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Doktorarbeiten in Frankfurt : Jeder Dritte bekommt „summa cum laude“

Die Wahrscheinlichkeit, das Jung-Doktoren mindestens ein „magna” in ihrer Urkunde vorfinden, liegt bei über 50 Prozent Bild: AP

Das höchste Lob ist so kostbar, dass es in der regulären Notenskala gar nicht vorkommt. Die beginnt bei den Wirtschaftswissenschaftlern der Goethe-Universität mit „magna cum laude“. Dennoch: Wer eine Doktorarbeit zu Ende bringt, darf oft auf eine sehr gute Bewertung hoffen.

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          Das höchste Lob ist so kostbar, dass es in der regulären Notenskala gar nicht vorkommt. Die beginnt bei den Wirtschaftswissenschaftlern der Goethe-Universität mit „magna cum laude“, der zweitbesten Bewertung, mit der eine Doktorarbeit bedacht werden kann. Erst nach Aufzählung der drei darunter liegenden Qualitätsstufen - „cum laude“ für „gut“, „rite“ für „genügend“ und „non rite“ für „ungenügend“ - folgt in einem eigenen Absatz die Erläuterung, wie der Fachbereich wirklich exzeptionelle Dissertationen zu würdigen weiß: „Für hervorragende Leistungen kann ausnahmsweise das Prädikat ,summa cum laude - mit Auszeichnung' erteilt werden.“

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          So weit die Theorie. In Wahrheit ist die vermeintliche Ausnahme gar nicht so außergewöhnlich: Im vergangenen Jahr hat jeder vierte Promovend bei den Frankfurter Ökonomen mit der Bestnote abgeschlossen. Womit sich die Wirtschaftsprofessoren am Finanzplatz sogar immer noch eine gewisse Sparsamkeit beim Verteilen der Top-Zensur zugutehalten dürfen. Alle hessischen Universitäten zusammengenommen, lag der Anteil der „summa cum laude“-Arbeiten bei den Wirtschaftswissenschaften 2009 sogar bei 34 Prozent. Eine wirkliche Rarität war in diesem Fach dagegen das „rite“, wie aus den Zahlen des Statistischen Landesamts hervorgeht. Gerade mal ein Prozent der Neu-Doktoren musste sich mit dieser mauen Bewertung zufriedengeben.

          Jeder zweite Anwärter ein „magna cum laude“

          Anders als etwa die Biologen verteilen die Wirtschaftswissenschaftler bei Diplom- und Masterprüfungen die Einsen nicht gerade inflationär. Doch wenn höhere akademische Weihen zu spenden sind, ändert sich das - genauso wie bei den Juristen, in deren Staatsexamina gerade mal 20 Prozent der Studenten „voll befriedigend“ oder besser abschneiden. 2009 wurden immerhin 21 Prozent der rechtswissenschaftlichen Dissertationen mit einem „summa cum laude“ gewürdigt; ebenso wie bei den Ökonomen schaffte jeder zweite Anwärter ein „magna cum laude“.

          Im Mittel aller Fächer lag der Anteil der Spitzenarbeiten bei 16 Prozent; ein „magna“ ist mit 56 Prozent der statistische Normalfall, 24 Prozent der Arbeiten erreichten noch das „cum laude“, für drei Prozent blieb bloß das „rite“. Nur bei den Medizinern und Zahnmedizinern setzt sich die aus den Staatsprüfungen bekannte restriktive Notenpolitik zumindest teilweise im Promotionsstudium fort. Hier errangen im vergangenen Jahr bloß sechs Prozent ein „summa“, 49 Prozent erhielten „magna“ und 39 Prozent ein „cum“.

          Wann die Note auf der Urkunde zählt

          Für diese vom Gesamtbild abweichende Verteilung hat Thomas Klingebiel, Prodekan des Fachbereichs Medizin an der Goethe-Universität, eine einfache Erklärung: „,Summa' oder ,magna' kriegt bei uns nur, wer bei seiner Doktorarbeit auch im Labor gestanden hat.“ Das aber tun viele Anwärter nicht. Sie fertigen stattdessen theoretisch-statistische Auswertungen an, üblicherweise noch während des Studiums, meist vom sechsten bis zum achten Semester, vor Beginn des Praktischen Jahres. Etwa 50 Prozent der Studenten erwerben nach Klingebiels Angaben den Titel, viele davon wohl vor allem, um mit dem „Dr.“ ihre Reputation zu steigern - wenngleich die Patienten heute nach Einschätzung des Prodekans auch nichtpromovierte Ärzte akzeptieren.

          Wer allerdings am Frankfurter Uniklinikum bleiben will, braucht laut Klingebiel den Doktor. Und wenn der Promovend die akademische Laufbahn anstrebt, zählt auch die Note auf der Urkunde - nicht nur bei den Medizinern. Mindestens ein „magna“ sollte schon vorweisen können, wer über eine Habilitation nachdenkt, heißt es etwa bei den Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern. Nimmt man die Zahl der Bestnoten in beiden Fächern als Indiz, hätten dort etliche Jungdoktoren das Zeug zum Professor. Dass die herausragenden Bewertungen gerechtfertigt sind, davon sind die Dekane beider Frankfurter Fachbereiche allerdings überzeugt.

          Wirtschaftsprofessor Alfons Weichenrieder glaubt, dass das strukturierte Promotionsstudium an seiner Fakultät Leute abschreckt, die lediglich ihre Visitenkarte veredeln wollen. Mindestens einen „harten Schein“ müsse der Kandidat noch vor der Doktorprüfung erwerben. „Eine nicht zu vernachlässigende Zahl“ von Aspiranten scheitere in den Graduiertenprogrammen, gibt Weichenrieder zu; konkretere Angaben macht er nicht. Übrig blieben aber jene, die „echtes akademisches Interesse“ mitbrächten - und denen die Prüfer dann auch reinen Gewissens herausragende Zensuren geben könnten.

          „Voll befriedigend“ ist notwendig

          Mit einer wirkungsvollen Vorauswahl erklärt dagegen Weichenrieders Amtskollege bei den Juristen, Manfred Wandt, die vielen guten Noten in seinem Fach. Zur Promotion zugelassen werde nur, wer sein Staatsexamen mindestens mit „voll befriedigend“ abgeschlossen habe. Schon dies gelinge nur jedem Fünften, und von denen wiederum entschließe sich nur ein Bruchteil, den Doktor zu machen. Es seien oft die Ehrgeizigsten ihres Faches, denen es nicht um den Titel gehe, sondern um wissenschaftlichen Fortschritt.

          Jene, die sich dann doch als nicht ganz so brillant erweisen, dürfen auf die Unterstützung ihres Betreuers hoffen. „Ein ,rite' wird sehr selten vergeben, weil so eine Note letztlich auch zum Schaden der Fakultät ist“, erklärt Wandt. Meistens werde die Arbeit dann so lange nachgebessert, bis es doch noch zu einem „cum laude“ reiche. Aber auch hier kennt die Geduld der Professoren anscheinend Grenzen. Einem grammatikalisch nicht ganz sattelfesten Doktoranden hat Wandt nach eigenen Worten sehr deutlich gesagt, was er von ihm erwarte: „Wenn Sie es schaffen, vollständige Sätze zu formulieren, werde ich Sie weiter betreuen.“ Der Sprachkünstler begab sich lieber auf die Suche nach einem anderen Doktorvater und wurde offenbar fündig. Irgendwann schickte er Wandt stolz seine Visitenkarte - mit dem „Dr.“ drauf.

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