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Drogen : Feiern, bis der Arzt kommt

  • -Aktualisiert am

Hier genießt mancher nicht nur den Farbrausch: Tunnelrave in Frankfurt Bild: F.A.Z. - Kaufhold

Auf vielen Partys werden Drogen konsumiert, manchmal in lebensgefährlicher Mischung. Sozialarbeiter des Projekts „Alice“ gehen in die Szene, um aufzuklären.

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          Alkohol, Nikotin und Cannabis sind in der Partyszene so selbstverständlich wie Kuchen bei einem Kaffeekränzchen. Und dabei bleibt es oft nicht: Ecstasy, Speed, Kokain oder andere Drogen kommen hinzu – in jüngster Zeit auch Liquid Ecstasy, das weder von der chemischen Zusammensetzung noch von der Wirkung her mit Ecstasy vergleichbar ist, sondern rein zufällig diesen Namen trägt. Liquid Ecstasy wird in der Regel in winzigen Flaschen angeboten und gilt wegen des großen Risikos der Überdosierung als sehr gefährlich. Vor allem in Kombination mit Alkohol wird die narkotische Wirkung verstärkt.

          „Die Leute bauen regelrecht ab, lallen, verlieren die Orientierung und können ihre Bewegungen nicht mehr kontrollieren. Wenn es ganz schlimm kommt, fallen sie ins Koma“, weiß Wolfgang Sterneck, Leiter des von der Stadt mit jährlich rund 48.000 Euro geförderten Projekts „Alice“. Gemeinsam mit anderen Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und Kennern der Partyszene besucht Sterneck an Wochenenden Diskotheken oder einschlägige Partys, um dort über Drogen aufzuklären, ein Risikobewusstsein zu schaffen und langfristig zum Drogenausstieg zu motivieren.

          Kreidebleich und glücklich

          „Die Leute kommen auf uns zu, wir drängen uns nicht auf. Es sei denn, wir sehen, dass es jemandem schlecht geht“, sagt Sterneck. Nach seinen Erfahrungen nehmen Jugendliche unter Drogeneinfluss die Warnzeichen ihres Körpers überhaupt nicht mehr wahr. So kommen manche kreidebleich auf die Mitarbeiter von „Alice“ zu und schwärmen: „Ist das hier nicht wieder eine tolle Party. Ich bin so glücklich.“ Dabei sehen sie aus, als könnten sie jeden Augenblick ohnmächtig werden. Für solche Fälle halten Sterneck und seine Kollegen stets Mineralwasser, Vitamin- und Mineraltabletten bereit. „Unsere Aufgabe ist es, die jungen Menschen erst mal wieder aufzupäppeln.

          Dazu kann auch gehören, mit ihnen an die frische Luft zu gehen und darauf zu achten, dass sie über das schweißnasse T-Shirt eine dicke Jacke ziehen. Denn im Rausch merken sie oft gar nicht, dass es draußen kalt ist.“ Nicht immer freilich können die Leute von „Alice“ körperliche Zusammenbrüche verhindern. Sterneck schätzt, dass ein- bis zweimal in der Nacht der Notarzt vorfährt, auf Partys, die nicht von seinen Mitarbeitern besucht werden, noch öfter. Das führt er vor allem auf den inzwischen sehr verbreiteten Mischkonsum zurück. Alkohol und Nikotin gehörten fast immer dazu. Und drei Viertel der jungen Leute, die bis in die Morgenstunden feierten, haben nach seinen Kenntnissen noch andere Suchtstoffe im Blut.

          Das fängt oft so an: Um freitags vom Stress in Beruf oder Schule runterzukommen, wird gekifft. Dann kommen die Kumpels vorbei, und wieder wird ein Joint geraucht. Jetzt sind eigentlich alle müde, sie wollen aber ausgehen. Um auf Touren zu kommen, ziehen sie sich je nach Freundeskreis und Geldbeutel jetzt Speed oder Kokain durch die Nase. Obendrauf gibt’s im Club selbst oder noch eben schnell davor Ecstasy als Stimmungsaufheller. Im Lauf der Nacht wird nachgelegt – noch mal Ecstasy, abermals Speed oder auch, weil die Konsumenten von diesen Aufputschern schon viel zu aufgedreht sind, Haschisch. „So kann das bis morgens gehen. Alkohol ist auch immer dabei“, so Sterneck. Dieses Durcheinander ist für ihn Ausdruck einer heute typischen Konsummentalität. So wie jemand im Fernsehen von einem Programm ins nächste schalte, weil ihm eigentlich nichts zusage, würden Pillen eingeworfen, um sich trotz Abgeschlagenheit fit und fröhlich zu fühlen.

          Ecstasy statt Traubenzucker

          Nach Sternecks Worten benutzen die Konsumenten Ecstasy oder Speed wie einen Energielieferanten, etwa Traubenzucker. Dabei werde nur die Müdigkeit unterdrückt. In der Regel werden die Drogen nach seinen Worten während der Woche besorgt, indem zum Beispiel einer im Freundeskreis bei einem Dealer für die anderen mit einkaufe. Aber auch in den Clubs werde gedealt, so sehr dort versucht werde, das zu unterbinden. „Das lässt sich bei diesen kleinen Pillen, die leicht in der Hosentasche verschwinden, gar nicht verhindern.“ Ein Drogen konsumierender Partygänger gebe je Nacht durchschnittlich um die 50 Euro für Ecstasy und Ähnliches aus. Psychoaktive Pilze spielten hingegen überhaupt keine Rolle in dieser Szene. Denn Nebenwirkungen wie Bewusstseinsveränderungen oder die Wiederbelebung traumatischer Erfahrungen wolle in einem Umfeld von grellen Lichteffekten, lauter Musik und Menschengedränge niemand riskieren.

          Diese unabgesprochene Einsicht verbindet offenbar das Publikum in den unterschiedlichen Clubs. Ansonsten gibt es „die“ Partyszene längst nicht mehr. Man müsse vielmehr von Szenen sprechen, die sich über einen je eigenen Musik- und Kleidungsstil, durch Umgangsformen und Drogen definierten, sagt Sterneck. Darauf stellen sich die „Alice“-Leute ein, bevor sie ihren Infostand an einem ausgewählten Platz aufbauen. Die Vorbereitung beginnt mit der Auswahl der passenden Decke, auf der dann die Broschüren und Kärtchen über Drogen ausgelegt werden.

          In der House-Szene zum Beispiel sollen die Muster eher nüchtern und klar sein, Wirres oder Buntes ist verpönt. Indem die Mitarbeiter von „Alice“, die bis auf Sterneck alle ehrenamtlich tätig sind, das berücksichtigen, stellen sie Nähe zu den jungen Menschen her und gewinnen ihr Vertrauen. In der Partyszene sind sie längst Kult.

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