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Diesterweg-Stipendium : „Harte Bergtour“ für begabte Migrantenkinder

Begabungen fördern: das ist das Konzept des Diesterweg-Stipendiums. Bild: DPA

Vor allem in Zuwandererfamilien können an für sich begabte Kinder ihr Talent oft nicht entfalten, weil die Eltern ihnen auf ihrem Bildungsweg kaum zu helfen vermögen. Hier hilft das Diesterweg-Stipendium.

          Alle Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Doch oft wissen Vater und Mutter nicht so recht, was das Beste für ihre Söhne und Töchter ist und wie sie es erreichen können – diese Erfahrung hat Gisela von Auer während ihrer jahrzehntelangen Lehrtätigkeit an einer Hauptschule im multikulturellen Frankfurter Gallusviertel immer wieder gemacht.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor allem in Zuwandererfamilien können an für sich begabte Kinder ihr Talent oft nicht entfalten, weil die Eltern ihnen auf ihrem Bildungsweg kaum zu helfen vermögen. Sei es, dass sie schlecht Deutsch sprechen und deshalb keinen Kontakt zu Lehrern aufnehmen, sei es, dass sie das deutsche Schulsystem nicht kennen. Häufig kommen sie aus Ländern, in denen man Kinder traditionell bei der Schule abliefert und ihr die ganze Sorge um deren Bildung überlässt. Deshalb wissen sie in vielen Fällen nicht, dass in Deutschland eine gewisse Mithilfe der Eltern unverzichtbar ist.

          Neben Kursen gibt es 600 Euro im Jahr

          Für solche bildungsfernen Familien hat die Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt vor zwei Jahren das Diesterweg-Stipendium erfunden, das erste Familienstipendium in Deutschland. „Ohne Eltern geht es nicht“, erkannten damals Stiftungschef Roland Kaehlbrandt und seine Mitarbeiter. Die Lösung war ein Stipendium, das Kinder mit gutem Potential für eine höhere Schulbildung in der vierten und fünften Klasse unterstützt und gleichzeitig den Eltern ermöglicht, Bildungsbegleiter ihrer Söhne und Töchter zu werden.

          Die Eltern können an sechs Samstagen an einem Akademie-Programm und an Exkursionen teilnehmen. Darüber hinaus wird ihnen eine persönliche Betreuung und Beratung angeboten. Auch für die Kinder ist ein Akademie-Programm vorbereitet, dazu stehen Ferienkurse auf dem Programm, in denen sie Deutsch, Englisch und Lerntechniken erlernen können. Für Bücher oder Nachhilfestunden stehen Eltern darüber hinaus 600 Euro im Jahr aus einem Bildungsfonds zur Verfügung.

          Stipendium hat Erfolg

          Jetzt, zwei Jahre später, scheidet die erste Generation der Diesterweg-Stipendiaten aus, und heute wird bei einem Festakt im Haus Gallus eine neue für zwei Jahre aufgenommen. Die Stiftung und die Projektförderer vom hessischen Kultus- über das Integrationsministerium bis zum Frankfurter Bildungsdezernat können guten Gewissens behaupten: Unser Plan ist aufgegangen.

          Das europäische Forum für Migrationsstudien an der Universität Bamberg unter Professor Friedrich Heckmann hat das Projekt begutachtet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass das „Diesterweg-Stipendium“ ein Erfolg ist. Die Evaluation ergab, dass alle 21 Familien der ersten Generation bis zum Ende die Angebote des Stipendiums nutzten. Alle 22 Kinder wechselten nach der vierten Grundschulklasse auf eine weiterführende Schule: 13 von ihnen wurden in ein Gymnasium aufgenommen, eines in den gymnasialen Zweig einer Kooperativen Gesamtschule, zwei in eine Realschule und sechs in eine Integrierte Gesamtschule.

          Eltern können ihren Kindern nun besser beim Lernen helfen

          Alle Kinder wurden versetzt, keines aber musste in einen anderen Schultyp wechseln. Der Notendurchschnitt der Stipendiaten liegt bei zwei. Der Weg von der vierten Klasse der Grundschule – hier beginnt das Stipendium – zur höheren Schule ist für die Diesterweg-Kinder allerdings kein Spaziergang gewesen, sondern war, wie Projektleiterin Auer es formuliert, oft eine „harte Bergtour“. Die vom Kultusministerium mit einer halben Stelle für das Projekt abgeordnete Hauptschullehrerin war für Eltern und Kinder Ansprechpartnerin in allen Notlagen.

          Laut Evaluationsbericht können die beteiligten Eltern jetzt ihren Söhnen und Töchtern besser beim Lernen helfen. Sie kennen sich mittlerweile besser im deutschen Schulsystem aus, haben Kontakt zur Schule und zu Lehrern, besuchen Elternabende oder Sprechstunden, und manche haben sich sogar zu Elternbeiräten wählen lassen. An einem kleinen Erlebnis machte Gisela von Auer deutlich, wie sich auch bildungsferne Eltern die Welt der Bildung öffneten. Nach einer Exkursion in eine Stadtteilbibliothek ließ sie für alle Leseausweise ausstellen. Rückmeldungen ergaben, dass viele der Väter und Mütter inzwischen regelmäßig Medien ausleihen oder die Bücherei nützen.

          Interessenten aus anderen Bundesländern haben sich schon gemeldet

          7500 Euro kostet die Polytechnische Stiftung ein Diesterweg-Stipendium im Jahr. Jetzt ist die Marga- und Kurt-Möllgaard-Stiftung als Partner dazugestoßen. Mit 150 000 Euro aus ihrer Kasse konnte die Zahl der Stipendien von 22 auf 32 erhöht und eine weitere Betreuerin eingestellt werden. Das hessische Integrationsministerium sieht das Stipendium auch als ein Hilfsmittel für die Integration an und ist von den Ergebnissen so angetan, dass es, wie Staatssekretär Rudolf Kriszeleit (FDP) gestern ankündigte, einen „eher höheren Beitrag“ als bisher leisten wird.

          Kriszeleit ist ebenso wie Frankfurts Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Die Grünen) besonders überzeugt von der Einbeziehung der Eltern – ein deutschlandweit fast einzigartiger Projektansatz. Schon haben sich Interessenten aus anderen Bundesländern und Institutionen bei der Polytechnischen Stiftung gemeldet. Das Diesterweg-Stipendium könnte Schule machen.

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