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Nach dem Krieg : Geschäfte und Geburten im Land der Täter

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Sie mussten ausharren, und sie brauchten Geld. Im Zuge des Wartens auf die Reise nach Palästina entwickelten sich aus dem Lager heraus die später berühmt-berüchtigten Geschäfte, die in den größten Schwarzmarkt in Deutschland münden sollten. In Zeilsheim wurde Handel getrieben mit Waren aus den Läden der amerikanischen Streitkräfte oder mit Lebensmitteln, die Camp-Bewohner von Hilfsorganisationen erhielten. Sie tauschten sie bei der deutschen Bevölkerung gegen Wertgegenstände, Uhren, Gold um, die wiederum gegen die begehrten Dollar verkauft werden konnten. So wechselten Pelzmäntel, Fotoapparate, Erbstücke ihre Besitzer.

Ein Eimer Butterschmalz für die Taschenuhr

Ein 87 Jahre alter Frankfurter erinnert sich, wie er als Kind mit seinem Opa Johann zum „Schrotteln“ nach „Klein-Jerusalem“ gegangen sei. „Für die goldene Taschenuhr meines Großvaters“, erzählte er, „gab es einen Eimer Butterschmalz und für die goldene Kette der Oma mehrere Packungen Zigaretten“, die dann seine Mutter unverzüglich gegen Butter und Schinken getauscht habe.

Der spätere israelische Premier Ben Gurion in Zeilsheim

Für zwei Brüder aus Höchst blieb es allerdings nicht bei einem Tauschgeschäft. Sie wurden von einem jungen Polen erschlagen, weil sie sich weigerten, ihre Fahrräder herauszugeben. Der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb nahm Kontakt mit den amerikanischen Behörden auf und warnte vor weiteren Ausschreitungen. Zahlreiche Razzien wurden durchgeführt, bei denen Zollfahnder und hessische Polizisten die amerikanische Militärpolizei unterstützten.

Im Jahr 1946 besuchte das Zeilsheimer Lager der spätere israelische Premierminister David Ben Gurion, im Jahr darauf kam die ehemalige amerikanische First Lady Eleanor Roosevelt als Repräsentantin der Vereinten Nationen zu Besuch und brachte den Bewohnern die Aussicht auf eine baldige Ausreise aus Deutschland mit. 1948 war es so weit.

Das Ende eines Kapitels der Nachkriegsgeschichte

Im Mai wurde der Staat Israel gegründet, und am 15. November 1948, an einem regnerischen grauen Montag, begann in Zeilsheim die Übersiedlung der ersten jüdischen Familien in das „Gelobte Land“. Ende des Jahres wurde das Lager von der amerikanischen Armee aufgelöst, das große „Warenhaus“ geschlossen. Die Zeilsheimer Familien, die ihre Siedlungshäuschen hatten räumen müssen, bekamen sie zurück. Ein Kapitel Nachkriegsgeschichte ging zu Ende.

Nicht alle aber wollten ausreisen, nach Israel oder in die Vereinigten Staaten von Amerika. Zu denen, die blieben, gehörten neben Arno Lustiger sein Cousin Salomon Korn, der heutige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, und Dieter Graumann, ehemaliger Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dessen Eltern sich im Zeilsheimer Lager kennengelernt hatten.

Die Geschichte der jüdischen Enklave Zeilsheim wartete lange darauf, wissenschaftlich dokumentiert zu werden, obwohl genügend Material in den Archiven ruhte. 2007 legten erstmals Darmstädter Studenten eine Studie über das größte deutsche DP-Lager vor. 2011 veröffentlichte Jim G. Tobias, ein Filmemacher, Mitbegründer und Leiter des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts, sein Buch „Zeilsheim, eine jüdische Stadt“.

Hinter der Stadthalle in Zeilsheim, auf dem Gelände, auf dem sich das Lager befand, steht seit 1988 ein von Willi Schmidt geschaffenes zweites Mahnmal, nachdem das erste mit Judenstern, Menora und Tafeln in englischer und hebräischer Schrift auf mysteriöse Weise verschwand. Der inzwischen verstorbene Bildhauer hat auf einen grauen schlichten Granitblock eine große beschriebene Bronzetafel montiert, die an das Lager erinnert. Manchmal liegen verwelkte Blumen hier, mag sein, dass auch der alte Mann aus Litauen die Gedenkstätte noch entdeckt hat.

Neulich fand sich im Gras ein vergilbter Zettel, auf dem ein einziger Satz stand: „Vielleicht erwächst aus der Vergangenheit eine bessere Zukunft.“ Das Stück Papier war mit einem Stein beschwert, damit der Wind es nicht forttragen konnte.

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