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Dippemess : Süchtig nach dem Rausch des Rummels

  • -Aktualisiert am

Mit Tempo bergab: die Wildwasserbahn auf der Dippemess Bild: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes

Marlis Löwenthal zieht mit ihrer mobilen Wildwasserbahn von einem Volksfest zum nächsten. Die Schaustellerin ist dem Leben auf dem Jahrmarkt verfallen - auch wenn es nicht immer einfach ist.

          Sie hatte das Leben auf dem Rummelplatz nicht gewollt. In einem Wohnmobil zu leben, das im Jahr vierzigtausend Kilometer fährt und doch nirgendwo anzukommen scheint; jeden Morgen aufzuwachen und nicht zu wissen, in welcher Stadt sie gerade gastiert. Das war das Leben ihrer Eltern, die mit ihrer Eiskonditorei vierzig Jahre lang die deutschen Jahrmärkte bereist haben. Dieses Leben wollte Marlis Löwenthal nicht.

          Sie sehnte sich nach einem hübschen Haus mit Garten, vielleicht in ihrer Heimatstadt Delmenhorst. Dennoch sitzt die Fünfzigjährige nun im Kassenhäuschen der „Piratenbahn“ und verkauft Tickets auf der Dippemess'. Auf dem Boden steht eine kleine Heizung, neben ihr auf dem Tresen ein Fernseher, der sie an trostlosen Abenden unterhält. „Hier bin ich nun“, sagt sie und zeigt auf die fünfzehn Meter hohe Wildwasserbahn. „Im nachhinein denke ich, daß es so kommen mußte. Vielleicht, weil ich irgendwann gemerkt habe, daß ich auf dem Rummelplatz zu Hause bin.“

          Schillernde Jahrmarktwelt

          Die Erkenntnis kam mit siebzehn, als sie den Mann kennenlernte, den sie später geheiratet hat. Er war der Sohn einer Losbuden-Familie aus Worms. Mit ihm ließ sie sich auf die schillernde Jahrmarktwelt ein, die mit ihrem Charme zu verbergen weiß, wie bitter das Leben hinter den Kulissen ist - wenn nachts die Lichter erlöschen und abgerechnet wird, und wenn am Ende einer Veranstaltung die Furcht näherrückt, im nächsten Jahr nicht mehr gebucht zu werden.

          Immer gut festhalten

          „Das Schaustellerleben ist nicht einfach“, sagt Marlis Löwenthal. „Aber irgendetwas scheint doch an diesem Leben dran zu sein.“ Wenn sie auf einen Platz komme, fange sie jedesmal bei null an, ohne Wasser, ohne Strom. Manchmal stehe man mit seinem Wagen wunderschön und manchmal komplett im Dreck. Das mache den Reiz aus.

          Als ihre Kinder sechs Jahre alt waren, schickte sie sie in ein Internat. Leicht fiel es ihr nicht. Zu viele Schaustellerfamilien habe sie kennengelernt, die ihre Sprößlinge mitgenommen hätten und jedesmal in eine neue Schule schickten, bis die Kinder gar nicht mehr lernen wollten. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten“, sagt die Fünfzigjährige. „Entweder, die Kinder wachsen bei den Eltern auf, ohne gescheite Ausbildung. Oder sie leben im Internat. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden.“

          Rustikale Boote

          Ihr Sohn und ihre Tochter kamen jeden Freitag nachmittag angereist. Sonntags, nach dem Frühstück, fuhren sie mit dem Zug wieder heim. „Jedesmal sind Tränen geflossen“, sagt Marlis Löwenthal. Tränen, die sie an ihre eigene Kindheit erinnert haben. Sie hatte bei ihren Großeltern gelebt und das örtliche Gymnasium besucht. Ihre Eltern sah sie am Wochenende und in den Ferien. Sie mochte die Schule, auch wenn sie als „Zigeunerkind“ beschimpft worden war. Wer sie so nannte, bekam eine Ohrfeige. Danach war Ruhe.

          Die Vorurteile sind heute immer noch da. Statt Ohrfeigen zu verteilen, lädt Marlis Löwenthal kleine Besuchergruppen hinter die Kulissen ein. Die Menschen stehen Schlange, um mit ihrer Bahn zu fahren, die schon von weitem als „Pirateninsel“ zu erkennen ist. Es sind Großeltern, die mit ihren Enkeln kommen, oder verliebte Pärchen, die sich in den rustikalen Booten durch das Wasser treiben lassen. Wenn die Schaustellerin an der Kasse sitzt, plaudert sie mit den Fahrgästen wie mit Freunden, die sie lange nicht gesehen hat. Winzige Falten kräuseln sich um ihre Augen, wenn sie lacht. Kommt jemand zum zweiten- oder drittenmal, sagt sie: „Du warst doch eben schon mal hier.“

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