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Diebe auf dem Weihnachtsmarkt : Auf der Lauer zwischen Buden

„Die Täter nutzen jeden Augenblick der Unachtsamkeit aus”, sagen Zivilfahnder mit Blick auf Langfinger auf dem Weihnachtsmarkt Bild: Anna Jockisch

Für Taschendiebe ist die Weihnachtszeit die Hauptsaison - wie für die Polizei. Zivilbeamte sind im Dauereinsatz, um die Täter festzunehmen. Ein Rundgang auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt.

          2 Min.

          Die junge Frau dreht ihre Runden. Seit einer Viertelstunde schon. Sie zieht von einem Schuhgeschäft zum nächsten und bleibt immer dann ganz unauffällig zwischen den Regalreihen stehen, wenn sie den besten Blick auf die Kundinnen hat. Als eine Frau einen Schuh anprobiert, zum Spiegel geht und dabei ihre Handtasche achtlos liegenlässt, greift die junge Frau zu. Sie nimmt die Tasche und eilt auf den Ausgang zu. Doch ehe sie entkommen kann, wird sie festgenommen - von zwei Zivilpolizisten, die auf die junge Frau aufmerksam geworden waren und ihr anschließend durch die Geschäfte gefolgt sind.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt, in der Weihnachtszeit, kontrolliert die Polizei intensiver als sonst. Denn erfahrungsgemäß reisen einige Taschendiebe extra an, um auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt oder in den am Wochenende überfüllten Geschäften auf der Zeil Beute zu machen. Am vergangenen Wochenende haben Beamte des „Zivilkommandos Mitte“, das dem 1. Polizeirevier auf der Zeil zugeordnet ist, ein Pärchen festgenommen, das ebenfalls in Schuhgeschäften mit derselben Masche wie die junge Frau mehrere Portemonnaies gestohlen hat. Die anderen Kunden und auch die Verkäuferinnen hatten nichts bemerkt.

          „Rempel-Trick“ als beliebte Masche

          „Die Täter nutzen jeden Augenblick der Unachtsamkeit aus“, sagt Zivilfahnder Johannes Winkler, der schon seit Jahren Taschendiebe aufspürt und seinen richtigen Namen nicht nennen darf. Die Diebe gingen oft sehr professionell vor. In den meisten Fällen merkten die Opfer erst viel später, dass ihnen das Portemonnaie, die Armbanduhr oder andere Wertsachen gestohlen worden seien. Und so hat Winkler, der - getarnt als normaler Besucher - in der Adventszeit fast jeden Tag über den Weihnachtsmarkt und die Zeil läuft, schon fast jeden Trick mindestens einmal erlebt.

          Eine beliebte Masche ist der „Rempel-Trick“. Das Opfer wird im Gedränge angerempelt oder anders abgelenkt; währenddessen macht sich der Täter an dessen Tasche zu schaffen und zieht das Portemonnaie heraus. Beim „Stadtplan-Trick“ wird das Opfer nach dem Weg gefragt. Einer der Täter hält ihm dann einen Stadtplan hin und bittet darum, den Weg zu zeigen. Währenddessen durchsucht ein Komplize in aller Ruhe die Tasche des Opfers.

          Oft auf Weihnachtsmärkten angewandt wird auch der „Geldwechsel-Trick“, bei dem der Täter sein Opfer nach Kleingeld fragt und dabei auf bestimmte Münzen zeigt. In dem Moment, in dem seine Hand die Geldbörse berührt, zieht der Dieb unbemerkt die Scheine heraus.

          Doch nicht immer müssen Diebe auf solche Tricks zurückgreifen, wie Winkler weiß. Oft gehen sie ihrem Opfer einfach nur im Gedränge hinterher und ziehen im Gedränge unbemerkt den Reißverschluss eines Rucksacks oder einer Handtasche auf. Der Diebstahl selbst dauert dann nur wenige Sekunden.

          Ein Lächeln als Motivation

          Winkler sucht bei seinen Streifen nach genau solchen Situationen. „Dabei braucht man einen guten Blick und eine gute Menschenkenntnis“, sagt er. In den vergangenen Jahren haben Winkler und seine Kollegen bis zu 40 Taschendiebstähle im Jahr aufgeklärt, indem sie die Täter aufgespürt und beobachtet haben. Die meisten sind Wiederholungstäter, so wie die junge Frau, die die Handtasche in dem Schuhgeschäft gestohlen hat. Ihr Vorstrafenregister füllt sich seit Jahren - mit dem gestohlenen Geld finanziert sie ihre Drogensucht.

          Gegen 21 Uhr, wenn der Frankfurter Weihnachtsmarkt schließt, ist auch für Winkler und seine Kollegen der Dienst beendet. „Viele Überstunden fallen in dieser Zeit an. Manchmal vergehen auch Tage, an denen wir nicht fündig geworden sind“, sagt der Polizist. Dafür trifft er auf dem Weihnachtsmarkt immer wieder „alte Bekannte“: ehemalige Opfer, denen Winkler einst zum Beispiel die gestohlene Geldbörse wieder beschafft hat. „Da gibt es so ein älteres Ehepaar, die sehe ich jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt“, sagt der Beamte. „Die grüßen dann ganz nett und lächeln einen an. Das ist die beste Motivation.“

          Wie man sich gegen Taschendiebstahl schützen kann

          -Geld sowie EC- und Kreditkarten immer verschlossen in einer Innentasche aufbewahren; -Taschen mit dem Verschluss direkt am Körper tragen; -besonders achtsam sein, wenn jemand nach dem Weg fragt oder im Gedränge rempelt;

          -Fremden kein Geld wechseln;

          -für kleinere Käufe auf dem Weihnachtsmarkt Kleingeld in der Tasche bereithalten, damit das Portemonnaie gar nicht erst aus der Tasche geholt werden muss;

          -beim Schuhkauf die Handtasche nie aus den Augen lassen. (isk.)

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