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Dissidentenschicksal : Kein Widerstand, kein Selbstmord, keine Flucht

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Sein Vorname bedeutet "zehntausend Sterne". Das steht in der chinesischen Tradition für unendliches Glück. Glück, davon konnte Wang Wanxing über ein Jahrzehnt nur träumen, wenn er mit Hilfe von Psychopharmaka Schlaf fand, sich nicht mehr der Qualen und Gefahren bewußt war.

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          Sein Vorname bedeutet "zehntausend Sterne". Das steht in der chinesischen Tradition für unendliches Glück. Glück, davon konnte Wang Wanxing über ein Jahrzehnt nur träumen, wenn er mit Hilfe von Psychopharmaka Schlaf fand, sich nicht mehr der Qualen und Gefahren bewußt war. Wang Wanxing war 13 Jahre in einem Pekinger Psychiatriekrankenhaus eingesperrt. Er hatte sich gegen das Regime gestellt und für die Demokratisierung Chinas demonstriert. Laut Human Rights Watch ist der am 10. Oktober 1949 in der chinesischen Provinz Shandong geborene Wang der erste der schätzungsweise 3000 aus politischen Gründen in chinesischen Psychiatrien Zwangsinhaftierten, der in das europäische Ausland entlassen wurde. Die Zeit in der Ankang-Psychiatrie, die 13 Jahre des Leidens, der Demütigung und der Gefangenschaft, sind ihm nicht anzusehen. Er ist körperlich fit, sein Körper durchtrainiert: eine alterslose Erscheinung. Auch sein Widerstandswille, sein Bestreben, gegen die Mißstände in China zu kämpfen, ist ungebrochen.

          Wang lebt mit seiner Frau in Sossenheim. Sie kam schon vor zwei Jahren als politischer Flüchtling nach Deutschland, jetzt wohnen sie in einer kleinen Zweizimmerwohnung, im sechsten Stock eines Sozialwohnungsbaus. Jeden Tag geht Wang joggen, hält sich mit Liegestützen fit. Kontakt mit seinen Brüdern hat er nicht mehr, seine Schwester ist früh verstorben.

          Schon in den sechziger Jahren hat Wang als Jugendlicher gegen die Kulturrevolution protestiert. Von Haftstrafen ließ er sich nicht einschüchtern, nahm in Kauf, daß er seine Arbeit verlor und ihm nach und nach die Lebensgrundlage entzogen wurde. Unermüdlich setzte er sich für die Demokratisierung ein. Die Kommunisten warfen ihm vor, Chinas Ansehen zu beschmutzen. "Ich habe versucht, mit den Kommunisten zu reden, aber niemand hat mir zugehört", sagt Wang.

          Gerade ist er vom Joggen gekommen, trägt noch Sporthose und Turnschuhe. Mit der goldumrandeten Brille und der Glatze wirkt er fast wie ein buddhistischer Mönch. Er lächelt freundlich, ist ein zuvorkommender Gastgeber. Die Sozialwohnung ist ihm peinlich. Für die Zukunft wünscht er sich, Besuch angemessener empfangen zu können. Doch zu mehr reicht die Sozialhilfe, die er und seine Frau derzeit bekommen, nicht aus. Wang räumt auf, zieht einen Vorhang vor den Kleiderschrank, macht Erinnerungsfotos. Dann beginnt er mit ruhiger Stimme, übersetzt von einem Dolmetscher, zu erzählen, von den 13 Jahren in der Polizei-Psychiatrie, von einem Leben des Kampfes für die Demokratisierung Chinas.

          Am 3. Juni 1992 ist Wang weltberühmt geworden: Mit einem Banner marschierte er in Peking auf den Platz des Himmlischen Friedens und forderte, die Regierung solle die Niederschlagung der Studentenproteste, das Tiananmen-Massaker am 4. Juni 1989, neu beurteilen und die Studenten rehabilitieren. Sicherheitskräfte nahmen ihn sofort fest. Schon einen Tag später kam er in ein Arbeitslager, nach einen Monat wurde er an die Polizei-Psychiatrie überwiesen - ohne Anhörung, ohne Rechtsbeistand. Mit der Aktion hatte er Studenten helfen wollen. Etwa 200 waren bereit gewesen, wieder auf den Tiananmen-Platz zu gehen, um am dritten Jahrestag des Massakers mit einer Kerzenmahnmalwache zu protestieren. Wang wollte ihnen zeigen, was geschehen würde. Er sei gegangen, um die anderen zu beschützen, sagt er heute.

          Der Preis dafür waren 13 Jahre in der Ankang-Psychiatrie. "An" heißt Sicherheit, "Kang" bedeutet Gesundheit. Offiziell heißt es, die Psychiatrien, von denen es etwa 25 in China gibt, dienten dazu, das Land vor gefährlichen Geisteskranken zu schützen. Aber auch politisch Andersdenkende werden dort eingesperrt und gedemütigt. Wang wurde auf einer Station mit 50 bis 70 zumeist geistesgestörten Straftätern festgehalten. Die Diagnose: "politische Monomanie".

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