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Nach dem Krieg : Geschäfte und Geburten im Land der Täter

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Das Lager: 1945 zogen die ersten Überlebenden in Zeilsheim ein. Bild: Picture-Alliance

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand in Frankfurt das größte Lager für Displaced Persons, heimatlose Überlebende. Vor 70 Jahren wurde es geschlossen. Dahinter steckt eine lange Geschichte.

          Sie kamen zögerlich miteinander ins Gespräch, der Verkäufer auf dem Flohmarkt an der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst und die Kundin. „Gute Ware“, lobte sie. „Handarbeit“, sagte er. Während die Frau mit den Fingern über die glasierte Oberfläche der Obstschale strich, fing der alte Mann zu erzählen an. Er stamme aus Kaunas an der Memel, habe dort einen kleinen Laden für Touristen aufgemacht. Die liebten das Steinzeug und die bemalte Keramik aus Litauen. Seine Schwiegertochter habe eine ehemalige Arbeitskollegin in Wiesbaden besuchen wollen und ihn im Auto auf die 1500 Kilometer lange Reise mitgenommen: Weil er noch einmal in Zeilsheim, einem Stadtteil, der an Höchst grenzt, den Boden habe betreten wollen, auf dem er drei Jahre seiner Kindheit verbracht habe. Ein paar seiner Keramikstücke habe er mitgebracht, biete sie nun hier auf dem Flohmarkt an.

          Die Frage der Kundin hing noch in der Luft, als der alte Mann sagte: „Meine Eltern waren als jüdische Überlebende nach dem Krieg hier im Zeilsheimer Lager. Da wurde auch meine Schwester geboren.“ Er schaute sich suchend um. „Leider habe ich den Platz nicht mehr wiedergefunden. Ich war ja noch ein Kleinkind, aber er muss hier in der Nähe sein.“

          Zeilsheim, ein Stadtteil im Westen von Frankfurt. Der Blick fällt auf Felder und Obstbaumwiesen in der Rhein-Main-Ebene und auf grüne Taunushänge; in der Ferne glitzern die Bankentürme. Früher, als der große Nachbar nicht „Industriepark“ hieß, sondern „Farbwerke Hoechst“, als die Grünen noch nicht erfunden und Luftverschmutzung und Umweltschutz Fremdworte waren, schoben sich vom Main her die qualmenden Schlote und rauchenden Schornsteine eines Weltunternehmens ins Bild.

          „Wo’s stinkt, wird Geld verdient“

          Als Rauchzeichen stand am Himmel die berühmte „gelbe Fahne“, eine stinkende Fontäne aus der Salpetersäurefabrik. Die alten „Rotfabriker“, die nach Feierabend die Spuren des roten Farbstoffes Fuchsin an ihren Schuhen mit nach Hause trugen, störte das wenig. „Wo’s stinkt, wird Geld verdient“, hieß es damals. Und sie verdienten gutes Geld. Ihr Arbeitgeber war in Zeiten eines prosperierenden Wirtschaftswachstums ein großzügiger Sponsor, der ihnen außer der gefüllten Lohntüte zahlreiche Extraleistungen gewährte, zum Beispiel günstige Kredite für ein eigenes Häuschen, das ihnen die Firma sogar baute.

          So entstand in den Jahren zwischen 1900 und 1925 im alten Zeilsheim nahe der Pfaffenwiese das dörfliche Idyll einer „Colonie“, ein im Stil einer Gartenstadt gestaltetes Wohngebiet, das heute als vollständig erhaltene und fortschrittliche Arbeitersiedlung der ehemaligen Farbwerke Hoechst unter Denkmalschutz steht. Jener Hoechst AG, die zum IG Farben Konzern gehörte, der wiederum in Zweiten Weltkrieg eine unrühmliche Rolle im Vernichtungslager Auschwitz III Monowitz spielte.

          Eine Razzia im März 1948

          In Zeilsheim wurde während des Krieges Gas produziert, mit dem in Auschwitz die Menschen vergiftet wurden. Für die Produktion waren Arbeiter zwangsverpflichtet worden, meistens Russen, sie wurden in Steinbaracken untergebracht. In diesen kargen Unterkünften wurde kurz nach Kriegsende 1945 ein Camp für Displaced Persons eingerichtet, für heimatlose Überlebende des Krieges, vor allem ehemalige Insassen von Konzentrationslagern. Die Amerikaner hatten sich bereit erklärt, die jüdischen Flüchtlinge, die Verschleppten und die ehemaligen Fremdarbeiter in ihrer Besatzungszone aufzunehmen und zu versorgen, und so zogen schon bald vorwiegend polnische, russische, später auch litauische und ungarische Juden in den Baracken ein.

          Ein Kokon, um den Erinnerungen zu entfliehen

          Solche DP-Lager oder DP-Camps, wie sie genannt wurden, gab es in ganz Deutschland. Das in Zeilsheim, wo im August 1945 die ersten Überlebenden einzogen und im Oktober 1946 rund 3600 Personen lebten, war das größte. Weil der Platz im Lager schnell knapp geworden war, wurde auf Anweisung der Amerikaner binnen weniger Stunden eine benachbarte Werkssiedlung mit 200 Häusern geräumt, und 450 Familien mussten sich eine neue Bleibe suchen. Unter den Zeilsheimer Bürgern löste das Panik aus und offene Feindseligkeiten gegenüber den Lagerbewohnern, denn viele Familien hatten ausgebombte Verwandte aufgenommen, die jetzt plötzlich mit ihnen zusammen auf der Straße standen.

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