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Drogenszene Bahnhof Frankfurt : „Und dann trifft man sie wieder, das kann doch nicht sein“

Kontrolle: Seit Juni hat die Bundespolizei ihre Streifen im Hauptbahnhof verstärkt. Bild: Helmut Fricke

Jeden Tag ist die Bundespolizei in der B-Ebene des Frankfurter Hauptbahnhofs auf Streife. Wie schnell die Dealer nach einer Kontrolle zurück im Geschäft sind, macht die Beamten fassungslos.

          3 Min.

          Dort, wo sich vor kurzem noch die Dealer sammelten, stehen jetzt Tannenbäume. Zwei Stück. Üppig geschmückt. Und als hätte die Bahn verhindern wollen, dass die weihnachtlichen Gehölze als neues Drogenversteck dienen, ist ein kleiner Zaun drum herum gesteckt. Heimelige Atmosphäre an Frankfurts mittlerweile bekanntestem Drogenumschlagplatz. An diesem Dienstagnachmittag sind sie trotzdem da. Zwei Männer Anfang zwanzig drücken sich am Abgang zur S-Bahn herum.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie haben Rucksäcke dabei, die Hände sind tief in die Taschen der Jeans gesteckt. Ein Dritter stößt dazu. Während sie sich unterhalten, lässt er die Rolltreppe, die hinauf zu den Gleisen der Fernzüge führt, nicht aus den Augen. Und als Jeanette Rößler und Johannes Kreß auf der Rolltreppe stehen, direkt auf die drei Männer zufahrend, dauert es nur Sekunden, bis die mutmaßlichen Drogenhändler verschwunden sind. Sie eilen zum nächsten Ausgang, sprinten die Treppen hoch in Richtung Kaisersack. Überall setzen sich plötzlich Männer in Bewegung, huschen davon. Und im nächsten Moment scheint die B-Ebene fast leer.

          1800 Streifenstunden

          „So ist es jeden Tag“, sagt Jeanette Rößler. Sie kennt das Spiel. Die Vierzigjährige ist Bundespolizistin, seit 1999 arbeitet sie in der Inspektion am Hauptbahnhof. Sie kann sich noch an die Zeit erinnern, als die Zustände im Bahnhofsviertel ganz schlimm waren, sie hat aber auch den Wandel erlebt. Und sie hat gesehen, wie der Hauptbahnhof gekippt ist. Wie er seit dem Sommer immer stärker bevölkert wurde von Dealern und Abhängigen, die in der B-Ebene eine unheimliche Symbiose eingehen. Jeanette Rößler sagt, während sie an diesem Dienstag durch den Bahnhof streift, sie wisse gar nicht, „wann genau es so weit war, dass man dachte, irgendetwas stimmt hier nicht“. Aber mittlerweile seien die Dealer überall.

          Schon im Juni hatte die Bundespolizei reagiert; noch bevor der ausufernde Drogenhandel auf die politische Agenda gesetzt worden war. Obwohl die Inspektion durch Abordnungen wegen der Flüchtlingskrise immer weiter ausgedünnt wurde, wurden immer mehr Streifen von der Wache an Gleis 24 hinunter in die B-Ebene geschickt. Als die eigenen Kräfte nicht mehr reichten, wurden Beamte aus anderen Dienststellen rekrutiert. Im Oktober erreichten die sogenannten Streifenstunden dann einen neuen Rekord: 1800 Stunden je Beamtem. So viele wie noch nie.

          Das pralle Leben

          In einem Abgang sitzen zwei Frauen. Sie haben sich vor kurzem einen Schuss gesetzt. Jetzt hält die eine einen Kajalstift in der Hand und schminkt sich mit zittrigen Händen die Augen. Die beiden Bundespolizisten kennen sie schon. Sie wissen, was kommt. Widerwillig zeigen die Süchtigen ihre Ausweise vor. Johannes Kreß prüft die Personalien. Im System steht vermerkt, dass sie als gewalttätig aufgefallen sind. Die Frauen müssen weiterziehen, bleiben aber in der B-Ebene. Später sieht man sie scheinbar ziellos dort herumschleichen. Johannes Kreß ist seit gut einem Jahr in Frankfurt im Dienst, er kam direkt nach seiner Ausbildung. Während andere junge Kommissare gleich wieder gingen, wollte der 24 Jahre alte Kreß bleiben. Er sagt, vermutlich lerne man an keinem anderen Ort in so kurzer Zeit das pralle Leben kennen wie am Hauptbahnhof.

          Der Polizist bemerkt drei Jugendliche. Als er sie anspricht, ahnt er, dass er auf „Klientel“ gestoßen ist. Die drei Nordafrikaner sind im polizeilichen System schon erfasst, mit „Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz“, wie es im Amtsdeutsch heißt. 114 Ermittlungsverfahren wegen Drogendelikten hat die Bundespolizei allein von Juni bis Oktober eingeleitet. Die Jugendlichen leeren ihre Taschen, eine Zigarette, eine Coladose und drei Handys kommen zutage. Drogen haben sie nicht dabei. Sie dürfen weiterziehen.

          „Scheiß Polizeistaat“

          Hätten die Bundespolizisten etwas gefunden, wäre die Maschinerie angelaufen. Sie hätten die Verdächtigen zur Wache geführt, hätten sie angezeigt, dann wären die Beschuldigten belehrt worden, mit einem vorgedruckten Text auf Arabisch, ein Dolmetscher wäre zu viel Aufwand. Formal gälten sie dann als vorläufig festgenommen. Passiert wäre danach aber vermutlich nichts. Rößler kennt das schon. Sie sagt, sie habe unzählige Male erlebt, dass ein Drogendealer oder andere Straftäter festgenommen worden seien, zum zwanzigsten, dreißigsten Mal. „Und dann trifft man sie plötzlich wieder und denkt, das kann doch gar nicht sein.“ Kreß sagt, er hätte sich nicht vorgestellt, „dass das in der Praxis so läuft“.

          Noch eine Stunde gehen die beiden durch den Hauptbahnhof, treffen weitere Dealer, weitere Junkies. Immerhin, es sind ein paar weniger Händler zu sehen, seitdem der Kontrolldruck durch die Polizei so hoch geworden ist. Am späten Nachmittag, als die Beamten gerade mehrere Drogenhändler kontrollieren, treffen sie auf eine Frau, die auf den ersten Blick aussieht wie eine normale Reisende, aber seit Jahren schon Drogenkonsumentin ist. „Habt ihr nichts anderes zu tun?“, schreit sie die beiden Bundespolizisten an. „Scheiß Polizeistaat.“ Dann steigt sie auf eine der Rolltreppen und fährt abwärts. Ihre Flüche hallen noch lange nach.

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