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Eintracht-Fans in Lissabon : Dosen-Äppler im Bairro Alto

Zwölfter: Die Eintracht-Fan haben ihre Mannschaft in Lissabon wie gewohnt unterstützt - darauf kommt es auch im Rückspiel an Bild: dpa

Gut 6000 Fans sind zum Auswärtsspiel der Eintracht nach Lissabon gekommen. Manche von ihnen waren sehr kreativ, um dabei zu sein. Auch nach dem Spiel herrscht durchaus Zuversicht.

          Als Robin zur Gitarre greift, scheint Sachsenhausen plötzlich mitten in Lissabon zu sein. Es ist halb drei, am Abend tritt die Frankfurter Eintracht im Viertelfinale der Euro League in der portugiesischen Hauptstadt an – und die Vorfreude der Frankfurter Delegation auf die Partie gegen den portugiesischen Rekordmeister Benfica Lissabon steigt mit jeder Minute. Ein Straßenmusikant spielt gerade Céline Dions „My heart will go on“ auf der Gitarre, als Robin ihn bittet, ihm kurz das Instrument auszuleihen. Dann setzt er sich hin und stimmt „Im Herzen von Europa“ an. Schnell bildet sich ein Halbkreis von Eintracht-Fans, die ihre Schals hochhalten und einstimmen: „Eintracht vom Main, nur Du sollst heute siegen.“

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Anhänger des Frankfurter Fußballklubs genießen die Reise durch Europa in vollen Zügen. 3200 Karten hat der Verein offiziell für das Duell gegen Benfica bekommen, aber gut 6000 Frankfurter haben die Reise in die 540.000-Einwohner-Metropole am Atlantik angetreten. Waren zum Auswärtsspiel nach Mailand vor einigen Wochen die meisten Anhänger noch mit dem Auto oder mit dem Bus gefahren, war dieses Mal wegen der Entfernung das Flugzeug die erste Wahl.

          Frankfurt-Dublin-Lissabon

          „Die Flugpreise sind nach der Auslosung ziemlich schnell nach oben gegangen“, berichtet Robin. Deshalb ist er mit seinem Kumpel Patric am Mittwoch von Frankfurt nach Dublin geflogen. Ein englisches Frühstück, ein paar Bier in einem Pub und dann der Weiterflug nach Lissabon – und jetzt stehen sie in Lissabon am Tejo und genießen den Sonnenschein und den leichten Wind. Sie sind nicht die Einzigen. Die Promenade ist voll mit Gästen aus Hessen, die voller Vorfreude den Tag genießen.

          Frauenpower: Sigrid, Doris, Petra und Brigitte sind der Eintracht-Fanclub GZSZ - ihre Männer haben die Vier zu Hause gelassen

          Um in Lissabon dabei zu sein, mussten die Fans zum Teil sehr kreativ sein. Felix zum Beispiel. Er ist mit Freunden in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag mit dem Auto nach Paris gefahren und von dort in die portugiesische Hauptstadt geflogen. Nils hat sogar vor der Auslosung Vereinsmitgliedschaften bei allen potentiellen Gegnern der Eintracht abgeschlossen. Nachdem feststand, dass es nach Lissabon gehen würde, hat er sechs davon wieder gekündigt – und als Benfica-Mitglied Tickets bestellt.

          „Ein Win-win-Geschäft“

          Hobby-Gitarrist Robin, der noch drei weitere Lieder trällert, und Patric sind ohne Karten nach Portugal gereist. Nach ihrer Ankunft haben sie einen Benfica-Fan vor dem Fanshop des Klubs in der Fußgängerzone Rua Augusta angesprochen. Der entpuppte sich prompt als Klubmitglied und verkaufte ihnen zwei 25-Euro-Karten für das Spiel für 100Euro. „Ein Win-win-Geschäft“, meint Patric und grinst.

          Dass es lange so aussah, als könnten die Eintracht-Fans von der europäischen Fußballunion Uefa vom Auswärtsspiel in Lissabon ausgeschlossen werden, weil einige Unverbesserliche beim Spiel in Mailand Pyrotechnik gezündet hatten, hat die Anhänger nicht davon abgehalten, direkt nach der Terminierung des Spiels die Reise nach Lissabon zu planen. „Das war uns egal“, sagt Marcel und trinkt einen Schluck vom mitgebrachten Dosen-Äppler.

          Einstimmung: Robin aus Sachsenhausen sang „Eintracht vom Main...“ mitten in Lissabon

          Er ist mit seinen Freunden Daniel und Philipp gekommen. Seit der siebten Klasse sind sie befreundet, mittlerweile leben sie alle nicht mehr in Hessen. „Aber wenn die Eintracht auswärts spielt, treffen wir uns“, erzählt Philipp. Das war früher so, auch in der Zweiten Bundesliga, und das ist heute so. „Gerade weil wir Spiele in Heidenheim oder Sandhausen erlebt haben, können wir das hier so sehr genießen“, sagt Daniel. Schließlich wisse keiner, ob man nicht in zehn Jahren wieder in der zweiten Liga spiele. „Dann sitzen wir in Paderborn oder Bielefeld und sagen: Wisst ihr noch, damals, in Lissabon.“

          Schon am Abend zuvor war Lissabon voller Eintracht-Anhänger – und im Kneipenviertel Bairro Alto fühlte es sich ein bisschen so an, als wäre man an der Berger Straße. Die Bars heißen dort „Cariba“, „Luso“ und „Cargo“, und das Bier wird in Bechern für 3,70 Euro ausgeschenkt. Aus den Bars dringt Live-Musik auf die engen Gassen, die Stimmung ist friedlich und fröhlich. Der Besitzer der Bar „Arroz Doce“, ein Deutscher mit tiefer, rauchiger Stimme, sagt, in den vergangenen Wochen seien bei Heimspielen von Benfica schon die Anhänger von Dinamo Zagreb, Galatasary Istanbul, AEK Athen oder Bayern München da gewesen. „Aber so viele Fans wie von euch hab ich hier noch nie gesehen.“ Dann drängelt er sich an die Theke und gibt eine Runde Schnaps mit einem Schuss Kaffee aus.

          Die Gatten müssen Geld verdienen

          Wenn die Eintracht auf Reisen durch Europa geht, sind die Auswärtsspiele wie Familientreffen, findet Brigitte. Mit ihren Freundinnen Petra, Sigrid und Doris spaziert sie am Vormittag vor dem Spiel, den Fanschal um den Hals, durch Lissabon. Eigens für den Trip haben sie sich T-Shirts drucken lassen: Der Name ihres Fanclubs „GZSZ“ ist draufgedruckt, das steht für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, denn beides habe man ja mit der Eintracht erlebt, sagt Brigitte. Darunter steht „Frauenpower“, denn: Ihre Männer haben sie daheim gelassen. „Die müssen Geld verdienen, damit wir uns das hier leisten können“, sagt Sigrid und lacht.

          Am Nachmittag machen sich Hunderte beim Fanmarsch auf den Weg zum Estadio da Luz. Innen sind die Eintrachtfans zwar in der Unterzahl, aber gewohnt lautstark. Sie stärken ihrer Mannschaft, einheitlich gekleidet in schwarze und weiße Shirts, den Rücken – in der Hoffnung, die Reise durch Europa möge weitergehen. Trotz der 2:4-Niederlage sind Marcel und Philipp optimistisch, dass die Eintracht den Rückstand im Waldstadion wett macht. Hotel und Flug zum Endspielort nach Baku sind schon gebucht.

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