Richtung kommt Andreas Anderhub, der Direktor der UB an der Mainzer Gutenberg-Universität, zum selben Ergebnis: Obgleich von seiner UB prozentual mehr E-Books für die Geisteswissenschaften als für Naturwissenschaften gekauft würden, habe er, anlässlich einer aktuellen Umfrage unter den Geisteswissenschaftlern, die seit anderthalb Jahren die neue Bereichsbibliothek Philosophicum nutzen, überrascht festgestellt, dass der Begriff „E-Book“ in keiner Antwort gefallen war.

          „Keine Alternative E-Book und gedrucktes Buch“

          Aber auch Anderhub hat beobachtet, dass es „keine Alternative E-Book und gedrucktes Buch“ gebe. Bis heute ackerten auch die jungen Naturwissenschaftler ihre gedruckten Lehrbücher Seite für Seite durch, „bis sie auseinanderfallen“. Dennoch nennt Anderhub die E-Books eine „geheime Revolution“. Seine UB verwalte 750.000 Einträge, gedruckt nähmen diese E-Books so viel Platz ein wie eine größere klassische Hochschulbibliothek. „Das digitale Zeitalter war die Rettung“, sagt Anderhub. Die neuen prüfungsintensiven Studiengänge und die große Menge von Studenten, für die auch die Mainzer UB gar nicht ausgerichtet war, führen an allen Hochschulen zu einer erheblichen Steigerung der Bibliotheksnutzung. Selbst mit Öffnungszeiten rund um die Uhr könnte man mit gedruckten Büchern den Bedarf längst nicht mehr decken.

          Die 100 meistgenutzten Lehrbücher, so Anderhub, würden derzeit auch an der Mainzer UB eingescannt, wie in Darmstadt, aber ohne Download-Möglichkeit. Als „Rettungsanker“, wenn alle gedruckten Exemplare ausgeliehen sind, kann so jeder an den Pflichtstoff kommen und sich Seiten ausdrucken. In Zukunft, glaubt Anderhub, werde sich, etwa mit dem Fortschritt des digitalen Buchmarkts von Google, die Struktur und die Infrastruktur der Bibliotheken noch weiter verändern. Je nach den Nutzungsformen, die eine Generation bevorzuge: Denn ob das E-Book bleibe, könne derzeit niemand sagen.

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