https://www.faz.net/-gzg-9qdhs

Zukunft der Paulskirche : Debakel statt Debatte

In einem Bürgerdialog soll geklärt werden, wie die Paulskirche und ihre Umgebung künftig aussehen sollen. Bild: Marcus Kaufhold

So nicht: Der Auftakt zur Diskussion über die Neugestaltung der Paulskirche ist derart misslungen, dass sich grundsätzliche Fragen stellen.

          Dass für die erste öffentliche Diskussion über die Neugestaltung der Paulskirche der falsche Ort ausgewählt worden war, fiel auch dem Oberbürgermeister auf. „Der Kaisersaal ist Kontrapunkt zu dem Ort der Demokratie, den wir machen wollen“, sagte Peter Feldmann zu Beginn seiner Begrüßungsansprache. Aha, dachte sich der geneigte Zuhörer mit Blick auf die gekrönten Häupter an der Wand und wartete darauf, dass der Redner aus diesem Widerspruch einen intellektuellen Funken schlagen würde. Vergeblich.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Es blieb nicht die einzige Enttäuschung durch den Oberbürgermeister an diesem Abend. Dabei hatte er allen Anlass, sich Mühe zu geben. Immerhin hat er die einleuchtende Idee, die überfällige Sanierung der Paulskirche zum Anlass für eine Aufwertung dieses wichtigen Denkmals deutscher Geschichte zu nehmen, maßgeblich mit vorangetrieben.

          Vage Idee eines Demokratiezentrums

          Ihm schwebt ein Demokratiezentrum vor, entweder in dem ehemaligen Gotteshaus selbst oder in einem Nebengebäude, womöglich einem Neubau. In Berlin sind seine Gedanken auf fruchtbaren Boden gefallen, vom Bundespräsidenten und von der Kulturstaatsministerin sind aufmunternde Worte zu hören gewesen. Auch in der Hauptstadt denkt man darüber nach, wie sich in schwierigen Zeiten die Traditionsorte deutscher Demokratie in Frankfurt und andernorts besser inszenieren ließen.

          Die Zuhörer, die den Kaisersaal am Mittwochabend annähernd füllten, dürften in der Erwartung gekommen sein, erste Gedanken zu der Frage zu hören, was es mit dem Demokratiezentrum auf sich haben könnte, konzeptionell wie architektonisch. Ein fertiges Modell konnte niemand erwarten, hatte Feldmann doch mehrfach betont, dass das Zentrum in einem Bürgerdialog Form annehmen solle.

          Auch das ist nachvollziehbar. Gleichwohl bedürfte es einer ersten Idee, die der Debatte als Ausgangspunkt dienen könnte. Feldmanns Ausführungen war sie nicht zu entnehmen. Gleich zu Beginn hob er hervor, an diesem Abend nicht über Architektur reden zu wollen, denn die Wichtigkeit des Projekts „bemisst sich nicht aus dem Bauwerk, sondern aus den Menschen“. Feldmann nannte auch Beispiele für diese Menschen: „Mieterinnen und Mieter, die für einen Mietpreisstopp demonstrieren“ und „Schülerinnen und Schüler, die für ein Ein-Euro-Ticket demonstriert haben“.

          Nichts als rhetorische Fragen

          Zu überlegen, was aus diesem Lobpreis folgt, blieb wie so vieles an diesem Abend dem Zuhörer überlassen: Soll die Paulskirche zum Austragungsort von sozioökonomischen Verteilungskonflikten werden? Zum Ort für Kundgebungen, wie es Attac im vergangenen Jahr schon vorgemacht hat? Man hätte schon gern gewusst, ob der Oberbürgermeister für einen Ort ist, an dem mit jenen diskutiert werden soll, die den Zustand des Staates grundsätzlich kritisch sehen, oder ob ihm ein Ort der Selbstvergewisserung eines bestimmten Milieus vorschwebt. Kurz gesagt: Wird auch die AfD Zutritt haben, ebenso wie Attac?

          Stattdessen nutzte Feldmann die Figur der rhetorischen Frage: Ob es reiche, ein Symbol zu setzen? Ob es um Repräsentativität gehen könne? Um eine Eventlocation? Ob man ein Museum wünsche, und wenn ja: „Wie verstaubt möchten wir es denn?“ Da ging dann doch ein Raunen durch das geduldige Publikum.

          „Kommen und Gehen“

          Statt einigermaßen klare Vorstellungen zu entwickeln, pries Feldmann die seit Jahrhunderten eingeübte Diversität der Frankfurter, eines frechen Menschenschlags, der gern meckere, gleichwohl stets auf Ausgleich bedacht sei. Frankfurt ist für ihn die Stadt, „in der Lehrer nicht nach der Herkunft ihrer Schüler fragen, sondern danach, ob sie die Hausaufgaben gemacht haben“. In diesem Plauderton ging es weiter, über historische Abgründe hinweg. Der Höhepunkt war erreicht, als Feldmann Frankfurt als eine Stadt bezeichnete, in der „das Kommen und Gehen“ immer normal gewesen sei, etwa das der Hugenotten und Juden.

          Oberbürgermeister Feldmann gefällt offenbar die erhabene Position des Rednerpults nicht.

          Feldmanns Unschärfe-Rhetorik setzt voraus, dass die Zuhörer bereit sind, seine Worte in einer für ihn wohlwollenden Art zu verstehen. Widersprüche werden gut gelaunt in den Raum gestellt, mögen andere sich an ihnen abarbeiten. Dazu passt auch, dass Feldmann in der anschließenden Podiumsdiskussion dann doch über die Architektur redete, aber wiederum nur in Andeutungen. Offenbar missfällt ihm das Erhabene, das der Redner auf dem erhöht plazierten Pult im großen Saal der Paulskirche auf andere ausstrahlt und selbst empfindet. Und er sagte voraus, dass es einen Kompromiss geben werde zwischen den Anhängern eines Erhalts der Paulskirche in ihrer heutigen schlichten Gestalt und den Befürwortern einer Rekonstruktion.

          Partizipation und ihre Grenzen

          Es war Friedbert Greif vorbehalten, ein wenig konkreter zu werden. Der Partner des Planungsbüros AS+P stellte eine Studie mit ersten Überlegungen zum Umgang mit der Paulskirche vor. Sie selbst biete kaum Platz für das Demokratiezentrum, das Greif lieber als „Haus der Demokratie“ bezeichnete. Dieses Haus werde in der Umgebung der Paulskirche unterzubringen sein, entweder auf dem Paulsplatz, auf dem Parkplatz nördlich der Kämmerei oder in dieser selbst, womöglich in Form eines Dachausbaus.

          Wie nebenbei sagte Greif einen klugen, offenbar von schmerzhaften Erfahrungen mit Beteiligungsverfahren geprägten Satz: Mit dem Recht auf Partizipation verantwortungsvoll umzugehen, täten sich viele Menschen schwer. In diesem Fall könnte der Diskussionsprozess besonders heikel werden. Denn die Stadtverordneten haben ihrerseits schon Vorstellungen zur Paulskirche formuliert. Und dann ist da ja noch die Bundesebene, die im Austausch für das in Aussicht gestellte Geld auch Einfluss auf das Projekt einfordern wird. Der Oberbürgermeister übt sich da im vorauseilenden Gehorsam: „Wenn der Bundespräsident sagt, das wäre doch eine geniale Idee, werden wir uns nicht hinstellen und sagen, was will der denn.“ Insofern war der Kaisersaal am Ende doch der richtige Ort für die Auftaktveranstaltung einer Debatte, die als Farce begonnen hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Interviewabbruch : Es bleiben viele Fragen an Höcke

          Die Aufregung über den Interview-Abbruch und die Drohungen von Björn Höcke verstellt den Blick auf die eigentliche Frage: Wes Geistes Kind ist der AfD-Politiker?

          Nicht die Jungen überzeugen : Der FC Bayern und seine alte Achse

          Löw hat’s gesehen: Die Münchener spielen gegen Leipzig zumindest eine herausragende erste Halbzeit. Das liegt vor allem an den Routiniers. Neuer, Boateng, Müller und Lewandowski halten die Zeit an.
          Der Hausarzt: Klaus Reinhardt in seiner Bielefelder Praxis

          Neuer Ärztepräsident : Der doppelte Reinhardt

          Der Mann ist Hausarzt mit Leidenschaft. Aber Klaus Reinhardt ist immer nur montags in seiner Bielefelder Praxis. Sonst macht er Politik in Berlin – als Präsident der Bundesärztekammer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.