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Dieter Graumann : „Judentum hat in Deutschland wieder ein Zuhause“

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Auf der Höhe der Zeit: Dieter Graumann Bild: Helmut Fricke

Seit einem Jahr ist der Frankfurter Dieter Graumann Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Konnte er seine Ankündigung wahr machen, ein frisches Judentum zu präsentieren?

          7 Min.

          Sie wollen ein frisches, fröhliches Judentum zeigen. Sind zumindest Sie persönlich nach einem knappen Jahr als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland fröhlicher geworden?

          Aber ja – und wie sogar! Denn wenn ich sehe, wie unglaublich positiv und kraftvoll sich das neue plurale Judentum in Deutschland entwickelt, ja: wieder frisch zu blühen beginnt, ist meine Begeisterung nur ganz schwer zu bremsen.

          Mit welchen Problemen haben Sie sich vor allem herumschlagen müssen?

          Mir war und ist es wichtig, einen Wechsel zu bewirken in der Art, wie wir Juden uns nach außen hin präsentieren – künftig nämlich positiv, engagiert und offen. Einerseits ist dies wichtig für uns, die jüdische Gemeinde selbst, andererseits aber auch der Versuch, endlich anders wahrgenommen zu werden.

          Was sollte sich ändern?

          Das Judentum darf nicht verengt werden auf Formeln wie Schoa plus Antisemitismus. Niemand muss mir sagen, dass diese Themen wichtig sind. Aber wir Juden dürfen uns doch von ihnen nicht dominieren lassen. Wir können nicht in der Vergangenheit und nicht in den uns widerfahrenen Katastrophen leben. Schon gar nicht dürfen diese unsere Identität ausmachen. Wir dürfen uns nicht auf den Status einer Opfergemeinschaft, die wir schon lange nicht mehr sind, reduzieren lassen und schon gar nicht immerzu chronisch melancholisch Trauer zelebrieren.

          Wo also bleibt das Positive?

          Dazu komme ich gleich. Zuerst aber noch ein andrer Punkt, der nicht förderlich war. In den vergangenen Jahren haben wir Juden uns manchmal eventuell doch zu oft reflexhaft „empört“. Das hatte sich abgenutzt. Und deshalb sollten wir diesen Zustand ändern.

          Drängt die Öffentlichkeit dem Zentralrat und dessen Präsidenten zu sehr die Rolle eines Gewissens der Nation auf?

          Die Öffentlichkeit sind in diesem Fall die Journalisten – die bösen, bösen Journalisten! Wann immer in Deutschland etwas passiert, erwarten sie vom Zentralrat eine klare, knackige und möglichst aggressive Stellungnahme, die sich auch gut in der Öffentlichkeit verkauft.

          Wie beantworten Sie solche Anfragen?

          Nicht reflexhaft. Wenn es aber angebracht ist, engagieren wir uns mit Feuer und Leidenschaft.

          Sie meinen beim Thema Linke und Antisemitismus?

          Da hat sich der Zentralrat in den vergangenen Wochen tatsächlich eine temperamentvolle Diskussion mit der Linkspartei geliefert, die allerdings auch sehr nötig und längst überfällig war. Die Frage, wie viel Antisemitismus in der Linkspartei zu finden ist, betrifft aber ja ganz Deutschland. Die Linkspartei ist gewiss keine antisemitische Partei, in Ostdeutschland engagiert sie sich sogar vorbildlich gegen braune Umtriebe.

          Steckt hinter Ihrer Kritik an der Linken die Annahme, dass eine aggressive Form von Israel-Kritik oft eine verdeckte Form des Antisemitismus darstellt?

          Darstellen kann. Kritik an Israel an sich ist schließlich bestimmt nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Es kommt jedoch auf das Ausmaß, die Art und Weise an, wie diese Kritik geäußert wird und welche Argumente ihr zugrunde liegen oder welche Handlungen in ihrem Namen getätigt werden. In der Linkspartei gibt es jedenfalls zu viele, deren eingefleischter Israel-Hass inzwischen längst antisemitisch ausgelebt wird.

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