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Nach dem Krieg : Geschäfte und Geburten im Land der Täter

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Im DP-Lager Zeilsheim kümmerten sich Ärzte, Psychologen und Gesundheitsbehörden um die traumatisierten Menschen, die allmählich wieder lernen sollten, ihren Alltag zu bestehen und Dinge zu tun, die sie lange vergessen hatten. Der 2012 verstorbene Publizist und Historiker Arno Lustiger, der bis 1948 mit seiner Familie im Zeilsheimer Lager lebte und danach bis zu seinem Tod in Frankfurt, schrieb einmal: „Nach dem Krieg habe ich mich eingeschlossen in einen Kokon, um nicht erdrückt zu werden von den Erinnerungen.“

Lustiger, der nie seine Nummer A5592 vergaß, die er als Deportierter trug, arbeitete als Redakteur der Zeitung „Unterwegs“, einer Nachfolgerin der jiddischsprachigen „Undzer Mut“. Als die Zeitschrift in größerer Auflage herauskam, wurde sie in allen DP-Lagern in Deutschland verteilt und spielte mit ihren Informationen und Suchanzeigen eine wichtige Rolle im täglichen Leben der Bewohner. Ihre Beiträge öffneten lange verschlossene Türen zur Welt, die Kolumnen waren ein Ventil, vom eigenen erlebten Martyrium berichten zu können, und in Leserbriefen konnten Erinnerungen ausgetauscht werden.

Höchste Geburtenrate der Welt?

Niemals aber gab es in den Blättern Bezüge zur aktuellen politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Situation in Deutschland. So kurz nach den Schrecken des Krieges hatten die Überlebenden auf ihrer inneren Landkarte das Land der Täter gelöscht.

Zeilsheim: Im November 1948 überwachten amerikanische Militärpolizisten die Räumung.

Später gründete sich neben der Zeitung „Unterwegs“ ein weiteres Blatt, das Neuigkeiten aus der Welt übermittelte. Auch an kulturellen Gestaltungen im Lager selbst fehlte es nicht. Theatergruppen, ein Kino und ein Jazzorchester sorgten für Abwechslung und neu erwachtes Kunstinteresse. Arno Lustiger bezeichnete später in einem seiner Bücher das soziale Umfeld im Zeilsheimer Camp als vorbildlich: Eine eigene Rechtsprechung habe es gegeben, demokratische Wahlen, Polizeibehörde, Schulen, Kindergärten, Kantinen, Lehrwerkstätten, ein Krankenhaus und ein Zentrum für die Waisenkinder, deren Eltern ermordet worden waren. Im Lager, so verzeichnen es die Annalen, gab es Freundschaften und Feindschaften und nach kurzer Zeit auch Hochzeiten und Geburten. Im Jahr 1947 soll das Lager in Zeilsheim die höchste Geburtenrate der Welt aufgewiesen haben.

Das Camp war in der jüdischen Selbstverwaltung der Region Hessen-Nassau/Frankfurt organisiert. Das oberste politische Gremium aller fünf Regionalverwaltungen innerhalb der amerikanischen Besatzungszone, das Zentralkomitee der befreiten Juden, befand sich in München. Gefördert wurde von der Selbstverwaltung die Wiederauferstehung der jüdischen Kultur. Die Bewohner zelebrierten ihre traditionellen Festtage. Bar Mizwas wurden gefeiert, das Purim- und das Pessach-Fest begangen und Sukkot, das Laubhüttenfest.

Lager mündete in Schwarzmarkt

Konflikte waren, wie in jeder Gesellschaft, programmiert. Im Camp geschahen Diebstähle und gewaltsame Auseinandersetzungen, Messerstechereien. Es gab Totschlagsdelikte, zwei Suizide Verzweifelter in den ersten Wochen. Oft musste die amerikanische Militärpolizei, später zusammen mit deutschen Polizeieinheiten, auch Streit schlichten, der vor allem zwischen Polen und Ungarn ausbrach.

Es gab aber auch erste Freundschaften zwischen den Lagerinsassen und deutschen Jugendlichen, die die Gelegenheit nutzten, um sich auf dem Gelände amerikanische Filme anzuschauen, oder Fußball mit jüdischen Jungen zu spielen, und es arbeiteten Deutsche im Lager als Sekretärinnen, Ärzte, Kindermädchen und Reinigungspersonal. Doch trotz aller Aktivitäten und eines sich langsam normalisierenden Lebens warteten viele der jüdischen Frauen, Männer und Kinder sehnsüchtig auf die Entscheidung der Vereinten Nationen, einen Judenstaat in Palästina auszurufen.

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