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Drogenhilfe : Ins "La Strada" kommen Abhängige, um Heroin zu spritzen

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Niemand steht ohne Grund vor der Mainzer Landstraße 93. Wer sich hier aufhält, wartet darauf, endlich in das Gebäude zu kommen. Denn im "La Strada" können sich Süchtige Heroin spritzen, ohne von der Polizei belangt zu werden.

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          Niemand steht ohne Grund vor der Mainzer Landstraße 93. Wer sich hier aufhält, wartet darauf, endlich in das Gebäude zu kommen. Denn im "La Strada" können sich Süchtige Heroin spritzen, ohne von der Polizei belangt zu werden. Hier ist einer der vier Druckräume in Frankfurt.

          Nach dem Klingeln öffnet ein gebückt laufender Mann mit großen, leeren Augen. Im Cafe, dem sogenannten Kontaktladen, sitzen etwa ein Dutzend Menschen, Männer und Frauen. Manche nippen an ihrem Zitronentee, andere schlafen mit dem Kopf auf dem Tisch. Papiertücher liegen auf dem Boden, der ein bißchen klebrig ist. Am Tresen stehen Sozialarbeiter und verkaufen Getränke und Brötchen. Rechts an der Theke können benutzte gegen neue Spritzen getauscht werden. Ein Süchtiger wirft seine Spritze in die Spüle, darunter steht ein Mülleimer; er ist randvoll mit den Fixerwerkzeugen.

          "Jeder hat Angst vor uns", sagt der 43Jahre alte Christian. "Die Anwohner kippen uns manchmal Wasser auf den Kopf, wenn wir vor dem La Strada stehen." Er sitzt mit hängenden Schultern an einem Tisch im Cafe, sein Kopf wiegt manchmal nach unten, als würde er in Sekundenschlaf fallen. Dann zuckt er kurz und redet weiter. Die Polizei habe ihre Kontrollen verstärkt und nehme ihm die Drogen weg, wenn er sie sich öffentlich spritze, erzählt er. "Hosen runter, Mund auf", forderten die Polizisten dann und untersuchten seinen Körper auf illegale Substanzen. Aus der Heroinstudie, an der in Frankfurt 191Drogenabhängige teilnehmen, sei er "rausgeflogen", weil er neben dem verabreichten Heroin regelmäßig Crack konsumiert habe und im Grunde "alles außer Pillen und Trips". Jetzt muß sich sein Körper von Heroin mit 99,8prozentiger Reinheit auf fünf- bis siebenprozentigen Stoff umstellen, den er auf dem Schwarzmarkt kauft. "Ich drücke jetzt zehnmal am Tag Heroin." Christian hat eine Leberzirrhose. Die entsteht durch Alkohlmißbrauch oder eine Erkrankung an HepatitisC oder B. Ob ein Arzt ihn behandele? Er schüttelt nur den Kopf und sagt: "Für mich ist der Zug abgefahren."

          Christian bekommt eine Cola spendiert. "Die geht aufs Haus", sagt Jürgen Klee, Leiter des La Strada in Trägerschaft der Aids-Hilfe. Auch David, der sich an den Tisch setzt, erhält ein Freigetränk. Er stößt dagegen, der Becher fällt um, und die Cola läuft quer über den Tisch auf den Boden. David ist, verglichen mit den anderen Besuchern, noch relativ jung. 24Jahre, schulterlanges, blondes Haar. Seine Arme sind dürr, Adern sieht man nicht. Langsam streift er sich die Haare aus dem Gesicht und schaut müde auf seinen Colabecher. "Methadon benebelt einen, man will nur noch schlafen." Als Fünfzehnjähriger hat er an seiner Schule Ecstasy gekauft, Speed und Cannabis. "Da gab es einfach alles." Mit 17 hat er sich zum ersten Mal Heroin gespritzt, mit 20 dann Crack geraucht. Im vergangenen Jahr hat er in Frankfurt auf der Straße gelebt. Seit seiner Entgiftung nimmt er an einem Methadonprogramm teil und besucht die Hermann-Hesse-Schule, wo ehemals Süchtige ihren Schulabschluß nachholen können. "Da will ich meinen Realschulabschluß machen." 345 Euro bekommt er vom Sozialamt, das reicht natürlich nicht. "Ich gehe aber nicht klauen. Einmal war ich zwei Tage in U-Haft, das hat mir gereicht." Seine Eltern wissen von seinen Drogenproblemen und geben ihm manchmal Geld. Im La Strada läßt man ihn vier Wochen lang übernachten.

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